Differenzierte kulturelle Wahrnehmungen und sensibilisierende Probleme

“In Europa ist man die schlechten Nachrichten aus Afrika so gewöhnt, dass man die guten nicht mehr wahrnimmt”, behauptete Doris Lessing1.

Auch der französische Verein AJ162, gegründet 1996 von einer Gruppe Jugendlicher mit malinesischen Immigrationshintergrund in dem Pariser Vorort Gentilly, wird dieser Aussage zustimmen. Um diese Tatsache zu ändern, fand vom 02. bis 21. Juli 2009 ein deutsch-französischer Jugendaustausch zwischen Repräsentanten und Repräsentantinnen der Partnerstädte Freiberg und Gentilly im westafrikanischen Mali statt.

Denn neben der Sensibilisierung für die schwerwiegenden und prägenden Probleme der früheren französischen Kolonie, standen der kulturelle Austausch und die Wahrnehmung der unterschiedlichsten faszinierenden Facetten im Vordergrund. Die Reise in dem 1,24 Mio. km2 großen Mali, einer der größten Flächenstaaten Afrikas, welcher jedoch mit 14,1 Mio. Einwohnern eine vergleichsweise geringe Bevölkerung aufweist, zeigte viele positive Züge, die durch Medien in dem Druck nach zerreißenden Neuigkeiten völlig untergehen..

Offenheit, Toleranz und Ehrlichkeit wurden uns stetig während der Reise entgegen gebracht und übertönten bei der Wahrnehmung anfänglich die Armut und den wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rückstand, im Vergleich zu europäischen Standards. Später nahm man auch die teilweise intensiv verankerte Korruption in Mali, repräsentativ durch die Polizei, wahr. Die Beamten verdienen, laut Aussagen einiger Guides, monatlich ca. 100 Euro und versuchen deswegen nicht vordergründig strafbare Delikte aufzudecken und zu unterbinden, sondern durch diese mehr zu verdienen.

Um weitere Züge des Landes im Bewusstsein zu verankern, fand ein tiefgründiges Gespräch mit dem deutschen Botschafter statt, der sich für das lang bestehende Projekt und den deutsch-französischen Austausch interessierte, so dass deutlich Probleme, aber auch Entwicklungen des Landes angesprochen wurden. Doch kritisierbar ist, dass seines Erachtens nur eine Menschenrechtsverletzung in Mali besteht – die weibliche Beschneidung. Mali ist das einzige westafrikanische Land, in dem die Beschneidung noch nicht verboten ist, um, wie die Regierung aussagte, die Tradition nicht in die Illegalität abzudrängen. Um die jungen afrikanischen Mädchen beschneiden lassen zu können, reisen deswegen viele Menschen nach Mali. 2001 waren 91,6% der 15- bis 49-jährigen Frauen beschnitten. Neuere Statistiken konnten aus finanziellen Gründen nicht angefertigt werden. Der grenzüberschreitende Kinderhandel, willkürliche Polizeiübergriffe, die Todesstrafe und die Unterordnung der Frau in gewissen traditionellen Lebensformen werden aber nicht intensiv als solche Verletzungen thematisiert. Auch legitimiert das malische Eherecht Polygamie, so dass ein Mann bis zu vier Frauen heiraten darf. Jede Frau gebärt durchschnittlich 6,7 Kinder, wobei nicht nur die medizinischen Unterversorgungen und Komplikationen bei der Schwangerschaft, sondern auch die Kindersterblichkeit enorme Probleme darstellen. Manchen Menschen steht kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Viele können von dem Recht der Bildung ebenfalls kein Gebrauch machen, obwohl seit 1962 eine Schulreform vorhanden ist, die aussagt, dass alle 6-15-jährigen einer Schulpflicht unterstehen. Das Bewusstsein dieser Probleme ist vorhanden, wird aber nicht durchgehend als schwerwiegend betrachtet. Seit 1991 wird die politisch-gesellschaftliche Entwicklung in der semipräsidialen Republik maßgeblich von Demokratisierung und Dezentralisierung geprägt, so dass auch die geringen Mitbestimmungsrechte in den Kommunen und Gemeinden nicht thematisiert wurden.

