Waltz with Bashir
25. Juni 2009
Der israelische Regisseur Ari Folman kämpft in der animierten Dokumentation mit seinen Erinnerungen an den ersten Libanonkrieg.
Eine Filmkritik
26 wilde Hunde hetzen auf der Jagd nach einem Mann durch belebte Straßen. Ein Freund, der 1982 von Israel als Soldat in den Libanon geschickt wurde, erzählt Ari Folman von diesem immer wiederkehrenden Albtraum. Er hatte die Aufgabe, bellende Hunde zu erschießen, bevor sie feindliche Truppen aufwecken könnten. Diese würden nun versuchen, sich an ihrem Mörder zu rächen. Ari Folman, der zur gleichen Zeit im Libanon stationiert war, kann sich dagegen an seine Erlebnisse in der Kriegszeit nicht mehr erinnern, ihm blieb nur eine diffuse Traumsequenz. Um die verlorenen Bilder wieder zu finden, macht er sich auf die Suche nach weiteren Kameraden. Dabei begleitet ihn die Angst, an den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila, bei denen christliche Falangisten unter den Augen der israelischen Armee Tausende von palästinensischen Zivilisten abschlachteten, beteiligt gewesen zu sein.
Einer der schließlich gefundenen Zeitgenossen wies Folman an, nichts zu filmen. Zeichnen dürfe er hingegen so viel wie er wolle. Dies veranlasste den israelischen Filmemacher wohl dazu, seine autobiographische Dokumentation nicht mit originalem Filmmaterial, sondern als Animation zu drehen. Dabei wirken die Kulissen der Landschaften oder städtischen Häusermeere wie fotografiert und abgepaust. Die mit Tusche einfach, aber trotzdem charakteristisch gezeichneten Personen scheinen dagegen einem Comic entsprungen. Diese künstlichen Bilder symbolisieren in einzigartiger Weise die Unsicherheit Folmans bezüglich seiner eigenen Erinnerungen. Nicht nur, dass er diese erst in vielen Gesprächen mühsam zusammensetzen muss, sondern er stellt im Laufe seiner Erkundungen auch fest, dass Erinnerungsbilder nicht unveränderlich für eine lange Zeit gespeichert, sondern immer wieder “renoviert” werden. Auf diese Weise setzt sich schließlich ein (sehr klares) Bild zusammen, wie junge Menschen, die sonst nur mit Liebeskummer zu kämpfen haben und in der Disco zur angesagten Musik abheben, die Eindrücke der plötzlich eintretenden, lebensbedrohenden Kriegssituation verarbeiten (müssen). Das wird durchaus humorvoll erzählt. So drangen die israelischen Soldaten getarnt als Touristen eines “Love Boats” in libanesisches Gebiet ein. Dabei wurden sie von Offizieren angeführt, die ihre Informationen anscheinend hauptsächlich aus Pornos bezogen hatten, weshalb auf ein präzises Wechseln der Filmspulen auch besonders Wert gelegt wurde. Trotzdem werden irgendwelche romantischen Vorstellungen, der Krieg sei ein einziges großes Abenteuer und forme ganze Männer, im Keim erstickt. Die Heimgekommenen verdanken ihr Leben oft genug dem puren Zufall, in dieser Hinsicht lässt der Film keine andere Interpretation zu.
Solange Folman seine Erinnerungslücke nicht vollständig schließen kann, bleibt es bei den gezeichneten Bildern. Schließlich findet er heraus, welche Rolle er bei den genannten Massakern spielte. Am Schluss des Films zeigen dann auch originale Fernsehaufnahmen seinen damaligen Gang durch ein gemordetes Flüchtlingslager. Trotz allen Verdrängens und Verleugnens sind die schockierenden Taten Realität.
“Waltz with Bashir”, ISR/D/FRA 2008, Buch und Regie: Ari Folman, Kamera: Yoni Goodman, Musik: Max Richter, Länge: 87 min.