Die Rettung Deutschlands
26. Juni 2009
Stauffenberg und der militärische Widerstand in der deutschen Gedenkkultur
Kaum ein Ereignis spielt in der Erinnerung an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine so bedeutende Rolle wie das Bombenattentat Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer, der sogenannten “Männer des 20. Juli”. Ihr Mut und ihre Aufopferung für das vermeintlich höhere Ziel gilt seitdem als Sinnbild eines anderen, demokratischen Deutschland, das sich gegen die Barbarei auflehnt und in den 12 Jahren des Nationalsozialismus weiter existierte. So ist Stauffenberg heute in der allgemeinen Wahrnehmung ohne Frage ein nationaler Held. In den nächsten Wochen wird der Film “Valkyrie”, mit Tom Cruise in der Hauptrolle, weiter zur Festigung dieses Bildes beitragen. Zeit genug also, mit dem, trotz der vielen Aufklärungsarbeit, immer noch vorherrschenden Mythos des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, aufzuräumen.
Stauffenberg als nationaler Held, das war nicht immer so. Die Betrachtung des 20. Juli 1944 hat in den 60 Jahren Bundesdeutscher Geschichte einen starken Wandel durchgemacht. 1954 fassten die Journalist_innen Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann die Umfrageergebnisse ihrer demoskopischen Erhebung folgendermaßen zusammen: “Beinahe die Hälfte aller Leute, die über den 20. Juli mitreden können, sagten über die Verschwörer nur Nachteiliges, vor allem daß es sich um Verräter handele, um Hochverräter, Landesverräter, Staatsverräter. Weiter wird ihnen Feigheit vorgeworfen, gelegentlich auch Egoismus.” Und auch 1964 sahen lediglich 29 Prozent der westdeutschen Bevölkerung die militärische Widerstandsbewegung positiv. Erst nach und nach wurde das Ansehen des militärischen Widerstands rehabilitiert. Anders als die DDR, deren antifaschistisches Selbstverständnis Anfang und Ende der Vergangenheitsbewältigung darstellte und die sich vor allem auf den (linientreuen) kommunistischen Widerstand bezog, konnte die junge BRD nicht so leicht mit der Vergangenheit brechen. Der Holocaust als größtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte und der von Deutschland begonnene zweite Weltkrieg, geplant und durchgeführt, oder zumindest toleriert und verantwortet von der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung bot wenig Anknüpfungspunkte für positive nationale Identifizierung. Dafür aber “das erste sichtbare, weithin wirkende Fanal, das der Welt zeigte, dass in Deutschland der Wille zur Freiheit und der Wille zum eigenen Leben nicht untergegangen war”, wie Ernst Reuter, damals Bürgermeister West-Berlins, zur Einweihung des Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944 am 19. Juli 1953 im Bendlerblock sagte. Deutschland hat moralisch also nicht völlig versagt. Ein bundesrepublikanischer Gründungsmythos war geboren, der die BRD in der Tradition eines “anderen Deutschlands” verankerte, eines Deutschlands, das unabhängig vom Nationalsozialismus weiter existierte und all jene Deutschen repräsentiert, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden und dies für die Mehrheit der Bevölkerung beanspruchte.
Zwei Tage vor der Einweihung des Denkmals kam es auf der anderen Seite der Mauer zum Aufstand gegen die SED-Diktatur. Der bekennende Antikommunist und Antibolschewist Stauffenberg passte also ebenfalls gut in das vom Kalten Krieg geprägte politische Klima und den antitotalitären Grundkonsens der BRD. Ein anderer Punkt, der Stauffenberg als Identifikationsobjekt für Deutsche so attraktiv macht, ist sein und deren ungebrochenes positives Verhältnis zur deutschen (Kultur-)Nation.
Für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik bildete der Bezug auf den militärischen Widerstand eine wichtige Legitimation, obwohl aufgrund personeller und ideeller Kontinuitäten zwischen Wehrmacht und Bundeswehr für viele Bundeswehrangehörige und soldatische Traditionsverbände der 20. Juli 1944 immer noch ein “Verrat” darstellte. Dennoch wurde 1965 mit dem Erlass “Bundeswehr und Tradition” das Andenken an den militärischen Widerstand und die Vorbildfunktion der Akteure des 20. Juli festgeschrieben.
