Erfolgsgeschichte BundesrepublikDie Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus

Eine Buchkritik

Nächstes Jahr steht der 60. Geburtstag der Bundesrepublik an. Dies wird trotz der momentanen Fokussierung der Öffentlichkeit auf die Deutschen als Opfer der Geschichte sicher Anlass für eine verstärkte Beschäftigung mit den Kontinuitäten zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik sein.

Bereits in diesem Jahr ist unter dem Titel “Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus” zu diesem Thema ein von Stephan Alexander Glienke, Volker Paulmann und Joachim Perels herausgegebener Sammelband erschienen.

In diesem werden in 15 Aufsätzen von jeweils unerschiedlichen AutorInnen verschiedenste Aspekte einer solchen Kontinuität vor allem in den Anfangsjahren der Bundesrepublik in einer großen Breite an gesellschaftlichen Bereichen von Universitäten und Literatur über den Naturschutz bis zur Justiz untersucht.

Darüber hinaus wird am Ende des Buches mit den Aufsätzen von Joachim Perels über Götz Alys Untersuchung “Der Volksstaat” und Ralf Steckerts über Jörg Friedrichs bezeichnenderweise zum Bestseller avancierten “Der Brand - Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945″ auch noch ein Blick auf neue historische Lesarten des Nationalsozialismus geworfen. Es wird dabei verständlich, dass die Werke von Aly und Friedrich in unterschiedlicher Weise Beispiele für eine Akzentverschiebung in der Geschichtsschreibung der letzten Jahre über den Nationalsozialismus darstellen. So betont Perels, dass in Alys Werk durch die Fokussierung auf die ökomischen Motive der Enteignung jüdischen Eigentums im Dritten Reich der Antisemitsmus und deren Opfer fast völlig ausgeblendet werden. Friedrich hingegen macht die Deutschen in skandalöser Weise durch “die historisch-moralische Gleichsetzung des Bombenkrieges mit Auschwitz” (Steckert) zu primären Opfern der Geschichte und sichert dies sprachlich dadurch ab, dass er typische im Zusammenhang mit Auschwitz gebrauchte Begriffe wie “Einsatzgruppen”, “Krematiorium” oder “Ausgerottete” direkt auf den Luftkrieg der Alliierten gegen Deutschland anwendet.

In Form der Themenschwerpunkte “Personelle Kontinuitäten”, “Gesellschaftlicher Umgang mit dem Nationalsozialismus”, “Literatur und Theater”, “Justiz und NS-Herrschaft” sowie “Neue Tendenzen in der Geschichtsschreibung” wurde versucht, dem Sammelband eine thematische Grundordnung zu geben. Den Themenblöcken vorangestellt ist ein Aufsatz von Claudia Fröhlich zum Begriff der Restauration, wie er sich seit 1949 in kritischer Intention zur Beschreibung der Integration von NS-Eliten in die Bundesrepublik sowie den dadurch fortdauernden Einfluss autoriäter Denkmuster herausgebildet hat. Als entscheidendes Charakteristikum der frühen Bundesrepublik arbeitet Fröhlich in diesem Zusammenhang die parallele Existenz von demokratischer Staatsform und materiell oft autoritären Denkformen heraus. Dies ist eines der beiden strukturellen Elemente des Verhältnisses von Nationalsozialismus und früher Bundesrepublik, was in den Aufsätzen an verschieden Stellen deutlich wird.

Eine wesentliche Rolle für die Integration ehemaliger NS-Funktionsträger in das System er Bundesrepublik spielt die 1951 vom Bundestag gesetzlich legitimierte Rückkehr von Beamten, ehemaligen Berufssoldaten, Hauptamtlichen des Reichsarbeitsdienstes und der Gestapo in den Staatsdienst. Durch diese Regelung begünstigt, besetzten diese ehemaligen Funktionsträger 1953 bereits 30 % der Planstellen in den Minsterien. Der Anteil der Richter am Bundesgerichtshof (BGH), die auf eine Justizlaufbahn zu NS-Zeiten zurückblicken konnten, lag Mitte der 50er Jahre sogar bei knapp 80 %. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass der BGH durch seine äußerst enge Auslegung des Tatbestandes der richterlichen Rechtsbeugung dafür sorgte, dass kein Einziger der Berufsrichter des Volksgerichtshofes in der Bundesrepublik rechtskräftig verurteilt wurde, wie Axel von Rohen in seinem Aufsatz zu “Bundesgerichtshof und NS-Verbrechen” betont.

Zugleich wird deutlich, dass diese personelle Kontinuität dafür sorgte, dass es ehemaligen Exilanten oft um so schwerer fiel, wieder in Deutschland beruflich Fuß zu fassen, was Klaus Wannemacher eindrucksvoll am Beispiel des aus New York zurückgekehrten Theaterregiseurs Erwin Piscator nachweist.

Zweites im Buch im wieder auftauchendes gesellschaftliches Strukturelement der Beziehung von Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik ist die Bagatellisierung der NS-Vergangenheit. Wie Alexander Glienke in seinem Aufsatz zur “Darstellung der Schoah” überzeugend darlegt, war die “normative Abgrenzung der Bundesrepublik vom NS-System in den 50er Jahren notwendige Voraussetzung für das Erlangen und Festigen staatlicher Souveräntiät.” Demzufolge wurde gleichzeitig “jeder öffentliche Hinweis auf ideelle oder personelle Kontinuitäten zur nationalsozialistischen Vergangenheit als Schädigung des Ansehens der Bundesrepublik” gewertet.

Damit sorgte u. a. die primär formelle Abgrenzung der Bundesrepublik vom Nationalsozialismus anhand der neuen Demokratieform für eine Unterdrückung der Thematisierung der ideellen und personellen Kontinuitäten.

Auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, die Auswahl an Themen und gewählten Perspektiven etwas einzuschränken und die verbindenden Überlegungen zu stärken, gibt der Sammelband in seiner Dichte einen sehr umfassenden Eindruck von den verschiedenen Ebenen des Verhältnisses der Gesellschaft und des Staates in den frühen Jahren der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus.

Stephan Alexander Glienke, Volker Paulmann und Joachim Perels (Hrsg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Wallstein, 2008