KZ-FreibergEine Buchkritik

Infolge des wachsenden Arbeitskräftemangels wurden seit dem Frühjahr 1942 zunehmend jüdische KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter insbesondere in der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt. Die Häftlinge wurden dazu in die Orte vor allem im Reichsgebiet gebracht, in denen sich Industriebetriebe befanden und dort in so genannten Außenlagern untergebracht. Die Außenlager waren den Haupt-Konzentrationslagern zugeordnet, verfügten allerdings über eigene Lagerstrukturen. Die rücksichtlosen Arbeitseinsätze der Häftlinge stellten ihrer Intention nach einen Teil des systematischen Vernichtungsprozesses der Juden dar. Auch dem KZ Flossenbürg in Franken waren über 100 solche Außenlager zugeordnet.

Im Rahmen einer von Pascal Cziborra verfassten Serie über Außenlager des KZs Flossenbürg ist im September dieses Jahres als vierter Band eine detailreiche Untersuchung über das KZ Freiberg erschienen, die einen sehr interessanten Einblick in die Lagerrealität gibt. Als fünfter Band schloss sich im Dezember eine Darstellung des KZs Oederan an.

In drei Teilen zu Struktur und Entwicklung des Lagers in Freiberg, zu den Verhaltensweisen von Wachpersonal, Belegschaft und Bevölkerung unter dem Titel “Das Volk der Täter!?” und zum Schicksal der Häftlinge stellt Cziborra die Geschichte des KZs Freiberg dar. In diesen Teilen lässt Cziborra im Wesentlichen die Zeitzeugen selbst zu Wort kommen, leitet diese Darstellungen ein und kommentiert sie. In einem vierten Teil schließen sich Daten und Statistiken zu dem Lager an.

Bei den 1001 jüdischen Häftlingen, die in drei Transporten im September und Oktober 1944 nach Freiberg gebracht wurden, handelte es sich ausschließlich um Frauen. Der Untertitel des Buches “Geheime Schwangerschaften” erklärt sich in diesem Zusammenhang daraus, dass mindestens zwölf der Frauen schwanger waren als sie nach Freiberg kamen, was sie versuchten vor den Aufsehern geheim zu halten. Gut die Hälfte der Frauen war polnischer Nationalität, darüber hinaus gab es größere Häftlingsgruppen aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland. Die Frauen sind alle direkt aus Auschwitz nach Freiberg gebracht worden.

Sie werden im Wesentlichen in der Arado Flugzeugwerke GmbH, die in Freiberg die Tarnbezeichnung Freia GmbH erhält, zur Arbeit eingesetzt. Die Fabrik war bereits 1941 von Potsdam nach Freiberg in die Räumlichkeiten der ehemaligen Kahla-Porzellanfabrik an der Frauensteiner Straße verlegt worden. Außerdem wurde eine Gruppe von Frauen zur Arbeit in der Firma Max Hildebrand eingesetzt, die Zielvorrichtungen für die V2-Rakete fertigte. Die Arbeitsschichten dauerten für die Häftlinge täglich zwölf Stunden.

Die Aufsicht bestand mit leichten Schwankungen jeweils aus etwa 20 männlichen SS-Angehörigen und zwischen 20 und 28 SS-Aufseherinnen. Als Aufseherinnen fungierten zunächst Arbeiterinnen aus den Chemnitzer Astra-Werken, die später von Frauen aus dem Freiberg-Dresdener Raum abgelöst wurden. Sehr interessant sind diesbezüglich die in der Untersuchung wiedergegebenen Passagen aus den Aussagen von Aufseherinnen bei Polizei und Gerichten nach Kriegsende. Fast durchgehend geben sie dabei an, es habe keine Möglichkeit gegeben, sich bei Verpflichtung durch die SS dem Dienst als Aufseherin zu entziehen. Willkürliche Gewalttaten, die ihnen vorgehalten werden, werden auf Befehle zurückgeführt oder abgestritten. Dies kontrastiert allerdings mit der Darstellung zweier Arbeiterinnen aus Chemnitz, die die zukünftige Aufsichtstätigkeit im KZ nach anfänglicher Zusage doch verweigerten, ohne dass ihnen daraus negative Konsequenzen erwuchsen. In den Aussagen vereinzelter Aufseherinnen wird außerdem auch darauf verwiesen, dass sich eine größere Anzahl der Arbeiterinnen doch freiwillig zu dem Dienst in Freiberg gemeldet habe. Bezüglich des Verhaltens des Aufsichtspersonals finden sich in den Schilderungen der Häftlinge Berichte über Misshandlungen bei verschiedenen Gelegenheiten. Bezüglich der Handwerksmeister, unter denen die Frauen arbeiten mussten, stellt sich das Bild differenzierter dar. Hier findet sich neben Äußerungen über unmenschliches Verhalten auch die Beschreibung positiver Erlebnisse.

