30. September 2012
Über die Hierarchien und Umgangsformen in der Freiberger Stadtverwaltung informierte Steffen Judersleben, seines Zeichens stellvertretender Büroleiter des Oberbürgermeisters, die Sächsische Zeitung. Die selben Plattitüten von Querdenkern kennt man von Oberbürgermeister Schramm. Der autoritäre Gestus, der darin zum Vorschein kommt, entlarvt sich von selbst, sodass wir auf weitere Kommentierungen verzichten.
weitere Informationen:
Freiberg als Mitmach-Gemeinschaft
Zivilgemeinschaft und Stadtgesellschaft
erschienen in Sächsischer Zeitung vom 31. August 2012
von Carsten Gäbel
Steffen Judersleben leitet das Projektbüro für den Tag der Sachsen in Freiberg. Er erklärt, worauf ein guter Chef achten muss.
Seit sieben Wochen hat er die Wochenenden durchgearbeitet, sagt Steffen Judersleben, seines Zeichens stellvertretender Amtsleiter im Büro des Oberbürgermeisters, Betriebswirtschaftler, Umweltberater, ehemaliger Mitstreiter in der kirchlichen Umweltbewegung der DDR und Gründer der Allianz Unabhängiger Wähler. Das Telefon fiept aller paar Minuten, wenn die Anrufweiterleitung anspringt, Textnachrichten lassen das Handy klingeln und vibrieren. Eine Schachtel Gauloises liegt neben Papier und einer Tüte nepalesischen Kaffees auf seinem grauen Schreibtisch in der ehemaligen Freiberger Wohngeldstelle. Steffen Judersleben ist – das signalisiert jede Bewegung, jeder Satz – elektrisiert. An diesem Montag sind es noch weniger als zwei Wochen bis zum Tag der Sachsen, das Projektbüro ist ein Tollhaus, wenn auch ein wohl organisiertes. Dem Oberorganisator macht sein Job sichtbar Spaß und jetzt ist die Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er seine achtköpfige Truppe so aufstellt, dass der Tag der Sachsen für die Vereine nicht zu teuer, für die Besucher unterhaltsam und für die Freiberger nicht zum Verkehrsalptraum gerät.
Niemand in Juderslebens Team – kaum einer ist älter als 40 – hat je eine Großveranstaltung organisiert. Dabei ist das größte Volksfest Sachsens keine Spielwiese. Selbst wenn etwas schief läuft, steht der Termin 7. September unumstößlich fest. Sich irgendwo Topleute mit viel Erfahrung zusammenzukaufen, kann sich die Stadt Freiberg nicht leisten. Umso wichtiger ist es, die eigenen Leute richtig zu führen. Im Mittelpunkt, sagt Judersleben, müsse immer die Motivation der Mitarbeiter stehen. „Wer motiviert ist, hat das Gefühl etwas
bewegen zu können. Das ist natürliches Doping“, erklärt der für diesen Job abgeordnete stellvertretende Amtsleiter im Büro des Freiberger Oberbürgermeisters. Ein Vorbild für Judersleben ist der Coach des jüngsten Deutschen Fußballmeisters: „Warum laufen die Dortmunder mehr als alle anderen?“, fragt der Chef-Organisator. Seine Antwort ist klar: Es liegt an Trainer und Motivator Jürgen Klopp. Steffen Judersleben hat ebenfalls bereits einiges zum Laufen gekriegt in Freiberg und Umgebung. Als Spiritus Rector der Freiberger Namaste Nepal Schüler-GmbH ist er stolz auf die durchschnittlich 35000 Euro, die das Unternehmen bisher Jahr für Jahr erwirtschaftet und nach Nepal überweist. Zuerst bauten sie Schulen, dann vermarkteten sie mit hohem vierstelligen Gewinn Nepal-Kalender, neuerdings importieren sie Kaffee, an dem die Bauern fair mitverdienen. Sponsoren hat die Schülerfirma seit fünf, sechs Jahren nicht mehr von sich aus angesprochen.
