Selbstmord in Frankenau
23. Oktober 2009
Die Unterbringungspolitik im Landkreis Mittelsachsen trieb eine Asylsuchende in den Selbstmord. Mitarbeiter der Ausländer_innenbehörde sehen tatenlos zu.
Im Asylsuchendenheim Frankenau nahm sich die 32-jährige A.T., Mutter von drei Kindern im Alter von 10, 7 und 3 Jahren, am 24. August durch eine Überdosis von Medikamenten das Leben. Frau T. versuchte den Umzug ihrer Familie ins Asylsuchendenheim Mobendorf zu verhindern. Die Tabletten nahm sie vor den Augen von zwei Mitarbeiter_innen der Ausländerbehörde ein, die jegliche Hilfeleistung unterließen.
Aufgrund der stark rückläufigen Zahlen der Asylsuchenden sollte das Heim in Frankenau geschlossen werden, am darauf folgenden Montag folgte die Räumung. Am 19. August musste bereits ein Teil der Bewohner_innen ins Asylsuchendenheim nach Döbeln umziehen. Die Verbliebenen hatten die Auflage, am 24. August nach Mobendorf zu ziehen.
In einer Pressemitteilung des sächsischen Flüchtlingsrates heißt es zu den Hintergründen:
“Schon in der Vergangenheit hatte die Familie einen Antrag auf dezentrale Unterbringung aus gesundheitlichen und humanitären Gründen gestellt, welcher jedoch von der Behörde abgelehnt wurde. Im Vorfeld der geplanten Schließung bat die Familie erneut um eine Unterbringung in einer Wohnung, entsprechende ärztliche Atteste lagen vor und bestätigten die Dringlichkeit, insbesondere im Hinblick auf die medizinisch festgestellte Suizidalität von Frau A. T. Am Tag des Umzugs bat A. T. noch einmal eindringlich die anwesenden Mitarbeiter der Ausländerbehörde nicht nach Mobendorf ziehen zu müssen, sondern bis zur Entscheidung ihres Antrages in das Asylbewerberheim in Döbeln ziehen zu dürfen. Der Ehemann sprach von ‘Betteln’ und berichtete, dass seine Frau auf die Knie gegangen sei und den Mitarbeitern die Hände geküsst habe. Als dies kein Verständnis hervorrief, habe sie sich mit beiden Händen das Gesicht blutig gekratzt und vor den Augen der Behördenmitarbeiter sowie der Heimleiterin eine nicht unerhebliche Zahl an Tabletten eingenommen. Schließlich brach sie in Anwesenheit ihres 10-jährigen Sohnes zusammen. Ein beruhigendes und deeskalierendes Einwirken der Mitarbeiter der Behörde ist nach unserem Kenntnisstand nicht erfolgt. Selbst als der Ehemann um Hilfe bat, nachdem er im Zimmer der Familie eine große Anzahl von leeren Medikamentenschachteln vorfand, wurde durch die Behördenmitarbeiter weder selbst erste Hilfe geleistet, noch der Notarzt gerufen. Statt dessen wurde der Ehemann darauf verwiesen seine Frau selbst ins Krankenhaus zu fahren. Er selbst informierte zunächst den Krankenwagen, die Polizei sowie den behandelnden Arzt, wobei kostbare Zeit verstrich, bevor er dann mit seiner Frau im eigenen Auto nach Mittweida fuhr. Während seine Frau mit dem Tode rang, wurde von ihm noch verlangt den Umzug fortzusetzen und seine Dinge von Frankenau nach Mobendorf zu bringen. In dieser Zeit verstarb Frau A. T. im Krankenhaus.”
In Mobendorf wird ein Teil der Asylsuchenden in maroden Bungalows untergebracht. Sie sind eng, im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt. Der Leiter des Heims, Dieter Weinberger, äußerte sich in der Freien Presse vom 26. August wie folgt: “‘Eine solche Reaktion’, so Weinberger, ‘habe jedoch niemand erwartet, zumal die Art Unterbringung in Mobendorf kaum Wünsche offen lasse. Alle Neuankömmlinge werden in renovierten Bungalows mit 60 Quadratmetern Grundfläche wohnen.’” Nicht nur, dass der Behörde ärztliche Atteste für Frau T.s Suizidalität vorlagen, die Bedingungen, unter denen Asylsuchende in Deutschland leben müssen, sind oft menschenun- würdig. Laut Gesetz stehen einem Asylsuchenden 4,5 m2 an Wohhnfläche zu. In Sammelunterkünften und Wohnheimen leben viele Menschen oft auf engstem Raum. Die 60 m2, die Weinberger anpreist, lassen für eine 5-köpfige Familie auf jeden Fall genug Wünsche offen. Katastrophal ist aber vor allem die Lage des Heims.
Zwar ist es im Striegistal idyllisch, aber völlig abgelegen und die Menschen abgeschnitten von der Außenwelt. Selbst kleine Dörfer sind kilometerweit entfernt und um nach Hainichen, der nächsten Stadt, zu gelangen, muss man gar über 7 km zurücklegen. Die einzige Anbindung bleibt somit der Bus, der allerdings nur wenige Male am Tag fährt. Außerdem sind Busfahrten von 40 Euro Taschengeld, die einem Asylsuchenden monatlich zustehen, nicht immer erschwinglich. Die Asylsuchenden in Mobendorf werden bewusst vom Rest der Bevölkerung separiert. Integration ist von Seiten der Behörden gar nicht gewünscht. Für Asylsuchende in Freiberg sieht es etwas besser aus. Es existieren mehrere Vereine, die sich um das Wohl von Flüchtlingen kümmern, wie der Arbeitskreis Ausländer und Asyl Freiberg e.V. und das Interkulturelle Café InCa des CJD Chemnitz. Seit letztem Monat bietet immerhin die Sächsische Landjugend aus dem Striegistal einmal im Monat einen Kindernachmittag in Mobendorf an. Am sinnvollsten wäre allerdings eine dezentrale Unterbringung aller Asylsuchenden, wie sie in einigen Landkreisen praktiziert wird. Aber leerstehende Wohnungen und Wohnhäuser werden in Freiberg lieber abgerissen.Hinweis: Dan Felberg (Grüne) hat eine kleine Anfrage an Landrat Uhlig eingereicht, deren Antwort bei Redaktionsschluss noch nicht vorlag.
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