Leider gibt es im Buch nur eine einzige Darstellung zum Verhalten der übrigen Bevölkerung, in der es u. a. heißt: “Oft begegnen wir Freiberger Frauen und alten Männern, die sich zu uns benehmen, als wären wir wilde Tiere. Sie spucken uns an, manchmal fliegt ein Stein, und immer hören wir Schimpfworte, die ich lieber nicht wiederholen will.” (S. 183)

Während Cziborra die Unterbringung der Häftlinge als zunächst im Verhältnis zu den katastrophalen Bedingungen anderer Lager relativ gut beschreibt, da immerhin eine Heizung existierte, änderte sich das, nachdem die Frauen zu Jahresbeginn 1945 in ein Barackenlager umziehen mussten. Zu diesem äußerte sich eine der KZ-Insassinnen wie folgt: „Die Baracken wurden erst vor kurzem fertig gestellt und sind noch gar nicht ausgetrocknet. Von der Decke tropft das Wasser, sodass am Abend die Decken und Strohsäcke nass sind. Es wäre bestimmt besser, im unteren Stock unserer zweistöckigen Betten zu schlafen, aber dort dringt die Feuchtigkeit von unten durch. An den Wänden ist Reif, und in den Öfen wird kaum geheizt. Uns stehen täglich zwei Eimer Kohlen zu, aber der Stubendienst stiehlt die Hälfte davon während wir arbeiten. Gewaschen haben wir uns noch nicht weiter, nur etwas in der Fabrik an der Wasserleitung auf der Toilette, dafür wurden wir vom Scharführer geohrfeigt.” (S. 53) Von Anfang an sehr mangelhaft sind die Ausstattung mit Kleidung und die Versorgung mit Lebensmitteln: Oft hatten die Frauen nichts anderes als ein Sommerkleid zum Tragen, und die Essensversorgung beschreibt eine der Frauen als zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel (S. 29).

Das Lager wird schließlich in der Nacht vom 13. auf den 14. April 1945 aufgrund der sich nähernden Sowjetarmee evakuiert. Diese Evakuierung wird von Cziborra ausführlich dargestellt. Nachdem der Weg zum Hauptlager Flossenbürg von den Armeen der Allierten versperrt ist, werden die Frauen mit dem Zug zum KZ Mauthausen gebracht, das sie schließlich am 29. April (!) 1945 erreichen. Dort werden die überlebenden Häftlinge am 5. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Cziborra führt auf, das mindestens 28 der Häftlinge des Freiberger Lagers vor der Befreiung meist auf dem Weg nach Mauthausen verstorben sind, mindestens 576 der Frauen haben überlebt. Bezüglich der übrigen Häftlinge lagen keine Informationen vor.

Cziborra gibt mit dem Band einen sehr umfassenden Überblick über die Geschichte des KZ Freiberg. Auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, den Bezug zu den jeweiligen generellen Entwicklungen etwas stärker herauszustellten, ist das Buch gerade auch wegen der unmittelbaren Verwendung der Aussagen von im KZ Freiberg inhaftierten Frauen sehr lesenswert.

Pascal Cziborra, KZ Freiberg: Geheime Schwangerschaften, Lorbeer Literaturverlag 2008