Der darauffolgende Besuch beim französischen Botschafter riss jedoch jeden Teilnehmer mit. Nachdem die Namen der Teilnehmer bereits zum zweiten Mal festgestellt worden, gab man sich nur 10 Minuten Zeit, sich mit der angesprochenen Thematik auseinanderzusetzen. Alle, insbesondere der Verein AJ162 und die französischen Leiter, stellten sich konkret vor. Spezialisiert wurde sich dabei auf das anstehende Projekt in Kolobo. Der Aufenthalt in diesem Partnerdorf der Stadt Gentilly, war einer der Schwerpunkte des Austausches. Das Desinteresse und die fehlende Auseinandersetzung des Botschafters an den Ideen des Vereins erkannte man unter anderen an der Frage, wo sich Kolobo und die größeren Nachbarstädte befinden. Das einzige, was er immer wieder verdeutlichte, war, dass wenn man auswandern möchte, man alle Formalitäten für ein Visum bekommen kann. Man muss nur wollen, dann ist alles möglich. Extrem fehl formulierte und realitätsverlorene Aussagen, leiteten das ganze Gespräch. Denn der Großteil der Bevölkerung, kann solche Chancen nicht umsetzen.

Doch als spätere Multiplikatoren ist es wichtig, nachweisen zu können, dass man auf vielen Wegen versucht seine Projekte öffentlich bekannt zu machen und die Grundideen zu verbreiten, um weitere Menschen anzuregen, für klar formulierte Ziele aktiv zu werden.

Der nächste Tag war von den Lebensmitteleinkäufen für den Kolobo-Aufenthalt geprägt. Die Luft auf dem Markt war gesättigt mit vielen verschiedenen intensiven Gerüchen. Das Angebot an Waren war sehr groß. Neben Produkten von Nestle, Maggi und Coca Cola, gab es u.a eine große Anzahl von Gewürzen, Nudeln, Kuskus, Reis, Obst und Gemüse. Später besuchten wir den Kunsthandwerkermarkt, dessen Angebot von Schuhen, Tüchern, Spielen bis hin zu vielen Skulpturen reichte, alle waren präzise und sehr beeindruckend von Hand gefertigt. Die Produktionsweise erlebte man direkt auf dem Markt.

Der Kaufpreis war nie festgelegt, sondern die Verhandlungskünste mussten präsentiert werden. Auf sympathische, aber doch direkte Weise erzielte man auch als Europäer oft einen angemessenen Preis für die Ware und baute nebenbei viele Beziehungen und Kontakte zu den Händlern auf. Das gleiche Spiel setzte sich fort, als man einen französischen Leiter auf einen Gemüsemarkt begleiten konnte. Das Miteinander und Zusammenspiel der verschiedenen Charaktere war sehr faszinierend. Durchweg fühlte man sich herzlich und familiär aufgenommen.

Um die anfänglichen Eindrücke zu intensivieren, schloss sich die Fahrt nach Kolobo an. Bei einem Zwischenstopp wollte man ein Restaurant besuchen. Auf wackligen Holzbänken und zwischen den Lehmhäusern gelegen, kam die Zeit zum speisen. Einige Teilnehmer waren jedoch verschreckt, als ihnen bewusst wurde wie das Essen verarbeitet wurde. Von Fliegen besetzt, lag ein Ziegenkopf auf den Boden und löste viele aufgebrachte Emotionen bei einigen hervor. Das Essen ließen sie sich ab dem darauffolgenden Tag jedoch wieder schmecken.

