“Stadtumwandlung” in Istanbul
04. Mai 2009
In Istanbul werden derzeit von türkischer Regierung und Stadtverwaltung unter der Bezeichnung “Stadtumwandlung” Stadterneuerungsprojekte durchgeführt. Zwar ist in vielen der betroffenen Stadtteile eine Sanierung aus Gründen unzureichender Infrastruktur, des Erdbebenschutzes oder des Denkmalschutzes dringend erforderlich. Die Art der Realisierung der Erneuerungspolitik dient jedoch hauptsächlich den Profitinteressen eines Bündnisses von Stadtverwaltung, Regierung und Projektgesellschaften, die versuchen sich die oft hervorragende örtliche Lage der Viertel zunutze zu machen.
Dabei geht es um zwei Gruppen von Vierteln, die von diesen Umwandlungsprojekten betroffen sind. Zum einen handelt es sich um alte historische Stadtviertel wie beispielsweise Tarlaba?i in der Nähe des zentralen Taksimplatzes oder Sulukule, ein historisch von Sinti und Roma bewohntes Altbauviertel im Stadtteil Fatih.
Zum anderen geht es um die Rundumerneuerung eines wesentlichen Teils der sogenannten Gecekonduviertel, die außerhalb der historischen Stadtgrenzen entstanden sind. Gecekondu setzt sich zusammen aus den Wörtern “gece” (Nacht) und kondu (”gesetzt”) und meint damit die oft zunächst provisorisch über Nacht auf Staatsboden illegal errichteten Häuser der Migranten vom Land in den großen Städten der Türkei. Diese Siedlungen wurden nach und nach legalisiert und mit Infrastruktur versehen, da sich die Politik auf diese Weise die Stimmen der Neuansiedler sicherte.
Für die Gruppe der Altstadtviertel hat der türkische Staat mit dem Gesetz Nr. 5366, welches speziell auf Altstadterneuerungsprojekte ausgelegt ist, eine spezielle Regelung erlassen. Ein vergleichbares Gesetz ist für die Gecekonduviertel in Vorbereitung.
Soweit die Bewohner Eigentümer der für die Neustrukturierung der Stadtviertel benötigten Grundstücke sind, werden sie enteignet, und es wird Ihnen im Austausch der Erwerb einer Wohnung in einem kommunalen Wohnungsprojekt angeboten. Die angebotenen Wohnungen liegen allerdings teilweise weit entfernt vom bisherigen Wohnort. So wurden den Bewohnern Sulukules im 40 km von Sulukule entfernten Tasoluk Wohnungen angeboten.
Die Umstrukturierungsprojekte stoßen auf zum Teil energischen Widerstand der Bewohner. Im Falle des versuchten Beginns einer Baumaßnahme im Gecekonduviertel Ba?ibüyük kam es beispielsweise am 19. März zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und der Polizei, die erfolglos versuchte den Bauplatz zu räumen.