“Ihr müsst ihnen Hoffnung geben”
27. Juni 2009
7. November 1978: Beinahe 60% der Wähler in Kalifornien, USA stimmen gegen die zwangsweise Entlassung aller homosexuellen Lehrer in öffentlichen Schulen.
4. November 2008: Beinahe 60% der Wähler in Kalifornien, USA stimmen für ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen.
Zwei Wochen zuvor startete der neue Film von Gus van Sant in den Kinos und erzählt die Geschichte von Harvey Milk, einer der bekanntesten Bürgerrechtsaktivisten der Schwulen- und Lesbenbewegung in San Francisco während der 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts und der erste offen schwul lebende Mann, der in ein öffentliches Amt gewählt wurde. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass die Abstimmung 1978 ein Erfolg für die Schwulen- und Lesbenbewegung wurde.Kurz darauf wurde er von einem ehemaligen Amtskollegen erschossen.
Sean Penn spielt in van Sants Film die Rolle des Harvey Milk und hat dafür zu Recht den diesjährigen Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten, ebenso wie Dustin L. Black für das beste Original-Drehbuch.
Harvey Milk stammte aus einer Familie der Mittelklasse im Bundesstaat New York. Er studierte Mathematik und nahm als Soldat am Koreakrieg teil. Später arbeitete er in New York als Versicherungskaufmann und an der Wall Street. Zu seiner Homosexualität bekennt er sich zu dieser Zeit noch nicht öffentlich aus Angst vor Ausgrenzung.
Mit seinem Partner Scott Smith zieht 1972 nach San Francisco, das damals schon Ziel vieler Hippies und auch Homosexueller war. Das bekannte Hippie-Viertel Haight-Ashbury hatte zu dieser Zeit bereits unter einer hohen Kriminalitätsrate zu leiden. Deshalb zogen viele Homosexuelle in den Castro-Distrikt, ein vormals katholisches Viertel hauptsächlich von irischen Einwanderern und ihren Nachkommen bewohnt. Milk und Smith eröffnen einen Fotoladen, der sich schnell zum Treffpunkt der schwulen Gemeinde entwickelt. Mehr und mehr werden beide politsiert durch die ungerechte und ungleiche Behandlung Schwuler durch Stadtverwaltung und Polizei. Im Castro-Distrikt ist Milk mittlerweile so etwas wie der inoffizielle Bürgermeister. Politische Koalitionen mit anderen Aktivisten sichern ihm Rückhalt in der Bevölkerung. Ihm liegen nicht nur die Rechte der Schwulen am Herzen, sondern auch die der kleinen Ladenbesitzer, der Gewerkschafter, der Senioren und anderen, die zum Stadtviertel gehören.
1973 entscheidet sich Harvey Milk das erste Mal als Stadtrat in San Francisco zu kandidieren. Als langhaariger Typ mit Vollbart hat er keine reelle Chance auf einen Sieg, aber sein Bekanntheitsgrad steigt. Auch bei den nächsten beiden Wahlen reicht es nicht für ein Mandat. Mittlerweile ist Milk zu seinem bürgerlicheren Äußeren aus früherern Tagen mit Anzug und Krawatte zurückgekehrt. Bei den Wahlen 1977 sind die Grenzen der Wahlbezirke geändert worden, so dass die Bürger ihre Stadtratsvertreter aus ihrer Mitte wählen können. Harvey Milk zieht mit großen Vorsprung in den Stadtrat ein. Mit ihm wird Dan White als Stadtrat gewählt, ein ehemaliger Polizist und konservativer Katholik.
Harvey Milk hat seine ganz eigene Art mit Charme, Witz und strategischen Geschick seine Positionen durchzusetzen. Er schafft ein Gesetz durch den Stadtrat zu bringen, dass die Diskrimierung aufgrund der sexuellen Orientierung im Berufsleben verbietet. Ein ähnliches Gesetz war kurz zuvor in Dade County in Florida durch eine Volksabstimmung gekippt worden. Die dortige Kampagne gegen das Gleichstellungsgesetz war maßgeblich durch die Sängerin Anita Bryant angetrieben. In Folge dessen kommt es auch in anderen Städten in den USA zu ähnlichen Abstimmung. 1978 bringen christliche Konservative dann den Gesetzentwurf ein, der ein Berufsverbot und Unterstützer der Gay-Rights-Bewegung bedeuten würde. Harvey Milk erringt seinen größten Triumph, als dieser Entwurf von der Bevölkerung abgelehnt wird.
Der Film erzählt die Geschichte des politischen Aufstiegs von Harvey Milk in stimmungsvollen Bildern. Ein Märtyrer ist Milk sowieso schon, aber Gus van Sant macht nicht den Fehler und stellt ihn als “Chorknaben” dar. Sein Privatleben, das zunehmend unter seiner politischen Karriere leidet, kommt im Film nicht zu kurz. Auch die Folgen seiner Mission werden thematisiert, wie die Rücksichtlosigkeit die Milk teilweise gegenüber seinen Unterstützern und Weggefährten zeigt, wenn er sie zum Outing gegenüber Eltern und Freunden zwingt. Teil seiner Kampagne ist es nämlich der Bevölkerung klar zu machen, dass sie schon lange Schwule kennen: als Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn.
Der politische Gegner Milks, Dan White, wird von Josh Brolin gespielt, der nicht einfach als Schwulenhasser dargestellt wird, sondern als jemand, dessen Welt einfach zusammenbricht. Zu Anfang sucht White noch die Nähe Milks, er lädt ihn sogar zur Taufe seiner Tochter ein. White kann sich im Stadtrat nicht durchsetzen, stattdessen haben ein Schwuler, eine Frauenrechlering, eine Afroamerikanerin und Vertreter aus Chinatown das Sagen. Er fühlt sich verraten und greift zur Waffe. Am 27. November 1978 erschießt Dan White zuerst George Moscone, Bürgermeister von San Francisco, und danach Harvey Milk.
Gus van Sant hat einen wundervollen Film geschaffen, der in weiten Teilen durch den bereits 1984 entstandenen Dokumentarfilm “The Times of Harvey Milk” von Rob Epstein inspiriert ist. Aus Epstein preisgekrönten Film stammt eine Menge Archivmaterial die in “Milk” zur Authenzität beitragen. Getragen wird der Film aber vor allem von Sean Penn und Josh Brolin, die hier beide zur Hochform auflaufen. Penn spielt hier im Gegensatz zu den sonst für ihn typischen Rollen, einen liebenswürdigen humorvollen und manchmal auch schlitzohrigen Mann, der in seinem Wesen immer auch etwas Verspieltes hat. Josh Brolin stellt den konservativ geprägten Dan White, der in traditionellen Werten verhaftet ist, als tief im Inneren verunsichert dar, unfähig mit der Veränderung klarzukommen.
“Milk” ist schon jetzt einer der besten und wichtigsten Filme des Jahres 2009. Im Freiberger Kinopolis wird er leider nur in der Kino-5-Reihe laufen, vorraussichtlich Anfang Mai. Ein Wermutstropfen der deutschen Fassung ist die Synchronstimme von Sean Penn, die passt einfach nicht. Wer die Chance hat, sollte den Film im Original anschauen oder sich später gleich die DVD kaufen, das Geld wert ist sie allemal.
“Milk” von Gus van Sant, 2008; Kinopolis Freiberg: 14. bis 20. Mai 2009