Nazistrukturen und –aktivitäten im ehemaligen Landkreis Döbeln
25. Juni 2009
Im folgenden Text wollen wir einen aktuellen Überblick über die Nazistrukturen im ehemaligen Landkreis Döbeln und unsere Einschätzungen darüber liefern. Weitere Informationen können wie immer auf aardl.blogsport.de/recherche nachgelesen werden. Die Region Döbeln bildet trotz der drei alternativen Jugendzentren in Rosswein, Döbeln und Leisnig keine nazifreie Region im braunen Sachsen. Denn nach wie vor existiert eine organisierte Naziszene, die neben Propagandadelikten und Sachbeschädigungen durch ein erhöhtes Gewaltpotenzial auffällt. Zu beobachten ist zudem, dass sich eine rechte Jugendkultur herausbildet, auf die die bestehenden Naziorganisationen zurückgreifen können. Mit einem bedrohlichen Blick in die Zukunft beobachten wir den Zuwachs von Nazistrukturen und deren Aktivitäten in Mittelsachsen.
Neben dem NPD-Kreisverband, einem JN-Stützpunkt und losen Gruppenzusammenhängen sind im ehemaligen Landkreis Döbeln vor allem Kameradschaften und Heimatschutzbündnisse die aktivsten Gruppen. Die so genannten “freien Kräfte”, “autonomen Nationalisten” oder “nationalen Sozialisten” organisieren sich hierzulande in sechs Kameradschaften, welche mit unterschiedlichen Zielen und unterschiedlicher Kontinuität politisch aktiv sind. Die zum Teil sehr gut vernetzen und militanten Naziorganisationen treten vor allem durch ihre Webprojekte, Propagandadelikte, Kameradschaftsausflüge und Beteiligungen an überregionalen Demonstrationen in Erscheinung.
Region Rosswein
Ende 2007 gründete sich die “Kameradschaft Striegis” in der Region um Rosswein und kündigte zahlreiche Aktivitäten für 2008 an. Im Detail waren es Sticker-, Flyer-, Schnipsel-, Sprüh-, Plakatier- und Transparentaktionen sowie gewalttätige Übergiffe auf Alternative, Punker_innen und Skater_innen in Rosswein und Nossen. Zudem veröffentlichte die ca. zehn Personen starke Gruppe zahlreiche Texte und Aktionsberichte auf ihrer Hompage, welche wohl alle aus der Feder von Marco Trautmann stammen. Ende April löste sich die Kameradschaft aufgrund interner Probleme auf und ein Teil der Gruppe gründete die “Bürgerinitiative Rosswein”, welche seit diesem Zeitpunkt neben den lokalen Schläger_innen um Matthias Stoppe aktiv ist. Zudem existiert eine Gruppe, welche sich “Höllenhunde” nennt und mehr durch ihre Präsenz im Internet als im Stadtbild auffällt. Kennzeichnend für die Region ist, dass die meisten Aktivisten der Nazigruppen zwischen 14 und 19 Jahre alt sind.
