Über die Demonstration “Schöner Leben ohne Naziläden PT. II”

Seitdem sich Marken wie Lonsdale offen gegen Rassismus aussprechen oder Nazis reflektieren, dass Fred Perry wohl doch nicht so ganz ein Träger ihrer Ideologie sein kann, findet vor allem Kleidung der Marke “Thor Steinar” Einzug in rechte Lebenswelten. Anfangs auch in “normalen” Sportgeschäften durchaus im Sortiment zu finden, ist sie heute nur noch in einschlägigen Läden, wie dem “Waffen Army Shoes” in Chemnitz oder “Tönsberg-Läden” zu finden.

“Thor Steinar” wurde 2002 von Axel Kopelke international registriert und wird seit 2003 durch die Firma “Mediatex GmbH” vertrieben. Durch völkische Symbolik und Anspielungen an den Nationalsozialismus ist sie vor allem in der rechten Szene beliebt. Dabei konnten MitarbeiterInnen der Mediatex GmbH auch enge Kontakte zur deutschen und europäischen Neonaziszene nachgewiesen werden.

Problematisch wird es dort, wo die Marke die Anknüpfung an den gesellschaftlichen Mainstream findet und damit der Verbreitung von rechtem Gedankengut Vorschub leistet. Durch hippes Design und gute Verarbeitung ist es “Thor Steinar” gelungen auch nicht-rechte Jugendliche als KäuferInnen zu gewinnen. Neben öffentlichem Druck ist die wichtigste Aufgabe daher Aufklärung zu leisten was es mit “Thor Steinar” auf sich hat und die Zivilgesellschaft zu sensibilisieren.

Der bundesweit größte Vertrieb von “Thor Steinar” befindet sich in Chemnitz: Das “Rascal” auf der Limbacher Straße. Zusätzlich existieren noch das “Backstreet Noise”, das sich mitten im Neubaugebiet an der Dr.-Salvador-Allende-Straße befindet und das “Waffen Army Shoes” des Ex-NVA-Offiziers Tobias Schneider, der außerdem noch eine Filiale in Freiberg betreibt.

Vor zwei Jahren, im Herbst 2006, machte die Kampagne “Schöner Leben ohne Naziläden” mit einer Großdemonstration und etwa 2000 TeilnehmerInnen auf die Zustände aufmerksam. Bereits 2004 gab es eine erste Demonstration mit 400 TeilnehmerInnen, die von rund 200 Nazis mit Steinen und Latten angegriffen wurde.

Am 30. Mai 2008 gab der Umzug des Chemnitzer “Waffen Army Shoes” in die mehr oder weniger belebte, so genannte “Mittelstandsmeile” Straße der Nationen, zu DDR-Zeiten als realsozialistische Shoppingmeile geplant, erneut Anlass für Interventionen: ein breites Bündnis aus Antifa, Gewerkschaften, Hochschulgruppen und Parteien hatte erneut zu einer Demonstration aufgerufen.

Im “Waffen Army Shoes” finden sich neben Armeebedarf für jedermann und jederfrau und vermeintlich linker Buttons mit “Che Guevara”-Konterfei auch “White Power” Aufnäher und vor allem Kleidung der Marke “Thor Steinar” im Sortiment. Bei einem Besuch des Ladens im Herbst letzten Jahres fand sich außerdem eine rote Fahne mit weißem Kreis – Platzhalter für das verbotene Hakenkreuz – im Fahnenangebot. Dennoch will sich Inhaber Tobias Schneider keinem politischen Spektrum zuordnen. Er sei in erster Linie Geschäftsmensch, der Nischen bedienen müsse, um wirtschaftlich zu überleben. “Kaufmännische Grundlage bleibt das Gesetz und geltende Recht”, so Schneider in einem offenen Brief. Außerdem schaffe er Arbeitsplätze, so Schneider weiter. Wie es um seine politische Neutralität bestellt ist, zeigt sich bereits wenige Sätze weiter, als er die Aktion “Freie Städte ohne Naziläden” mit dem Nazislogan “Kauft nicht beim Juden” auf eine Stufe stellt. Anscheinend sind für Tobias Schneider Kampagnen, die sich gegen rechte Strukturen im Alltag engagieren und eine demokratische Zivilgesellschaft zum Ziel haben nichts anderes als Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund konstruierter Rassenzugehörigkeit, die irgendwann mit der industriellen Massenvernichtung von Menschen enden werden. Vielleicht ist damit auch erklärbar, dass auf seinem Auto ein Schriftzug der Neonaziband “Zyklon B” prangt. Doch damit noch nicht genug der haltlosen Vorwürfe. Sogar zwischen dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Anmeldung der Demonstration fanden sich für Schneider Parallelen. “Mich [Tobias Schneider] erinnert diese Vorgehensweise sehr an den Fall Gleiwitz von 1939. Damals inszenierten die Nazis einen Überfall, der später als Begründung für den II. Weltkrieg herhalten mußte.”

Der aus juristischer Sicht sehr dilettantisch formulierte “offene Brief” endet unter anderem mit den Ankündigungen Strafanzeige gegen die Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Frau Barbara Ludwig, zu stellen sowie “den Innenminister des Freistaates Sachsen über die Organisation eines Imageschadens für den Freistaat Sachsen durch die Stadtverwaltung Chemnitz” zu informieren. Die Einschätzung, ob die Anmeldung der Demonstration oder die Tatsache, dass ein Naziladen mitten im Zentrum der Stadt eröffnet, der größere Imageschaden ist, bleibt dem Leser oder der Leserin vorbehalten.

Die von Schneider prophezeiten Horrormeldungen über Krawalle in der Innenstadt blieben am Tag der Demonstration schließlich aus. Der DGB verteilte im Sichtfeld des Ladens Kakao und ließ eine Kehrmaschine symbolisch den “braunen Dreck” wegfegen. Die Demonstration setzte sich mit einiger Verzögerung gegen 16 Uhr in Bewegung. Trotz anders lautender Ankündigungen der Polizei gab es bereits am Hauptbahnhof intensive Vorkontrollen, unter anderem auch mit Aufnahme von Personalien, wenngleich während der gesamten Demonstration eine recht entspannte Atmosphäre herrschte. Unter lauten Technobeats der Fraktion42 zog der Demozug anschließend durch die Chemnitzer Innenstadt. Gaffende Nazis wurden von der Polizei weggeschickt, gaffende ChemnitzerInnen zeigten teilweise ihre Sympathie. Als die TeilnehmerInnen nach etwa zwei Stunden wieder am Hauptbahnhof ankamen, nutzten einige die Zeit noch um zu den Beats zu tanzen. Das Konzept eine Demonstration als Party durchzuführen scheint aufgegangen und gut angekommen zu sein. Was davon im Bewusstsein der ChemnitzerInnen angekommen ist, wird der weitere Umgang mit Geschäften wie dem “Waffen Army Shoes” zeigen. Hier sind langfristige Interventionen gefragt. Im Gegensatz zum “Stadtumbau Ost” aus puren Kapitalinteressen wäre hier bei einem Abriss sämtlicher Naziläden wirklich mit einer Verschönerung des Stadtbildes zu rechnen.

Wer sich intensiver mit der Thematik “Thor Steinar” auseinandersetzen möchte, der findet auf der Seite investigatethorsteinar.blogsport.de gut recherchierte und aufgearbeitete Informationen.

Den offenen Brief Tobias Schneiders gibt es als PDF-Dokument