Per Fahrrad durch Deutschland
24. Oktober 2009
In 14 Tagen über 1500 km für 130 Euro! Erlebnis und Abenteuer pur. Ein Freund der Redaktion berichtet von seinem Sommerurlaub.
Noch sieben freie Sommerwochen bis zum Beginn des Studiums und wie immer: Ohne Moos nix los! Aber nichts machen und mich nur in heimischen Gefilden aufzuhalten ist so rein gar nicht meine Sache. Abenteuer, Spannung und Spaß mussten her – jedoch für kleines Geld.
Da war ja noch die Freundin, die ich vor fünf Jahren auf Mallorca kennen gelernt hatte. Ein Jahr jünger als ich, hatte ich mich im Urlaub zwei Stunden nett mit ihr unterhalten. Daraus entstanden später längere Chatprotokolle und so manche Urlaubskarte. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt für eine Fahrt von Freiberg bei Dresden zu ihr in die Nähe von Oldenburg. Laut Routenplaner waren das ca. 510 km inklusive Autobahn – es sollten einige hundert mehr werden. Aber: die Anreise per Bahn würde über 100 Euro kosten und über den neuen Toyota meiner Eltern brauchte ich gar nicht nachzudenken. Der Drahtesel war also die einzige Option. Freitagnacht druckte ich noch drei Screenshots von Google Maps aus und zusammen mit dem Heftchen zum Elberadweg ging es los. Der Gepäckträger schien mit Fahrradtaschen, Zelt, Schlafsack, Isomatte und Rucksack etwas überfordert. Vom Kochgeschirr über eine 20 m2 große Abdeckplane als Regenschutz bis zu meinen Taucherflossen war alles dabei.
Samstag früh ging es endlich – anfangs wegen des Gewichts noch leicht wackelig – gen Norden. Bei Riesa wollte ich auf die Elbe auffahren und dann solange in die Pedalen treten, bis ich müde würde. Schon nach den ersten zwei Stunden stellte sich ein ganz einzigartiges Freiheitsgefühl ein. Ich hielt wo es mir gefiel, ich blieb so lang ich wollte und ich aß was ich mochte und für gesund hielt. Entgegenkommende Radreisende grüßten szenentypisch mit einer relaxten Minimalbewegung der linken Hand, und die Menschen an den Straßenrändern schauten mich und meinen Gepäckträger teils neugierig, teils respektvoll an. Viele sprachen mich an: wo ich herkomme und wo ich hinwolle. Oft löste die Antwort geschockte Minen aus und fast immer folgte die Frage: “Allein? Ganz allein?” und es wurde sich nach meinem Alter erkundigt. Als 19-jähriger alleine über 1500 km mit dem Fahrrad zu reisen, hielten viele für verrückt aber mutig. Mit den besten Wünschen für die weitere Reise endeten die Gespräche. Bei Havelberg verließ ich den Radweg und machte mich mit Kompass und meinen improvisierten Karten Richtung Westen auf. Verfahren konnte ich mich an dieser Stelle kaum, da jeder Weg nach Westen der richtige zu sein schien. Die Strecke von Havelberg nach Oldenburg bewältigte ich so binnen zweier Tage. Auf einem Zeltplatz bei Arendsee lernte ich einen Dänen kennen. Der 50-jährige zeigte großes Interesse an meiner Reise und ich durfte seine offizielle Radfahrkarte mit Zeltplätzen für Norddeutschland fotografieren. Nebenbei fachsimpelten wir über verschiedene Fahrradteile und er zeigte mir sein Navigationsgerät. Es befand sich unter dem Zelt, das er quer auf seinem Lenker transportierte. Er hatte auch im Gegensatz zu mir eine Radlerhose an. Deren Fehlen führte bei mir zu einem extrem wunden Hinterteil mit Blasenbildung, aber mit zwei Unterhosen kann alles durchgestanden werden.
Bei meiner Freundin war ich zunächst froh meine Wäsche reinigen zu können und mal etwas anderes als das Dosenfutter zum Abendbrot zu essen. Nett waren auch die Gespräche. Nach sieben Tagen Fahrt war ich froh mehr als nur Smalltalk führen zu können. Hierzu muss ich sagen, dass ich meinen MP3-Player erst am vierten Tag in meinem Gepäck fand und diesen sparsam, nur stundenweise, in Betrieb nahm. Die Musik motivierte mich sehr und ließ mich für längere Zeiträume 25 km/h fahren.