Region Döbeln
In der Region um Ostrau existieren die “Freien Kräfte Jahnatal”, welche allerdings selten in Erscheinung treten und im Laufe des Jahres 2008 ihre Internetpräsenz abmeldeten. In der Gemeinde Gebersbach-Rudelsdorf ist seit 1998 ein Nazigruppe aktiv, die sich “Kameradschaft Ochsenkopf” nennt und sich neben dem Denkmalschutz der Organisation der Dorffeste widmet. Führender Kopf der 20-köpfigen Gruppe ist René Illken, welcher mit weiteren 50 Kamerad_innen am 10. Mai 2008 ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Die seit 2005 bestehende Kameradschaft “Division Döbeln” ist derzeit eine der aktivsten Naziorganisation im Raum Döbeln, da sie neben zahlreichen überregionalen Kontakten eng mit den lokalen Nazigruppen aus Leisnig und Rosswein zusammenarbeitet. Die Döbelner Kameradschaft tritt außer mit ihrem Webprojekt vorwiegend mit Flyer-, Sticker-, Schnipsel-, Sprüh-, Plakatier- und Transparentaktionen sowie der Verteilung von Nazi-CDs und Flugbättern an Schulhöfen an die Öffentlichkeit. So beispielsweise im Rahmen der “Aktionswoche Rudolf Hess” Anfang August, als die Polizei mehrere Täter_innen bei illegalen Plakatierungen im Stadtgebiet stellte, oder am 18. Mai 2008 als Personen aus dem Umfeld der Gruppe in Döbeln Nord Transparente an Brücken hängten und Schnipsel mit Parolen verstreuten. Wesentliche Köpfe der Kameradschaft sind die Brüder Stefan und Mario Trautmann sowie Frank Hirche. Seit März 2008 existiert zudem ein neues Projekt der “Division Döbeln”, die “Initiative für Döbeln”, ein Heimatschutzbündnis, welches sich der Denkmalpflege und dem Tierschutz im Landkreis widmet. Allerdings handelt es sich dabei um fast den gleichen Personenstamm wie bei der Division Döbeln. Aber auch die Durchführungen von und die Beteiligung an so genannten “Schulungen” oder Vorträgen von Naziaktivisten hat sich die “Division” auf die Fahnen geschrieben. So fand am 2. August 2008 eine Schulungsveranstaltung mit rund 50 Neonazis im Raum Döbeln statt, an der sich neben lokalen Nazis auch Aktivisten aus Leipzig beteiligten. Die alljährlichen unangemeldeten Demonstrationen oder Kundgebungen zum Volkstrauertag im November, bei denen bis zu 30 Nazis - unter anderem auch Personen aus dem Spektrum des Freien Netzes Chemnitz und des Freien Leipzig - mit Fahnen, Fackeln und Laternen zum Döbelner Friedhof ziehen, werden von der Division Döbeln organisiert. Am 1. November 2008 führte die Division Döbeln alias Initiative für Döbeln eine Demonstration mit über 200 Teilnehmer_innen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt unter dem Motto: “Härtere Strafen für Kinderschänder” durch. Am Morgen der Demonstration kam es zudem seitens der Gruppe und ihrer Sympathisanten zu einem Angriff mit Stöcken und Ketten auf engagierte Bürger_innen, darunter auch Jugendliche, welche Transparente und Plakate gegen den Aufmarsch aufhängten. Durch die Beteiligung an überregionalen Demonstrationen in Sachsen und anderen Bundesländer vernetzen sich die Döbelner Nazis mit anderen Kameradschaften und knüpfen neue Kontakte für gemeinsame Projekte. Personen aus dem Umfeld der Division Döbeln sind auch nicht mehr von wöchentlich bzw. monatlich organisierten Demonstrationen des “Freien Netzes” weg zu denken. So waren sie beispielsweise in Leipzig (Januar 2008), Borna (Mai 2008), Geithain und Zwickau (Oktober 2008) sowie auf den von der “Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland” organisierten Demonstrationen im Februar 2006, 2007 und 2008 in Dresden beteiligt. Diese Beteiligung hat auch Folgen; so werden die Aktivisten der Division Döbeln zum Teil auch in die Strukturen des “Freien Netzes”, des derzeit aktivsten und gefährlichsten Nazinetzwerks in Mitteldeutschland, eingebunden.
