Dieser Teil ist die unmittelbare Fortsetzung der letzten Ausgabe.

“Die Ablehnung der modernen Welt war maskiert als Zurückweisung der kapitalistischen Lebensart, aber sie fußte hauptsächlich auf der Verwerfung des Geistes von 1789.”1

Neben sämtlichen faschistischen Bewegungen, die ich im Rahmen dieser Reihe behandle, existierten noch weitere. Einige rissen im Verbund mit rechten und konservativen Parteien die politische Macht in ihren jeweiligen Ländern an sich. Einige etablierten sich als Satellitenregime von Nazideutschland. Wieder andere fristeten ein Dasein am Rande der Bedeutungs- losigkeit, so etwa die British Union of Fascists unter Führung von Oswald Mosley. Dennoch verhinderte auch die oft zitierte Befreiung vom Faschismus nicht, dass sich bestehende Bewegungen und Parteien reorganisieren, sowie zahlreiche neue formieren konnten und dass diese sich auch heute an klassisch faschistischen Ideologemen orientieren. Auf diese einzelnen nationalen Faschismen möchte ich nicht weiter eingehen. Wer sich dafür interessiert, kann der unten abgedruckten Literaturliste einige Anregungen entnehmen.

Ich möchte anhand der hier gewählten Beispiele den epochalen Charakter des Faschismus illustrieren, ohne dabei die Denkmuster von Ernst Nolte, François Furet oder anderen Totalitarismustheoretiker_innen zu reproduzieren. Der Vollständigkeit halber seien aber alle europäischen Länder genannt, in denen sich faschistische Bewegungen und Parteien etablie- ren konnten. Vielleicht wird nach dieser Aufzählung auch klar, weshalb mein Aufsatz mit der heutigen Überschrift eingeleitet wurde: Albanien, das Baltikum, Belgien, Bulgarien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, San Marino, die Schweiz, Skandinavien, Spanien, die Tschechoslowakei und Ungarn. Daneben gab es faschistische Gruppierungen in der Sowjetunion und den USA. Das japanische Tenno-System, das beim nächsten Mal behandelt werden soll, wird üblicherweise ebenfalls dem Faschismus zugerechnet.

Betrachten wir zunächst Österreich: Der Begriff Austrofaschismus umschreibt hier ein ständestaatliches Herrschaftssystem, das sich von 1933 bis zur deutschen Annexion am 12. März 1938 etablieren konnte. Dieser Phase von knapp fünf Jahren ging eine längere Phase politischer Instabilität voraus. 1930 eskalierte ein bereits länger schwelender Konflikt, der mit einer Art katholischer Renaissance einherging, und führte schließlich zur Herausbildung eines antidemokratischen Kurses, der sich in erster Linie gegen die österreichische Sozialdemokratie, später dann auch gegen die erstarkende nationalsozialistische Bewegung richtete. Im Zuge dieser Entwicklung entstand so ein klerikal-faschistischer Staat, dessen eheste Entsprechungen der Estada Novo Portugals oder das franquistische Spanien waren, obgleich man sich politisch und ideologisch eher am benachbarten Staat Mussolinis orientierte. Am 18. Mai 1930 verlas der österreichische Heimwehrführer Dr. Richard Steidle eine Erklärung, die als Korneuburger Eid in die Geschichte des Landes einging. Stellvertretend für Teile der Heimwehr propagierte der Abgeordnete der Christlichsozialen Partei ein offenes Bekenntnis zum Faschismus.2 Die Heimwehr war das österreichische Pendant zu den deutschen Freikorps. In den Jahren zuvor hatte sich bereits ein Bündnis zwischen dieser rechtskonservativen Regierungspartei und zahlreichen autoritären Organisationen sowie paramilitärischen Verbänden etabliert und politisch behauptet. Neben der Sozialdemokratie wuchs ihnen nun mit den Nationalsozialisten ein ebenbürtiger Gegner heran.

1918 änderte die bereits 1903 gegründete DAP, die ihre Unterstützung vorwiegend aus dem Sudetenland erhielt, ihren Namen in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei um. Nicht nur den Namen nahm sie der Partei Hitlers vorweg, auch die Hakenkreuzfahne sowie die Parole “Gemeinnutz geht vor Eigennutz” gehörten damals schon zu den integralen Insignien dieser Bewegung. Von Anbeginn an arbeitete die Organisation mit ihrer gleichnami- gen deutschen Zwillingsschwester zusammen. Bei den Wahlen zum Nationalrat erhielt sie 1930 knapp 100.000 Stimmen. Sie erlangte allerdings kein einziges Mandat. 1932 jedoch verdreifachte sie ihren Stimmenanteil bereits. Die Christlichsozialen befürchteten, bei der nächsten Wahl ihre ohnehin recht knappe Mehrheit zu verlieren, und erwogen deshalb den Staat in ein faschistisches Regime zu überführen.

