Der Franz-Mehring-Platz ist Teil des heutigen Wohngebiets Seilerberg, das seinerseits auf das Projekt einer “Freiberger Siedlung” zurückgreift, mit deren Bau – außerhalb der Altstadt, zwischen Berthelsdorfer und Hegelstraße - 1924 begonnen wurde. Es ging um die Bereitstellung preiswerten Wohnraums für sozial schwächere Familien im Sinne des Gartenvorstadt-Modells. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre bereitete der Bautätigkeit jedoch bald ein Ende.

In der Naziära wurde die Siedlung ab 1933 unter Anwendung verschiedener Bauformen (Einfamilien-Doppelhäuser, später Sechsfamilienhäuser) nach einem Projekt des Stadtbaudirektors Dr. Salzmann (u. a. Krankenhaus am Donatsring) zunäcchst zügig erweitert. Die Finanzierung erfolgte teils aus Eigenmitteln der künftigen Eigentümer, teils mit Hilfe von Darlehen von deren Arbeitgebern.

Mit der Förderung des Wohnungsbaus zielten die Nazis auf die Stärkung ihrer Massenbasis unter Arbeitern und im Kleinbürgertum (aus dem sich u. a. besonders die SA rekrutierte) ab. Zu jeder Wohnung im Siedlungsgebiet gehörten Boden, Kellerraum, Trockenboden und Abstellraum. Die Grundstücke waren durch Maulbeerhecken (zur Herstellung von Fallschirmseide für den geplanten Krieg) voneinander abzugrenzen.

Der heutige Franz-Mehring-Platz (benannt nach dem bedeutenden marxistischen Historiker) wurde aus der Vorstellung eines zentralen kreisrunden Dorfangers heraus 1936 in Anlehnung ans Hakenkreuz als Platz “Am Sonnenrad” eingeweiht. Die mit rein dekorativ nachgebildetem Fachwerk (welches germanische Runenzeichen enthielt) gestalteten Giebel von 24 Sechsfamilienhäusern gaben diesem Platz, der seine Fortsetzung in einem weiteren längsgestreckten Platz fand (auf dem heute die Kaufhalle die Stelle des damaligen Kinderspielplatzes einnimmt), den architektonischen Rahmen.

Ein großes Steinmal mit vier Bruchsteinsäulen (Pylonen) trennte Rund- und Längsplatz voneinander. Die Säulen stellten:

  • einen SA-Fahnenträger mit fliegendem Adler und SA-Abzeichen
  • einen Arbeitsdienstmann mit seinem Abzeichen
  • einen Soldaten und
  • eine Mutter mit vier Kindern

als Eckpfeiler des NS-Staates dar und wurden deshalb in den 60er Jahren von der DDR beseitigt. Zur Siedlung, die 1938 den Namen des NS-Gauleiters Martin Mutschmann (nach 1945 zunächst: Rudolf Breitscheid) erhielt, gehörten noch einige kleinere Plätze, ein HJ-Heim und ein Areal für Freiluftveranstaltungen (einer altgermanischen Thingstätte nachempfunden). Kindereinrichtungen und Schulen blieben in der Planung stecken. Die Straßennamen knüpften an die nationalsozialistische Auslandsdeutschen-Politik an, welche einen Vorwand für Expansionskriege lieferte.

Der Siedlungsbau endete nach Beginn des 2. Weltkrieges. Die Gartenerträge ergänzten ebenso wie die Kleintierhaltung die immer mehr schrumpfenden Lebensmittelrationen.

Von 1957 bis 1964 wurden in der DDR mehrere hundert Wohnungen (meist in Großblockbauweise), später Kinderbetreuungseinrichtungen, die Kaufhalle und eine 10klassige polytechnische Oberschule errichtet. Am Franz-Mehring-Platz entstanden AWG-Einfamilienhäuser (AWG: Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft), die sich aber nicht in seine ursprüngliche architektonische Konzeption einfügten.

Nach umfangreichen individuellen Modernisierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen der Siedler erfolgte von 1994 bis 1997 eine Komplexrekonstruktion aller Objekte der Wohnungsgenossenschaft in der Siedlung (Umstellung auf Zentralheizung und -wasserversorgung, Dacherneuerung, Wärmedämmungsmaßnahmen, neue Fenster, Balkonnachrüstung) und ab 2000 eine Sanierung der sich in SWG-Eigentum befindlichen denkmalgeschützten Bebauung an der Kurt-Eisner-Straße. Der Verein Lichtpunkt e. V. richtete einen Wohngebietstreff mit regelmäßigen Veranstaltungen ein. Ab 2001 wurden die Abwasseranlagen im Wohngebiet erneuert.

Ebenso wie eine nicht unerhebliche Anzahl weiterer Altbauten im Stadtgebiet sind die denkmalgeschützten Häuser am Franz-Mehring-Platz vom Eigentümer, der Städtischen Wohnungsgesellschaft Freiberg, im Rahmen des Städteumbau-Förderprogramms, das pro Quadratmeter abgebrochenen Wohnraum 60,00 Euro Fördergelder vorsieht, zum Abbruch vorgesehen (die Fördergelder benötigt die SWG dringend im Zusammenhang mit ihrem missglückten Friedeburg-Deal mit dem Bauverein Darmstadt aus den 90er Jahren). Der Abbruch, der durch einen einstimmig gefassten Stadtratsbeschluss gedeckt ist, zieht für eine Reihe sozial schwach gestellte Mieter, die mehrfach dagegen protestiert haben, schwer wiegende Umbrüche und Belastungen nach sich. Die versprochene Unterstützung der SWG beim Umzug greift da nur wenig. Bisherige Eingiffe seitens der SWG in die diversen Leitungsnetze wirken sich bereits nachteilig aus. Zu spät wurde von einflussreichen Persönlichkeiten ein informelles “Stadtforum” gegründet, das sich bald von der Vergeblichkeit abrissverhindernder Schritte überzeugen musste.

Nach Auskunft des sehr sachkundigen Herrn Dr. Heinrich Douffet, der sich jahrzehntelang große Verdienste um die Rettung der Freiberger Baudenkmäler erworben hat, ist auf Grund der heutigen, von finanziellen Prioritäten geprägten recht geringschätzigen Haltung des Chemnitzer Regierungspräsidiums und maßgeblicher Kreise in der sächsischen Regierung gegenüber dem Denkmalschutz keine Wahrung seiner Belange u. a. bezüglich des Franz-Mehring-Platzes, die sich auf seinen interessanten Charakter als heute seltener Vertreter des urbanistischen Gartenstadt-Modells gründen, zu erwarten, so dass eine Zerstörung dieses Platzes in seiner überlieferten Form als sicher gelten muss. Die SWG setzt – wiederum vorrangig aus finanziellen Gründen – auf eine künftige Bebauung frei werdender Flächen mit Eigenheimen. Dr. Douffet schätzt allerdings auch den Wohnwert der vom Abriss betroffenen Häuser – gemessen an heutigen Mieterwünschen – wegen der oft niedrigen Qualität der Baustoffe als verhältnismäßig gering ein.

Literatur:

Die Geschichte des Wohngebietes Seilerberg von 1825 bis heute. Ausschnitte aus dem Zeitgeschehen. Freiberg 2007. Herausgeber: Lichtpunkt e. V., Paul-Müller-Str. 78, 09599 Freiberg