Wird die Stadt menschlicher werden oder wird der Mensch als reines Objekt urbanisiert werden?

Diese Stadtumwandlungsprojekte in Istanbul werden nie zum Ende kommen. Das Bedürfnis oder die Notwendigkeit, auf die sie heute gestützt werden, werden in einiger Zeit vielleicht unwichtig sein. Auf der Tagesordnung heute stehen in neuer Form die seit 70 Jahren von der jeweiligen türkischen Regierung verfolgten Stadtumwandlungpläne und -projekte.

Allein in Istanbul wurden Dutzende Abrissprojekte unter dem Vorwand, Lösungen für den ständig zunehmenden Verkehr zu schaffen, durchgeführt. So wurde in Tarlabasi in der Nähe des zentralen Taksimplatzes vor 20 Jahren ein Großteil des Gebietes zum Zwecke einer Straßenerweiterung abgerissen. Im verbliebenen Teil dieses Viertels werden nun von Projektträgern mit Unterstützung der Regierung Arbeiten zur “Aufwertung” des Stadtteils durchgeführt. Niemand macht sich dabei Gedanken über die Zukunft der Menschen dort und über ihre Geschichte, d.h. ihr Gedächtnis und ihre Erinnerungen. Niemand fragt sie danach. In einem anderen “Aufwertungsgebiet”, in Sulukule, wurden die Arbeiten trotz aller Aufmerksamkeit und Protesten der Öffentlichkeit fortgeführt. So werden die Sinti und Roma Sulukules von ihrem Gedächtnis, ihrer Kultur und ihren Nachbarn und Verwandten weggerissen. Ihnen werden ersatzweise nur Wohnungen in einem 40 km entfernten Stadtteil angeboten. Damit werden sie zu aus Istanbul nach Istanbul Verbannten. Die in den Gecekondus außerhalb der alten Stadtmauern wohnenden Menschen werden im bürgerlichen Milieu als Besetzer bezeichnet. Durch die Verbreitung des Diskurses von der Besetzung von Staatsgrund ohne Gegenleistung wird dabei versucht, die Legitimität der Abrisse zu begründen. Gleichzeitig sorgt das Bürgertum dafür, dass die bisherigen Einwohner auf der Grundlage von zu eigenen Gunsten erlassenen Einzelfallgesetzen enteignet werden, und lässt sich dann selbst an den schönsten Orten nieder. Beispiele dafür sind Basibüyük oder Gülsuyu-Gülensuyu.

Zunehmend verhärtet sich die Auseinandersetzung. Um sich die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern, schreckte Ministerpräsident Tayip Erdogan kürzlich auch nicht davor zurück, die von der Umstrukturierung und den Enteignungen betroffenen Gecekonduviertel in ihrem jetztigen Zustand als Spelunken und Horte von Drogen und Prostitution zu bezeichnen.

Ein großes Problem bei der Diskussion dieser Entwicklungen ist, dass der Begriff der “Stadtumwandlung”, wie er in der öffentlichen Diskussion gebraucht wird, nicht ausreichend hinterfragt wird. Dazu wäre es aber notwendig, im Zusammenhang mit einer Diskussion über alternative Stadtmodelle zu erörtern, was wir unter Stadt und Urbanisierung verstehen und vor allem was für eine Art von Stadt wir wollen bzw. in was für einer Art von Stadt wir leben möchten.