Stell dir vor es ist EM und keineR geht hin…
05. Mai 2009
“Mit einem Doppelschlag innerhalb weniger Minuten ließen Schweinsteiger und Klose Deutschland jubeln!” Wüsste ich nicht, dass besagte Namen zwei Fußballspielern gehören, ich wüsste nicht wie diese Überschrift zu deuten wäre. Doch die Militarisierung der Sprache, sobald es um Fußball geht, lässt sich nicht nur auf Spiegel Online feststellen. In der Bild werden die Österreicher schon einmal als Wiener Würstchen oder Ösis verhöhnt, die “wir” verputzen werden. JedeR ist plötzlich Deutschland, oder eben Ösi oder Russe oder oder oder. Nur Papst dann wohl anscheinend doch nicht mehr. Die Abstraktion einer Elf auf ein größeres Kollektiv ist bereits in der Regionalliga ein seltsames Unterfangen. Plötzlich ist es nicht mehr der BSC Freiberg, der gegen Weißenborn gewonnen hat, sondern Freiberg. Doch hey Moment, bin das jetzt ich? Oder die Stadt? Wir alle? Oder niemand? Tatsache bleibt, dass der Sieg auf elf Menschen beschränkt bleiben wird und ebenso die Niederlage.
Betrachten wir die kleine Leiste oben links bei den nächsten Spielen im TV. Aha, es spielt also doch Deutschland gegen Portugal? Oder sind selbst die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nicht fähig korrekte Bezeichnungen einzublenden? Gut, kann passieren. Im Schweizer Fernsehen wird ja schließlich auch noch “Deutschland, Deutschland über alles!” gesungen.
Von all dem Trubel loszukommen ist nicht leicht in diesen Zeiten. Für manche ist die EM eine Zeit ohne Freundeskreis. Diese Menschen erkennt mensch oft daran, dass sie keinen dreifarbigen Wimpel am Auto oder dem Fenster hängen haben. Ja, auch diese Spezies soll es noch geben. Andererseits haben diese Wimpel auch etwas Gutes, “denn früher musste man in das Auto rein schauen und sehen, ob einer mit verkehrter Baseballkappe und zitronengroßem Kopf drin sitzt, sprich ein Idiot. Heute erkennt man ihn bereits an der Fahne am Auto.”, wie Lukas Resetarits in einem Interview mit der Jungle World treffend bemerkte.
Wieso wird mensch eigentlich komisch angeschaut, weil er nicht jeden Abend vor der Glotze sitzt? “Was ist heute Abend so los in der Stadt?” - “Na heute ist Fußball!” Oh toll, passt so gar nicht zur Konsumgesellschaft, die doch sonst für jedeN ein Angebot bereitstellen kann. Wieso werden Menschen, die Löw erst seit zwei Wochen kennen und beim Aufzählen der deutschen Nationalspieler nach zwei Namen ins Stocken kommen, in Gegenwart anderer Personen mit Blicken bestraft und belächelt, während mehr als die Hälfte der Deutschen noch nicht einmal das Regierungskabinett aufzählen kann? Und wieso gibt es diesen ganzen Hype überhaupt nur bei der Fußballeuropameisterschaft der Männer? Heißt das Event bei den Frauen eigentlich auch Meisterschaft? Und bilden die Frauen auch eine Mannschaft? Und was fange ich mit Säcken voll dreifarbiger neuer Putzlappen an? Wer Antworten auf diese Fragen hat, soll sie mir bitte mitteilen.