Pressemitteilung den Naziübergriff am 30.03.2008 im sächsischen Freiberg betreffend
04. Mai 2009
Am 30. März wurden kurz nach 0 Uhr fünf Jugendliche in der Silberhofstraße von einem gerichtsbekannten Neonazi angegriffen. Der bereits vorbestrafte beschimpfte einen der Jugendlichen mit den Worten “Scheißzecke” und schlug ihm mehrfach ins Gesicht. Die jungen Menschen konnten sich jedoch in die nahe gelegene Wohnung eines Bekannten flüchten und riefen die Polizei. Eine halbe Stunde später erschienen der Angreifer und vier bis fünf mit Baseballschlägern bewaffnete Nazis vor der Wohnung, in welche die Jugendlichen geflüchtet waren. Die Betroffenen riefen ein weiteres Mal voller Panik die Polizei, während die Nazis begannen die Wohnungstür zu zertrümmern. Die Jugendlichen und der Wohnungsinhaber mussten durch einen Sprung aus dem Fenster flüchten (die Wohnung lag im Erdgeschoss). Die Nazis verfolgten anschließend die Flüchtenden durch die umliegenden Gartenanlagen, wobei sich zwei der Betroffenen verletzen. Einer der Jugendlichen wurde brutal mit einem Baseballschläger in den Rücken geschlagen. Die Polizei erschien als alles vorbei war und konnte die Täter nicht mehr stellen. Die Zahl rechter Übergriffe hat in der Region Freiberg in den letzten Monaten stark zugenommen. Bereits am 08.12.2007 wurde im Freiberger Stadtclub eine Schülerin von einem stadtbekannten Nazi gewürgt und geschlagen. Am Abend des 03.01.2008 wurden mehrere Jugendliche in der Nähe des Schlossplatzes von Neonazis angegriffen. Wenige Tage später, am 09.01.2008, versuchten ca. acht bis zehn Nazis, darunter Mitglieder der örtlichen NPD, eine Veranstaltung mit dem Aussteigerprogramm “Exit” zu stören. Der Polizei gelang es sie daran zu hindern. Am 11.01.2008 schlugen ca. acht Neonazis in einer Bar in der Nähe des Schlossplatzes drei alternativ aussehende Jugendliche zusammen. Die von ihnen gerufene Polizei erschien nicht am Tatort. Am 07.03.2008 hielten im Brand-Erbisdorfer Ortsteil Langenau zwei mit Nazis voll besetzte Autos neben einem Jugendlichen. Ihm wurde eine Bierflasche im Gesicht zerschlagen, die Täter konnten flüchten.
Dies ist sicher nur die Spitze des Eisbergs, denn die meisten Übergriffe werden erst gar nicht bekannt, da die Opfer keine Anzeige erstatten und darüber schweigen. Sei es weil sie die Rache der Täter und Täterinnen fürchten oder weil sie Angst haben selbst als Täter hingestellt zu werden.
Viele der Geschädigten denken, dass ein Gang zur Polizei nicht viel bringt, weil sie fürchten nicht ernst genommen zu werden oder weil sie mit einen laschen Umgang mit den Tätern und Täterinnen durch die Behörden rechnen. Dass diese Annahme begründet ist, zeigt sich zum Beispiel beim Umgang der Polizei und Staatsanwaltschaft mit den Strafverfahren gegen die Führungsmitglieder der Kameradschaft Sturm 34 aus Mittweida und die leichtfertigen Reaktionen der Freiberger Polizei auf telefonische Hilferufe. Auch der Umgang der Stadt mit Neonazis ist skandalös.
An der städtischen Ehrung zum Volkstrauertag im Jahr 2007 nahmen 16 Nazis teil. Sie waren äußerlich leicht erkennbar und legten schwarz-weiß-rot beflaggte Kränze nieder.
In einer Bürgerfragestunde während der Stadtratssitzung im Januar diesen Jahres befragte ein Bürger die Oberbürgermeisterin von Freiberg, Frau Dr. Uta Rentsch: „Bei einer Ehrung anlässlich des Volkstrauertags letzten Jahres nahmen 16 Neonazis teil. Ist das für Sie problematisch? Wollen Sie auch in Zukunft weiter zusammen mit Nazis die Toten ehren? […] Erst gestern versuchten fünf bis sieben Nazis eine demokratische Veranstaltung zu stören, einer der Täter war auch bei der Ehrung dabei. Was plant die Stadt in Zukunft gegen Nazis zu unternehmen?” Die Antwort war merkwürdig kurz. Sie lautete sinngemäß, dass ja jeder an der Veranstaltung teilnehmen könne […]. Und die NPD säße ja auch im Stadtrat […]. Die Teilnehmer hätten keinen Anlass gegeben, dass man sie von der Veranstaltung hätte fernhalten müssen. Kein Wort der Distanzierung. Während am Volkstrauertag die Vertreter der Stadt und die Oberbürgermeisterin zusammen mit Nazis gedachten, suchte mensch erstere am 27.01.2008, dem Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus vergeblich auf einer offiziellen Gedenkfeier. Neonazistische Aktivitäten und Gewalt werden bisher in Freiberg nicht wirklich thematisiert, geschweige denn wahrgenommen. Dass sich in letzter Zeit rechte Übergriffe häufen, Nazis versuchen demokratische Veranstaltungen zu stören, die Innenstadt mit ihren menschenverachtenden Plakaten und Aufklebern verunstaltet wird und sich in Gränitz, in einem Haus des ehemaligen NPD-Vorsitzenden Günther Deckert, ein regionales Nazizentrum entwickelt, scheint die Mehrheit der in Freiberg lebenden Menschen nicht zu interessieren. Wann werden diese Probleme in Freiberg endlich ernst genommen und etwas dagegen unternommen?
Freiberg, den 31.03.2008
