Der Weltfriedenstag in Freiberg war vor allem eines: eine unkritische Jubelveranstaltung

Das “Supergedenkjahr” 2009 steht ganz in der Tradition der Bundesrepublik. Die Erinnerung an 20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Grundgesetz und 40 Jahre als “geteilte Nation” fügen sich nahtlos in die Gedenk- und Erinnerungspolitik des postfaschistischen Deutschlands ein. Der Gründungsmythos der BRD als demokratisches und geläutertes Deutschland wird dabei ebenso bewusst inszeniert wie die vermeintliche “friedliche Revolution” in der DDR. Kontinuitäten des Nationalsozialismus werden geleugnet, die völkischen und rassistischen Hintergründe der Wiedervereinigung verdrängt. Dass Volks- und Großmachtsfantasien des wiedervereinigten Deutschlands die Forderungen nach Meinungsfreiheit und Mitbestimmung bald ablösten, sich die Rufe “Wir sind das Volk!” bald in “Wir sind ein Volk!” veränderten und nur wenige Jahre später die wichtigsten Lehren aus dem Nationalsozialismus, an die sich bis dahin nicht einmal die reaktionärsten Kräfte der CDU heran getraut hatten, gekippt wurden, offenbart den Charakter der “friedlichen Revolution”. Anfang der 90er brannten unter Beifall des Mobs die Asylsuchendenheime, das Recht auf Asyl wurde danach faktisch abgeschafft. Und nur wenige Jahre später standen deutsche Soldaten wieder dort, wo sie 60 Jahre zuvor bereits agierten, und halfen bei der völkischen Neuordnung Jugoslawiens. Im Erinnerungsmarathon dieses Jahres geht ein Datum derweil oft unter: Der 1. September 1939. Vor 70 Jahren überfiel Deutschland Polen und begann damit den zweiten Weltkrieg. In der BRD wird und wurde dieser Tag als “Antikriegstag” begangen, in der DDR als “Weltfriedenstag”.

Zum 1. September dieses Jahres rief Landrat Volker Uhlig als Präsident des Vereins “Initiative gegen Extremismus” zu einem Staffellauf mit einer “Flamme der Erinnerung” auf. Von Döbeln und Mittweida trugen abwechselnd 16 Läufer_innen die Flamme zum Obermarkt nach Freiberg, wo sich etwa 500 Menschen versammelt hatten. Die “Initiative gegen Extremismus”, die sich ganz bewusst von einem Bekenntnis gegen “rechts” zurückhält, wollte die Veranstaltung nicht als Gegenpol zum 1. Mai, als 400 Nazis durch Freiberg marschierten, verstanden wissen. So wurde aus dem 1. September vor allem eine unkritische Jubelveranstaltung der Stadt, mit der sich das Image aufbessern ließ. Ausländische Studierende sollten auf dieser Alibiveranstaltung vor allem bezeugen, wie weltoffen Freiberg doch sei und dass es keine Probleme mit Nazis und menschenverachtenden Ideologien gäbe.

Von den Studierenden wurde berichtetet, dass sie angehalten wurden, unverfängliche Reden auszuarbeiten, in denen keine politischen Statements und keine Kritik an der Stadt geäußert werde. Hat die Stadt Angst vor einem klaren Statement gegen Rassismus und Neonazismus? Sollte konstruktive Kritik nicht erwünscht sein? Was soll von einem Verein, der in Antifaschist_innen und Aktivitäten gegen Rechts das größere Problem sieht als in Nazis und Alltagsrassismus, aber auch zu erwarten sein? Obwohl sich der “Weltfriedenstag” der Erinnerung an den Kriegsbeginn vor 70 Jahren verschrieben hat, spielte schließlich auch das Gedenken an 20 Jahre “friedliche Revolution” eine große Rolle und mündete im kollektiven Gedudel der Nationalhymne. Unter der selben Melodie, unter der die Wehrmacht in Polen einmarschierte, sagen 70 Jahre später die Initiatoren des “Weltfriedenstages” in Freiberg “Ja” zur deutschen Nation. Deutlicher kann sich die CDU-Dominiertheit der “Initiative gegen Extremismus” nicht zeigen. Hier geht es nicht um Erinnerung oder demokratische und humanistische Werte, sondern um pure Ideologiepolitik.

Das zeigte sich auch an den etwa 500 Teilnehmenden der Veranstaltung. Beschäftigte des Landratsamtes wurden dazu verpflichtet, in ihrer Arbeitszeit daran teilzunehmen. So kommt man ohne weiteres auf 500 Teilnehmende – mehr als die Nazis am 1. Mai und mehr als auf der antifaschistischen Demonstration am 20. Juni. Das war der Stadt anscheinend sehr wichtig.