Neuer Verein am Roten Weg 43 in Freiberg
21. August 2009
Das Klima ist rau, soziale Ungerechtigkeiten, sich in der Gesellschaft manifestierender Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz sowie eine stetig zunehmende Zahl brutaler Übergriffe durch rechte Strukturen sollten die “Mitte der Gesellschaft” eigentlich darauf aufmerksam machen, dass diese bzw. deren “freiheitlich-demokratische Grundordnung” in Gefahr ist, aus den Fugen gerät. Doch bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass die Gefahr nicht nur genau dort angekommen ist und sondern von dort Verbreitung findet: in und aus der gesellschaftlichen Mitte.
Wer sind die denn, die die für sich in Anspruch nehmen, die Mitte der Gesellschaft zu vertreten? Es ist ein bekannter Slogan zum Beispiel der CDU, die einen ihrer Parteitage direkt unter das Motto “Die Mitte” stellte. Und so hob auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hervor: “In der Mitte sind wir - und nur wir.” Da setzt die andere Partei, die vehement diese Mitte zu vertreten sucht noch einen drauf und schreibt auf ihrer Homepage: “Die wahre Kraft der Mitte ist und bleibt die FDP! Nur wir können einen dauerhaften Linksdrall der Union und damit eine Linksverschiebung des gesamten politischen Systems in Deutschland verhindern. Noch nie war es so wichtig wie heute: Stärken Sie die Mitte. Stärken Sie die FDP!”
Doch genau diese Mitte, deren Vertreter wir demnach im konservativen und liberalen Lager suchen sollen, zeichnet sich verantwortlich für diese Auswüchse, denen wir uns verstärkt gegenüber sehen. Es sind nicht nur die ganz offensichtlichen Dinge wie der rund um uns herum wahrnehmbare Rassismus, der sich in alltäglichen Begriffen widerspiegelt: Wer hat sich denn schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass er, wenn er in einen Mohrenkopf oder Negerkuss beißt, nicht nur gegen das allgemeine Schlankheitsprinzip verstößt sondern, dass er bereits bei der Bestellung dieser Leckerbissen gegen moralisch-ethische Grundregeln verstoßen hat. Es wäre nun endlich an der Zeit, derartige Begriffe und Bezeichnungen gegen bessere auszutauschen, die nicht auf irgend eine Weise menschenverachtende Inhalte transportieren!
Und so verwundert es eigentlich nicht, wenn in der Mitte der Gesellschaft Meinungen und Gesellschaftsbilder existieren, die mit Realitäten nur wenig bis nichts zu tun haben. Wer zum Beispiel weiß, dass ein “Asylbewerber” (wieder so ein Wort, wobei mit Flüchtling, Schutz- und Hilfesuchendem eine bessere Bezeichnung gefunden wäre) mit so genanntem “Duldungsstatus” in vielen Landkreisen und Städten nicht einmal ein Taschengeld erhält, dass er seinen Lebensunterhalt über Wertbons bestreiten muss und – was die Angelegenheit um so bedenklicher macht – er zum Beispiel für einen Liter H-Milch über das Doppelte in Rechnung gestellt bekommt, als es ein “normaler deutscher Bürger” bei Penny & Co. bezahlen muss, weil die meist privaten Betreibergesellschaften der Wohnheime an den Ärmsten der Armen auch noch ihren Schnitt machen wollen!
Der Blick hinter die Kulissen der so genannten Mitte beweist noch mehr: Es herrscht eine soziale, moralisch-ethische Kälte, die auf eine perfide Art und Weise Keile in die gesamte Gesellschaft treibt, die dafür sorgen, dass jegliches Gefühl von Solidarität und Humanität an Schlagworten wie Neiddebatte, Sozialschmarotzer, Wirtschaftsflüchtling usw. im Keime erstickt wird. Die ständigen Fingerzeige auf den “Bildungsnotstand” und die versagenden Elternhäuser erfüllen hier den Zweck, um von der staatlichen Verantwortung, um von der staatlichen Fürsorgepflicht vor allem den Kindern und der Jugend gegenüber abzulenken. Und so ist es denn auch leichter, einfacher und der eigenen Grundeinstellung geschuldet, wenn mahnende Worte aus humanistischen Kreisen als “linke Parolen” bezeichnet werden, wenn Demonstrationen mit Forderungen nach Toleranz mit antirassistischen und antifaschistischen Inhalten als demokratiefeindliche, linke Umsturzversuche bezeichnet werden, die Deutschland in die Nähe eines neuerlichen Sozialismus/Kommunismus á la DDR drängen.
Aufzuklären, Wege zu finden, vor allem bei Kindern und Jugendlichen die eine oder andere bereits verquere Idee wieder in ein der Realität entsprechendes Licht zu rücken, sind einige Menschen angetreten, um sich über die Möglichkeiten eines Vereins gemeinsam in der Region Freiberg gegen weit verbreitete Ressentiments, gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz, Gleichberechtigung und für eine alternative und selbstbestimmte (Jugend-)Kultur einzusetzen. Dabei sind wir recht breit aufgestellt und verfügen über unterschiedliche Erfahrungen. Während der beiden Vorbereitungstreffen hat sich bereits gezeigt, dass das Ziel ein gemeinsames ist. Allerdings verlangt es nach Diskussionen, wie dieses erreicht werden kann, denn auch wir mussten feststellen, dass bereits eine “saubere” Formulierung von Vereinszielen nicht einfach ist und Begrifflichkeiten wie (Rechts-)Extremismus, Vertriebene und Kriegsopfer für regelrechten Zündstoff sorgten!