In den 1980er Jahren eröffneten neue Forschungsergebnisse einen bis dahin neuen Blick auf den militärischen Widerstand, der Kritik daran übte, die Männer des 20. Juli zu geistigen Vorläufern des Grundgesetzes und der westdeutschen Demokratie zu erklären. Außerdem wurde mit der von Peter Steinbach neu ausgearbeiteten Konzeption der “Gedenkstätte deutscher Widerstand” der Fokus auf die Breite und Vielfalt des deutschen Widerstands gelenkt. Der militärische Widerstand wurde so mit anderen Gruppen des Widerstands unter dem Label “deutscher Widerstand” subsumiert, ohne auf die Gegensätze in Anschauung und Motivation der einzelnen Widerstandsgruppen zu achten und das den militärischen Widerstand auf eine Stufe mit Akteur_innen stellt, deren Widerstand vor allem politisch motiviert war, wie Kommunist_innen, Gewerkschafter_innen und Sozialdemokrat_innen, oder denen es einfach ums nackte Überleben ging, wie beispielsweise dem jüdischen Widerstand.
“Nach der Wiedervereinigung, der Überwindung der Nachkriegsordnung und mit dem Anwachsen des deutschen Einflusses in der internationalen Politik kam es zu einem nachhaltigen Wandel der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus. In der sich nun durchsetzenden Geschichtsbetrachtung wird nicht die Welt vom deutschen Nationalsozialismus befreit, sondern Europa und Deutschland von Hitler.”1 Debatten um Vertreibung und die vermeintlichen Opfer der alliierten Befreiung deutscher Städte aus der Luft werden zur öffentlichen Täter_innen-Opfer Umkehr. Deutschland versucht, wieder eine “normale” Nation zu werden und aus der schrecklichen Vergangenheit kann sogar ein moralischer Mehrwert gewonnen werden.
Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz führt die rot-grüne Bundesregierung 1999 den ersten Angriffskrieg der Bundeswehr gegen Jugoslawien um das dort drohende “zweite Auschwitz” zu verhindern. Wohl nicht zufällig traten deshalb am 20. Juli 1999 erstmals Rekruten der Bundeswehr im Bendlerblock zu einem “Feierlichen Gelöbnis” an und das angebliche Gewissen des militärischen Widerstands wird zum Gewissen und Verpflichtung der Bundesrepublik. Und als schließlich am 06. Juni 2004 Schröder als erster Bundeskanzler an den Feierlichkeiten zum D-Day teilnahm wurde deutlich, dass Deutschland nun auch einen gleichberechtigten Platz neben den Staaten der “Anti-Hitler-Koalition” einnehmen wollte.
So fügt sich auch ins Bild, dass sich die Debatte um den Film “Valkyrie” hauptsächlich um Tom Cruise und seine Scientology-Zugehörigkeit drehte. Darum, ob es Hollywood gelänge, diesen nationalen Helden angemessen dazustellen und ob eine Drehgenehmigung im Bendlerblock nicht die Würde der Opfer verletze. Kein kritisches Wort darüber, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer als überzeugte Nationalsozialisten und Militaristen nicht etwa aus demokratischer Selbstverpflichtung handelten, sondern, um Deutschland und Deutschlands Ansehen in der Welt zu retten. “Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.” Wenn das Ende des Krieges, das Ende der industriellen Massenvernichtung also nicht das wichtigste Ziel ist, wo liegt dann der Wert des Attentats?
Und in der Tat fällt auf, dass die Gewissensbisse stärker wurden, je unwahrscheinlicher der Endsieg war. Dabei unterstützte das Militär und auch die Verschwörer die Ziele des Nationalsozialismus: Die Revision von Versailles, die Eroberung deutschen Lebensraums im Osten und die Weltmachtstellung Deutschlands, den Antisemitismus sowie den Antibolschewismus. Die Offiziere der Wehrmacht glaubten an einen Weltanschauungskrieg, an einen “Daseinskampf der Völker” und der Kommissarbefehl, der die Ermordung der politischen Kommissare der roten Armee vorsah, galt seit 1941.