„Mit jungen Menschen arbeite ich sehr gerne zusammen. Ich denke, dass junge Kreative sich heute lieber in Projekten als in administrativen Strukturen engagieren“, sagt Judersleben. Aber wie münzt man guten Willen und Spaß an der Arbeit in sichtbare Erfolge um? Man kennt das ja: Wenn das Engagement sich in endloser Detailarbeit verbrennt und die falschen Leute die richtige Arbeit machen, sind am Ende das Geld alle, die Mitarbeiter verbraucht und die Aufgabe ist doch nicht zu Ende gebracht. Judersleben: „Als Chef muss man aufpassen, dass die Mitarbeiter nicht zu sehr auf das Ziel hinträumen und auf diese Weise die Gegenwart aus den Augen verlieren. Ein Vorgesetzter muss Etappenschritte definieren und seine Leute auf Hindernisse hinweisen“, sagt der Vater von zwei Söhnen. Ein guter Chef muss außerdem merken, welchem Mitarbeiter welche Aufgaben liegen. „Es genügt nicht, morgens ‚Guten Tag‘ zu sagen und sich dann in seinem Büro zu verkriechen“, erklärt der Oberorganisator. Er hat deshalb seine Mitarbeiter im Blick, achtet auf Zeichen wie die Körperhaltung oder darauf, wie entspannt jemand ist. „Wer in einer Stunde nur zwei Zeilen zustande bekommt, ist wahrscheinlich mit der Aufgabe überfordert. Das muss ein Leiter sehen und reagieren“, erklärt Judersleben. In seinem eigenen Team konnte er einen Glücksgriff tun, als sich die mittlerweile pensionierte, ehemalige Leiterin der Tag der Sachsen-Geschäftsstelle in der Staatskanzlei Brigitte Kuhle dazu überreden ließ, das Freiberger Team für einige Stunden pro Woche zu unterstützen. „Sie kennt wirklich alle Leute, die man kennen muss. Wir müssen nicht erst mühsam Ansprechpartner recherchieren. Frau Kuhle steigert unsere Arbeitseffizienz ungemein“, so der Projektbüroleiter.
Judersleben, der in diesem Jahr seinen 52. Geburtstag feiert, ist ein Chef, der sich, wenn es sein muss, in die Arbeit seiner Mitarbeiter einmischt: „Ich führe, egal mit wem, eine klare deutsche Sprache und spreche Probleme deutlich an.“ Gefühle blieben dabei nicht außen vor. „Ich bin ein emotionaler Mensch“, so der Langhennersdorfer. Er wolle aber auch selbst Widerspruch mit eigenen Ohren hören. „Hinten herum zu diskutieren, ist das Ende eines guten Teams.“ Alleingänge eines Leiters machen für Judersleben keinen Sinn. Wer keine „Querdenker“ im Team haben wolle, fördere Ja-Sager und systemkonforme Karrieristen. „Ich denke, damit fährt man langfristig den Karren an die Wand“, ist der Oberorganisator überzeugt. Zum Aufatmen wird Steffen Judersleben auch nach dem Tag der Sachsen nicht gleich kommen. Das Ereignis will nachgearbeitet und ausgewertet werden. Am 14. Oktober steht die nächste Projektreise nach Nepal mit Schülern des Freiberger Geschwister-Scholl-Gymnasiums in seinem Kalender. Vielleicht ist danach wieder Zeit für die To-Do-Liste zu Hause bei Frau und Vieh auf seinem Vierseitenhof in Langhennersdorf. Die Liste stellt seine Frau auf und der Cheforganisator des Tags der Sachsen nicht infrage. „Es ist doch gut“, sagt der Mann mit dem Sieben-Tage-Bart schmunzelnd, „wenn man sich auf die übergeordnete Dienststelle verlassen kann.“