Vereinsgründung am 20.05.2009
Es ist noch gar nicht allzu lange her, da hat Herr Mackenroth, sächsischer Minister für Justiz, festgestellt, dass es den Sachsen an der Bereitschaft mangele, sich im Ehrenamt zu engagieren. Statt Hilfsbereitschaft dominiere vielfach der Wunsch nach Selbstverwirklichung und mehr Freizeit. Nun gehe es darum, den Menschen zu zeigen, “dass Hilfsbereitschaft und Selbstverwirklichung keine Gegensätze sind”.Auch ohne diese denkwürdigen Worte als Aufforderung zu sehen, hat sich am Abend des 20.05.09 eine respektable Gruppe vor allem junger Menschen am Roten Weg 43 eingefunden, um das Vorhaben der Vereinsgründung anzupacken. Schade war dabei nur, dass sich Frau Dr. Raatz per Mail entschuldigen ließ und dass sie als aktives Mitglied dem Verein nicht zur Verfügung stehen will. Damit geht dem Verein eine wichtige Stütze verloren, denn es dürfte jedem einleuchten, dass eine Abgeordnete des Landtages und – möglicher Weise – des zukünftigen Bundestages für unsere zukünftigen Aufgaben von enormer Bedeutung gewesen wäre! Auch von der Landtags-Kandidatin der Partei “Die Linke”, Jana Pinka, haben wir in Sachen Unterstützung nichts gehört.
Wie erwähnt war der Versammlungsraum gut gefüllt und die anfänglich vorgebrachte Frage, ob wegen des Ausbleibens namhafter Unterstützer_innen auf die Vereinsgründung verzichtet werden sollte, wurde beinahe einstimmig mit Nein beantwortet. Damit war der Weg frei und es konnte im Sinne der Tagesordnung fortgefahren werden.
Als nächster Tagesordnungspunkt stand die Diskussion und Verabschiedung der Vereinssatzung auf dem Plan. Johannes Gyarmati hatte dafür eine gute Vorarbeit geleistet und die Tatsache, dass die Satzung im Vorfeld schon diskutiert wurde, erwies sich als großer Vorteil, denn so gab es nur einige Details, die einer redaktionellen Bearbeitung bedurften. Auch die oben erwähnten Klippen wurden gekonnt umschifft und es wurden saubere Formulierungen gefunden, die unseren Anliegen entsprechen.
In der Satzung werden gewöhnlich auch die Vereinsziele genannt. Die wichtigsten sollten hier Erwähnung finden:
- Betreuung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen bei schulischen, sozialen Problemen
- Förderung, Hilfe und Integration für ausländische Mitmenschen
- Förderung von Kunst und Kultur
- Hilfe und Unterstützung anderer gemeinnütziger Vereine
- Zusammenarbeit mit Einrichtungen des Öffentlichen Rechts, Schulen, Ämtern, Sport-, Freizeit- und kulturellen Einrichtungen
Der Vereinszweck wird verwirklicht insbesondere durch folgende Maßnahmen:
- Veranstaltungen, Seminare, Foren gegen Rassismus und für Völkerverständigung
- Beratung anderer Vereine im Umgang mit Fördermitteln und in finanziellen Belangen
- Angebote für alle Bevölkerungs- und Altersgruppen wie zum Beispiel Computerkurse
- Kulturelle Angebote wie Lesungen, Vorträge, Filmabende, Theatervorstellungen uvm.
- Bibliothek mit Leseraum
Da auch für die Satzung die Namensgebung des Vereins unerlässlich ist, wurde im Rahmen des Satzungsdebatte auch über den zukünftigen Vereinsnamen diskutiert. Hierzu gab es mehrere Vorschläge, doch letztendlich wurde der im Vorfeld bereits ins Gespräch gebrachte Name “Roter Weg” von den zukünftigen Mitgliedern favorisiert. Damit konnte die Satzung verabschiedet werden. Blieb dann als weiterer wichtiger Tagesordnungspunkt die Wahl des ersten Vorstandes. Die Anzahl der Vorstandsmitglieder wurde auf fünf Personen festgelegt und nach Wahl einer Wahlkommission wurde gemäß den Festlegungen der Satzung der neue Vorstand gewählt. Dieser besteht aus dem Vereinsvorsitzenden Thomas Mittelstädt, seinem Stellvertreter Lasse Eggers, dem Kassenwart David Kamptner. Die Wahl der beiden Beisitzer fiel auf Mandy Heinzig und Tim Zeidler. Damit ist der Vorstand ein auffallend junger!
Jetzt gilt es, die in der Satzung genannten Aufgaben beherzt anzupacken und so schnell wie nur möglich die ersten Hürden zu nehmen. Gespannt dürfen wir sein, wie lange es braucht, um einen gültigen Registerauszug in den Händen zu halten, mit dem es uns möglich wird, Anträge bei Stiftungen und anderen “Geldgebern” einzureichen. Innerhalb der nächsten Tage trifft sich zum ersten Mal der neue Vorstand, um über eben diese wichtigen und andere Aufgaben zu entscheiden. Außerdem gibt es in den Räumen am Roten Weg 43 einiges zu tun. Sowohl die farbliche Gestaltung als auch einige bauliche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um die zukünftigen Vereinszwecke erfüllen zu können. Und natürlich zählen dazu auch gelegentliche Treffen mit Plauderstündchen in lockerer Atmosphäre, wofür die Installation der Küchenzeile und die Einrichtung des “Lese-Cafés” als auf der Prioritäten-Liste ganz oben erscheinend genannt werden müssen. Eine Eröffnungsfeier steht auch bereits auf dem Plan und die ersten Veranstaltungen mit Bildungscharakter warten auf ein hoffentlich zahlreich erscheinendes Publikum.
Alles in allem ein erfolgreicher Gründungsabend!