Region Leisnig
In der Region Leisnig organisieren sich die Naziaktivitäten im Wesendlichen um Jens Schober aus Fischendorf bei Leisnig. Er ist seit Herbst 2005 wieder zurück nach Leisnig gekommen und hat die lokale Naziszene organisiert und strukturiert. Das derzeit aktivste Nazi-Netzwerk aus der Region Leisnig ist das “Bündnis für Deutschland” (BFD). Das seit August 2007 bestehende Heimatschutzbündnis vernetzt Neonazis aus dem ehemaligen Muldentalkreis und den Landkreisen Döbeln und Meißen miteinander und reiht sich in die regionalen Nazistrukturen ein. Die aus 30 Personen bestehende Gruppe tritt mit einer eigenen Homepage an die Öffentlichkeit und verteilt regelmäßig in Leisnig, Dürrweitzschen, Colditz und weiteren Orten Flugblätter. Zudem organisiert das Bündnis unter dem Slogan “Heimat, Familie, Freunde, Gemeinschaft” monatliche Veranstaltungen, die einen regionalen Vernetzungscharakter haben. Bis zu 70 Personen nehmen an diesen Ausflügen und Kameradschaftsabenden teil. Zudem beteiligen sich die Mitglieder und Sympathisanten an zahlreichen regionalen und überregionalen Nazidemonstrationen und Rechtsrock-Konzerten. Neben Sachbeschädigungen und Angriffen auf alternative Jugendzentren und Veranstaltungen verüben Personen aus dem direkten Umfeld der Gruppe regelmäßig gefährliche Übergiffe auf nichtrechte Jugendliche und Migrant_innen. Führende Köpfe des “Bündnisses für Deutschland” sind Jens Schober aus Fischendorf bei Leisnig und Michael Vallentin aus Dürrweitzschen. Jens Schober war führender Kopf der “Nationalen Sozialisten Leisnig” und der sich daran anknüpfenden “Gruppe Schober” und schon mehrfach Anmelder von Kundgebungen und Aufmärschen unter anderem in Delitzsch, Merseburg und Annaberg-Buchholz. Zudem wollte Jens Schober im Juni 2008 Bürgermeister der Gemeinde Leisnig werden, erhielt glücklicherweise aber nur 34 Unterstützungsunterschriften und trat somit nicht an. Nach dem Eklat mit Christian Wurchs vorerst letzter Nazidemonstration (37 Teilnehmer_innen) am 21. Juli 2007 in Leipzig, an dem Jens Schober wesentlich beteiligt war, hat er seine Aktivitäten auf Leisnig und den südlichen Muldentalkreis beschränkt. Auf Michael Vallentin ist derzeit das Postfach des “Bündnises für Deutschland” in Großbothen angemeldet. Der seit Jahren in der Neonaziszene aktive Vallentin soll beispielsweise Augenzeugenberichten zufolge schon bei zahlreichen Sachbeschädigungen und Ausschreitungen von extrem Rechten in der Gemeinde Thümmlitzwalde beteiligt gewesen sein. Unserer Ansicht nach ist das “Bündnis für Deutschland” derzeit die gefährlichste und aktivste Naziorganisation in der Region, da sie einerseits rechte Jugendliche und unorganisierte Nazis in ihr Bündnis rekrutiert, andererseits die regionalen Nazistrukturen vernetzt und organisiert. Hinzu kommen, dass überregionale Kontakte zum “Freie Netz Leipzig”, dem “Freien Leipzig”, der verbotenen Kameradschaft Sturm 34, der NPD und anderen militanten Gruppen existieren.
Fazit
Die Region des ehemaligen Landkreises Döbeln stellt keineswegs eine nazifreie Region in Sachsen dar, bietet allerdings dank der alternativen Jugendzentren in Rosswein, Döbeln und Leisnig Freiräume für nicht-rechte Jugendliche. Dies bedeutet, dass es in der Region noch eine Alternative zur rechten Jugendkultur und der Nazihegemonie gibt. Deshalb müssen diese Projekte aktiv unterstützt und am Leben gehalten werden. Denn die ehemaligen Nachbarlandkreise wie der Muldentalkreis, der Landkreis Mittweida und der Landkreis Torgau-Oschatz zeigen, dass sich einzelne Regionen zu so genannten “national befreiten Zonen” entwickelt haben und eine Nazihegemonie und extrem rechte Einstellungen auch in der Mehrheitsgesellschaft vorherrschen. Unserer Ansicht nach stellen die Nazis weiterhin eine aktive Bedrohung dar, welcher mensch sich aktiv entgegen stellen muss, um emanzipatorische, antifaschistische und antisexistische Politik zu betreiben. Die besagten Nazistrukturen sind jedoch nur ein oberflächliches Phänomen unserer Gesellschaft - quasi ein aggressiver Ausdruck der vorherrschenden gesellschaftlichen Realität. Deshalb darf sich antifaschistisches Engagement nicht nur auf reine Anti-Nazi-Aktionen beschränken, sondern muss sich auch gegen die regionalistischen, nationalistischen, rassistischen, antisemitischen, homophoben, sexistischen, antiindividualistischen und autoritären Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft richten.
In diesem Sinne: Support your local antifa!
