Ein Kommentar

Der Naziaufmarsch am 1. Mai war eine Schande für Freiberg, darin sind sich die Bürger_innen einig. “Die Bilder, die seit dem 1. Mai von Freiberg um die Welt gehen, sind in einer wirtschaftlich so schwierigen Zeit geradezu verheerend, für ausländische Investoren abschreckend und auch für den Hochschulstandort wenig hilfreich.”, steht in einem Leserbrief an die Freie Presse. Freiberg dürfe nie wieder ein solches Bild nach außen vermitteln, forderten Politiker_innen, Gewerkschafter_innen und Studentenwerksvertretende in einem offenen Brief. Das weltoffene Freiberg – an den Pranger gestellt durch den “braunen Bodensatz der Gesellschaft”. “Dabei wird nicht nur in Kauf genommen, dass Freibergs Ruf ruiniert wird, sondern auch mögliche Randale materielle Schäden anrichten.” Dass es den Nazis (und nicht nur ihnen) um menschenverachtende Ideologien geht, darauf weißt kaum eine_r hin. Man stört sich nicht an den Rufen nach Volksgemeinschaft, oder der Hetze gegen Menschen, sondern an materiellen und ideellen Schäden an der Stadt.

Schlimm etwa, wenn Nazis städtisches Eigentum zerstören, noch schlimmer, wenn es dabei das eigene Gartentor oder den eigenen Gartenzwerg trifft. Doch nicht nur das Eigentum ist bedroht, schlimmer noch, auch der Wirtschafts- und Unistandort Freiberg! Investoren und ausländische Studierende könnten abgeschreckt werden, weniger Tourist_innen die Stadt besuchen. Um Ausländer_innen, die weder als zahlungskräftige Besuchende noch als Studierende kommen, schert sich hingegen niemand. Klar, die will ja eh keine_r hier haben.

Ohnehin, was regen sich diese Menschen auf? Schließlich bedrohen Nazis lediglich ihre körperliche Unversehrtheit und schlimmstenfalls ihr Leben. Hier geht es aber um das Image der Stadt und damit unser aller Repräsentation nach außen. Was sollen andere denn nur von uns denken…? (Andere sind hier vor allem jene (ausländische) Investor_innen, Tourist_innen und potenzielle Student_innen, also “nützliche” Menschen.)

Zum Glück, und das ist der Trost, heilt die Zeit bekanntlich alle Wunden. Das viele Getöse wird sich nicht in Taten niederschlagen und bald hat Freiberg sein stolzes Ansehen zurück. Bürger_innen werden durch die Straßen schlendern, das Schloss und die Bergakademie betrachten und sich geil vorkommen für den Schrott, den diese Stadt zu bieten hat. Nazis marschieren dann vielleicht in Dresden, in Chemnitz, in Zwickau oder in Mittweida. In Freiberg werden höchstens ein paar alternative Jugendliche von Nazis zusammengeschlagen, aber das ist nicht so schlimm. Denn in der Presse steht nix davon und die Polizei – die kommt sowieso nicht. Dann ist die Welt wieder in Ordnung und alles kann weiterlaufen wie bisher.