Heute gehört uns FG, morgen ganz MSN
27. Juni 2009
Wie die Entscheidung über eine Buchstabenkombination Freiberger Bürger_innen mobilisiert
Im Oktober beschloss der junge Kreistag des am 1. August aus den Altkreisen Döbeln, Mittweida und Freiberg zusammengeführten, neuen Landkreises Mittelsachen, dass von nun an “FG” als Kfz-Kennzeichen für den Kreis verwendet werden sollte. Daraufhin startete im November eine Bürger_inneninitiative in Döbeln ein Bürgerbegehren für ein neues gemeinsames Kennzeichen “MSN”, da sich die Döbelner_innen übergangen fühlten. Am 29. Dezember 2009 legte die Initiative dem Landratsamt 39.513 gültige Unterschriften vor. Aus der lächerlichen Entscheidung über die Buchstaben auf dem Kfz-Zeichen ist seitdem ein Streit entbrannt, der in einem Bürgerentscheid, der gleichzeitig mit der Europawahl am 07. Juni 2009 stattfinden wird, mündet.
In Freiberg haben sich als Reaktion auf die Döbelner Initiative nun ebenfalls Unterstützer_innen von “FG” zu “Pro FG” zusammengetan. Mit ihrer Losung “Regionale Identität wahren – für ein starkes Mittelsachsen” zeigen sie die wichtigste Intention ihres Anliegens. Statt rationalen Entscheidungen geht es ihnen um Identität. Freiberg wäre das “Aushängeschild” des neuen Landkreises, eine Stadt, auf die man auch in Döbeln und Mittweida mit “Stolz” blickt, gar eine “ganzheitliche regionale Identität” wird Freiberg bescheinigt. Einige sehen in “FG” den “letzte[n] Rest regionaler Identität”, den es zu retten gäbe. Und ein bisschen ginge es ja auch “ums Prinzip”. Wenn die kollektive Erektion auf die Geilheit Freibergs abgeklungen ist, folgen immerhin auch, zwar nicht gewichtige, aber immerhin einleuchtendere Argumente: Freiberg wäre geografisch eindeutiger zuzuordnen, zwei Buchstaben gegenüber drei vorzuziehen.
Auch im Internet wird kräftig geworben. Auf der Homepage von “Pro-FG” können sich Unterstützer_innen eintragen, fast 1500 Menschen haben das schon getan. Im Studivz hat der Initiator von “Pro-FG”, Benjamin Karabinski, die Gruppe “FG forever! MSN never!” gegründet, fast 2000 Mitglieder hat sie derzeit.
Einen überzeugenden Beweis, warum “FG” gegenüber “MSN” oder irgendeiner anderen Buchstabenkombination vorzuziehen ist, bleibt “Pro-FG” aber schuldig. Wer regionale Identität tatsächlich in einem Kfz-Zeichen manifestieren will, um dessen Individualität kann es einem nur Leid tun. Sicher ist Freiberg der wichtigste Wirtschaftsstandort im neuen Landkreis, die größte Stadt und auch kulturell nicht unbedeutend, aber deshalb nicht mehr oder weniger Mittelsachsen, als alle anderen Städte, Gemeinden und Dörfer im Landkreis. Ein Aushängeschild, welches Freiberg darstellen soll ist dann auch nur Menschen wichtig, die das Prestige ihres Landkreises zur Aufbesserung ihrer Identität benutzen wollen oder benutzen müssen. Und auch die bessere geografische Zuordnung ergibt nicht so recht Sinn, ist doch das Kennzeichen vor allem als Langeweilebeschäftigung während langer Autobahnfahrten interessant und nicht als Herkunftsmerkmal eines Menschen. Erschreckend ist, wie schnell eine unbedeutende Metallplakette populistisch so ausgeschlachtet wird und zu einer breiten Diskussion und Beteiligung führt, während andere, wichtige politische Themen kaum das Interesse der Bürger_innen bewegen.
Ein Kennzeichen “FG” oder “MSN” wird weder an den Lebensverhältnissen in Freiberg, noch sonstwo in Mittelsachsen etwas ändern. Kaum jemand wird es als Einschränkung empfinden, mit einem anderen Kennzeichen herumzufahren. Die meisten werden es vermutlich nicht einmal bemerken, denn ein neues Kennzeichen wird sich nur langsam bei Kfz-Neuanmeldungen nach und nach durchsetzen. So sieht man auch heute noch Autos mit einem “BED” oder einem “FLÖ”.
Viel Aufregung um nichts also und dazu eine Menge verschwendeter Steuergelder und politischer Energie.