Freudig wurden wir mittlerweile in Kolobo erwartet. Mit fasziniertem Blick und großen Augen stiegen wir aus unserem Bus - hinein in den herzlichsten Empfang, den sich viele sonst nur erträumen können. Wie zu dem Dorf und in eine Familie gehörend, wurden wir begrüßt. Mit den selbstgefertigten Musikinstrumenten, oft aus Kürbissen und Muscheln hergestellt, wurde uns Musik geboten, bei der man immer gemeinsam tanzte. Dies behielt sich auch bei den meisten Besuchen der anderen Dörfer bei. In diesen gab es immer ein Gespräch mit den Dorfältesten. Die meisten wiesen daraufhin, dass man sich durch Subsistenzwirtschaft am Leben hält, aber kein Trinkwasser vorhanden ist und die Kinder meist keine Möglichkeit haben die Schule zu besuchen. Manchmal sind nur wenige Klassen vorhanden oder man muss 7 km bis zu einer Schule laufen. Die Menschen öffneten ihr Herz und baten immer darum, dass man sich diesen Problemen widmet. Denn den Generationen, denen die Dorfältesten angehören, brauchen die notwendige Hilfe nicht mehr, aber den Kindern soll die Bildung und ein hygienischeres Leben in naher Zukunft nicht mehr verwehrt werden. Sie sollen die Chance haben, später einmal zu studieren und einen Beruf zu erlernen.

In Kolobo, wo unser hauptsächliches Projekt ablief, existiert bereits eine Schule. Auch ein Trinkwassersystem wurde errichtet, für das die Bewohner jedoch immer nach Entwendung zahlen müssen. Das errichtete Gesundheitszentrum ist für alle Dörfer offen, wird jedoch selten besucht.

Die Aufgabe war somit die Menschen zu sensibilisieren, bei anfänglichen Krankheiten oder Schwangerschaften sofort zu der angestellten Krankenschwester zu gehen. Probleme stellen dabei jedoch das Misstrauen der Krankenschwester gegenüber, der weite Weg, die Bezahlung der Medikamente oder das fehlende Bewusstsein für die Schwere der Krankheiten dar. Viele Männer untersagen ihren Frauen bei einer Schwangerschaft in das Gesundheitszentrum zu gehen und verweigern ihnen diesbezüglich, wenn überhaupt vorhanden, das Geld. Manche Frauen kaufen davon aber auch Lebensmittel für sich und ihre Familie.

Neben derartigen theoretischen Phasen, widmeten wir uns dem Ziel, die Schule Kolobos neu zu streichen und einen beim Sturm vernichtenden Gemüsegarten wieder aufzubauen. Die Schüler haben dann die Aufgabe, das Gemüse zu verkaufen, um sich Schulmaterialien leisten zu können. Zukünftig soll ein weiterer Garten für Frauen angebaut werden, damit sie sich von dem Geld Medikamente kaufen können und während der Schwangerschaft das Gesundheitszentrum besuchen können.

In der letzten Woche des Aufenthaltes in Mali wurden viele Wanderungen, unter anderem zur “L`Arche” und Wasserfällen vorgenommen, die immer durch Begleitungen von aufgeschlossenen Guides wahrgenommen worden, sodass die Zeit harmonisch beendet wurde.

Letztendlich möchte ich vermerken, dass neben den vielen verankerten Problemen Afrikas, die in meinem Bericht nicht alle erwähnt worden, man vor Ort überwiegend positive Eindrücke bekommt. Denn Menschen prägen das Leben und geben einen viel mehr Schwingungen und Anregungen mit ihrem Sein als alles andere. Es haben sich mit der Zeit die malischen Standards erhöht und entwickelt, von denen selten berichtet wird, so dass man angeregt wird, weiter zu helfen.

Vielen Dank an alle Organisatoren, Unterstützer und Teilnehmer für die bereichernde Zeit und die Chance nicht nur negative Tatsachen wahrnehmen zu können, sondern alles für sich wahrhaftig zu realisieren und besser reflektieren zu können. Initie – Danke.

1 Doris Lessing ist eine britische Schriftstellerin, die in der früheren britischen Kolonie, dem heutigen Simbabwe lebte.