“Wichtige Namen des militärischen Widerstandskreises fallen immer wieder in diesen Zusammenhängen: Carl-Heinrich von Stülpnagel, Kommandeur der 7. Armee; Erich Hoepner, Kommandeur der Panzergruppe 4 (Heeresgruppe Mitte); Henning von Tresckow, Offizier im Stab der Heeresgruppe Mitte (wie auch Rudolf-Christoph von Gersdorff) und Fabian von Schlabrendorff, Tresckows Ordonnanzoffizier. Besonders die ersten beiden fielen durch ihren Antisemitismus und ihre aktive Unterstützung des Vernichtungskrieges im Osten auf und hingen offensichtlich dem nationalsozialistischen Feindbild des jüdischen Bolschewismus an. Die drei Letzteren waren stets durch die Berichte der Einsatzgruppe B (Chef: Arthur Nebe) über deren Mordtaten informiert, und besonders Tresckow hat auf die Wichtigkeit der so genannten ‚Partisanenbekämpfung‘ hingewiesen. Die Erschießung von ZivilistInnen auf den vagen und durch Feindbilder geprägten Verdacht der Gefährlichkeit hin erschien diesen Widerständlern also keineswegs abwegig.”2
Man kann den “Männern des 20. Juli” durchaus zugestehen, dass ihre Kritik an den Auswüchsen, die die nationalsozialistische Judenverfolgung und Judenvernichtung angenommen hatte, ernst gemeint war. Die Motive dafür, können zum einen in der systematischen Erschießung von Frauen und Kindern liegen, die der Auffassung der soldatischen Ehre widersprechen könnte, viel mehr aber in dem für alle Zeit befleckten Ansehen Deutschlands, das es unter allen Umständen zu retten gäbe. Der Holocaust und der Vernichtungskrieg im Osten war also weniger ein Problem der Opfer. So schrieb Carl Goerdeler über die Motive: “Unsere Stellung ist überdies dadurch ungeheuer erschwert, daß in den besetzten Gebieten und den Juden gegenüber Methoden der Menschenbeseitigung angewendet worden sind, die niemand vor der Öffentlichkeit gutheißen kann, die öffentlich niemand verantworten wird und die dauernd als schwere Belastung auf unserer Geschichte ruhen werden.” Selbst 1944 war er noch der Auffassung, die Juden würde eine Mitschuld treffen: “Wir dürfen nicht bemänteln wollen, was geschehen ist, müssen aber auch die große Schuld der Juden betonen, die in unser öffentliches Leben eingebrochen waren in Formen, die jeder gebotenen Zurückhaltung entbehrten.”
So viel Einsatz und Mut das Auflehnen gegen Hitler die Verschwörer gekostet haben mag, Vorreiter der Demokratie und Vertreter eines emanzipatorischen Menschenbildes werden sie dadurch trotzdem nicht. Das waren die Vertreter_innen anderer Widerstandsgruppen, wie die Sozialdemokrat_innen, Gewerkschafter_innen, Kommunist_innen, Anarchist_innen, dem kirchlichen und jüdischem Widerstand, von denen zumindest große Teile den Nationalsozialismus und die ihm zu Grunde liegenden Ideologien der Ungleichheit, den Nationalismus, Sozialdarwinismus, Antisemitismus und den Militarismus entschieden ablehnten.
“Allein die Bezeichnung ‘Widerstand’ für die Männer des 20. Juli erscheint mir vermessen. Es handelt sich wohl doch eher um schwankende Opposition. Die Partisanen in Polen und in der Sowjetunion, in Jugoslawien und Frankreich, die Haltung des Hofes und der Nazigegner in Dänemark, der Aufstand im Warschauer Ghetto, der Aufstand in Sobibor, der Widerstand in Auschwitz, Buchenwald und Mauthausen – das sind nur Beispiele für die europäische Geschichte des Widerstands gegen deutsche Besatzung, gegen den Nationalsozialismus und damit – und dies sei zu betonen – gegen die deutsche Wehrmacht, gegen preußisches Soldatentum und deutsche Militärtradition.”
Frank Stern, Wolfsschanze versus Auschwitz. Widerstand als deutsches Alibi? in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 42 (1994), S. 647.
Anmerkungen:
1,2 zitiert aus dem Reader “Fragwürdige Traditionlinien – Stauffenberg und der 20. Juli 1944 im deutschen Erinnerungsdiskurs”, der unter nevergoinghome.blogsport.de herunterzuladen ist.