In Oldenburg entschloss ich mich noch einen Ruhetag in Cuxhaven einzulegen. Da ich erst gegen 11:30 Uhr auf dem richtigen Weg aus Oldenburg war, wurde es schnell sehr spät. Auf der Fähre nach Bremerhaven sprach ich mit einem Mann aus Linz, der in drei Wochen mit einem Liegefahrrad an die Küste fuhr. Er war der erste, der meinte, dass ich es nicht mehr schaffen würde. Unterwegs fragte ich noch andere Küstenspaziergänger, ob es Zeltplätze in der Nähe gebe und erzählte ihnen von meinem Ziel Cuxhaven. Alle meinten, dass ich auf dem nächsten Campingplatz halt machen solle – Cuxhaven wäre zu weit. Doch alles, wirklich alles, was im Leben beim Erreichen deiner Ziele zählt, ist dein Wille und so konnte ich kurz vor Mitternacht mein Zelt 100 m vor der Küste von Cuxhaven aufschlagen.
Der nächste Tag wurde zu einem Highlight: Ausnahmsweise weckte mich nicht der Wecker und ich schlief lange, packte meinen Rucksack und kaufte im Supermarkt leckere und billige Sachen. Dann hieß es auf ins Watt und im Schlick versinkend genoss ich den Westwind und die ganz besondere Meeresluft. Später kaufte ich mir ein Buch zum Thema “Autogenes Training”, damit der Wille beim nächsten Mal noch stärker ist. Gegen einen Strandkorb gelehnt und mit dem Blick aufs Meer ging der Tag zu Ende.
Nach den üblichen 90 Morgenminuten, die ich zum Wachwerden, Packen und Zeltzusammenpacken brauche, ging es dann nach Berlin. Langsam zeigte sich, dass das Geld zu Ende ging. Doch das Schicksal schien es gut mit mir zu meinen: Auf einem Zeltplatz ging ich als Minderjähriger durch, obwohl die Rezeptionistin dreimal meinen Ausweis anschaute und in der geforderten E-Mail mit der Einverständniserklärung meiner Eltern mein wahres Geburtsdatum angegeben war. In Havelberg konnte ich auch durch Zufall einen regionalen Reporter kennen lernen, der mich zum Mittagessen einlud. Um mir die Gebühr für den Zeltplatz zu sparen und viele Kilometer zurückzulegen, entschloss ich mich die kommende Nacht durchzufahren. Gegen 21 Uhr kochte ich mir am Elbdeich noch einmal leckere Spaghetti mit Soße und zog mir meine Thermounterwäsche an. Warm eingepackt konnte die Nacht kommen. Die Landstraßen waren sehr leer. Während der sechsstündigen Dunkelfahrt konnte nur das kleine ausgeleuchtete Trapez unmittelbar vor dem Fahrrad gesehen werden. Jedes Geräusch und jede Bewegung am Straßenrand schien zehnmal intensiver. Mehrere Male kam es ca. 10 m vor mir zu einem Wildwechsel mit Rehen. Es war insgesamt anstrengender und aufregender als ich dachte, zumal gegen 4:45 Uhr die Glühbirne meines Frontlichtes durchbrannte. Bis zum Sonnenaufgang improvisierte ich einfach mit meiner Stirnlampe. Am späten Nachmittag machte sich die Müdigkeit bemerkbar, aber nach einem Energydrink und zwei Tafeln Schokolade ging es weiter. Glücklicherweise konnte ich wieder kostenlos zelten. Diesmal auf einem kleinen Flughafen mit Dusche im Hangar. Für das Wochenende campte dort auch ein Paar im Wohnmobil. Sie besaßen sogar ihre eigene Propellermaschine. Freundlicherweise bekam ich zum Frühstück einen Kaffee geschenkt und durfte in einem gepolsterten Stuhl an ihrem Tisch sitzen. Wir tauschten Geschichten aus. Zum Abschied wurden mir noch 10 Euro geschenkt mit dem tollen Hinweis, dass auch ich in 30 Jahren einem jungen Abenteurer unter die Arme greifen solle. Begleitet von dem Lärm einer startenden Maschine ging es auf zum Brandenburger Tor und nach über 1560 km auf dem Fahrrad bin ich endlich da – in Berlin.
Damit geht ein sehr lustiges und impressives Abenteuer zu Ende. Ich kann jedem – insbesondere den Menschen mit schmalem Geldbeutel – so eine Tour wärmstens empfehlen. Man sammelt wichtige Lebenserfahrungen und kommt mit interessanten Menschen ins Gespräch. Außerdem lernt man den Luxus der Zivilisation wie ein Sofa oder eine Lampe völlig neu schätzen. Insgesamt habe ich um die 130 Euro in 14 Tagen ausgegeben. Es steht somit fest: Großes Abenteuer kann man auch für kleines Geld haben. Es muss nur mit dem Packen begonnen werden …