Der österreichische Kanzler Engelbert Dollfuß regierte bereits seit Ende 1932 unter Berufung auf ein Ermächtigungsgesetz. Im März 1933 bot sich ihm, verursacht durch eine parlamentarische Krise, schließlich eine recht günstige Gelegenheit zur Machtübernahme. Das Szenario glich dem in Deutschland: Ausschaltung des Parlaments, Versammlungsverbot, Pressezensur, Verbot des Republikanischen Schutzbundes, Auflösung von KPÖ, NSDAP und katholischem Freidenkerbund. Einem sozialdemokratischen Aufstand im Februar 1934, der militärisch niedergeschlagen wurde, folgte schließlich das Verbot der SPÖ.

Die Verfassung vom Mai 1934 vollendete schließlich die Transformation zu einem faschistischem Staat. Die Staatsbezeichnung “Republik Österreich” wurde durch die des “Bundesstaats Österreich” ersetzt. Die demokratische Präambel der alten Verfassung, in der noch propagiert wurde, dass Österreich eine demokratische Republik sei und alles Recht vom Volke ausginge, wurde gegen eine neue ausgetauscht: “Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung”. Als Wappen wählte der austrofaschistische Staat das so genannte Krückenkreuz, ein Symbol, das vermutlich auf eine Zeit vor der Monarchie der Habsburger zurückging, zudem wollte man sich damit gegenüber dem Hakenkreuz der Nationalsozialisten abgrenzen.

Der Ausschaltung des Parlaments folgte die Ausschaltung des österreichischen Volksgerichtshofs. Fortan wurden in mehreren Internierungslagern politische Gegner inhaftiert. Neben Sozialdemokraten, Kommunisten und Anarchisten, nach einem nationalsozialistischen Putschversuch im Juli 1934, welcher zeitweise bürgerkriegsähnliche Zuständen herbei- führte und bei dem auch Kanzler Dollfuß ermordet wurde, zudem zahlreiche Nationalsozialisten. Außerdem wurde die Todesstrafe wieder eingeführt. Die Bildungspolitik ist in den Folgejahren nach austrofaschistischen Grundsätzen umgestaltet worden, dabei spielte ein stärkerer Einfluss der katholischen Kirche sowie deren Frauenbild von der Hausfrau und Mutter eine maßgebliche Rolle. Säkulare Tendenzen wurden hingegen verdrängt, vorangegangene Reformen annulliert. Kulturpolitisch dominierte eine Affirmation vorrevolutionärer Kunstrichtungen, vor allem der des Barock.

Im wirtschaftspolitischen Bereich ergriff man zahlreiche Maßnahmen um sich aus dem internationalen Freihandelssystem zurückzuziehen. Der ständische Korporativismus wurde von Staats wegen durchgesetzt und die soziale Verantwortung auf einzelne, ständisch organisierte Einheiten delegiert. Dies entsprach auch der propagierten Volksgemeinschaftsideologie sowie der Abschaffung des Klassenkampfes. Gestützt wurde das System von der katholischen Kirche und dem österreichischen Cartellverband, einem Dachverband katholischer Studentenverbindungen, der sich in den Folgejahren zur intellektuellen Stütze des Regimes entwickelte. Außenpolitisch verbündete man sich sehr frühzeitig mit dem faschistischen Italien, wohl auch, um sich bewusst gegenüber NS-Deutschland abzugrenzen.
Die ideologischen Grundlagen des austrofaschistischen Ständestaats entsprachen denen anderer zeitgenössischer faschistischer Bewegungen: eine propagierte Ablehnung des Klassenkampfes, ein Streben nach gesellschaft- licher Harmonie, wobei den einzelnen sozialen Ständen eine große Bedeutung zugemessen wurde. Im Unterschied zur nationalsozialistischen Rassenideologie trat die spezifische Geschichte des Landes in den Vordergrund. Sie wurde auch benutzt, um sich sehr deutlich von NS-Deutschland abzugrenzen und die katholische Ausrichtung des Landes zu betonen. Im Sinne einer christlich-sozialen Gesellschaftsauffassung avancierte die Monarchie zum Ideal des Staates.

Zahlreiche Kontroversen gibt es noch immer über das zwiespältige Verhältnis zum Antisemitismus. Zwar wurden in Österreich bis dato keine antijüdischen Gesetze erlassen, es sind aber genauso wenig Anstrengungen unternommen worden, um die regelmäßigen antisemitischen Ausbrüche in der Bevölkerung zu unterbinden. Nachdem Engelbert Dollfuß beim Putschversuch der österreichischen Nationalsozialisten ums Leben kam, übernahm der vormalige Justizminister Kurt Schuschnigg das Amt des Kanzlers. Dieser versuchte, Hitler im Jahre 1936 die Garantie der österreichische Unabhängigkeit abzuhandeln. Dies gelang ihm nur durch zahlreiche Zugeständnisse für die österreichischen Nationalsozialisten, unter anderem einer Generalamnestie. Infolgedessen wuchs deren Einfluss erneut, auch und gerade weil sie von der Unterstützung NS-Deutschlands profitierten. Das Resultat ist hinlänglich bekannt: Im Februar 1938 nötigte Hitler den Kanzler zum Abkommen von Berchtesgaden, infolgedessen die schrittweise Annexion Österreichs eingeleitet wurde. Ein letzter Versuch, die österreichische Unabhängigkeit zu bewahren, scheiterte am Einmarsch deutscher Militärverbände unter dem Jubel zahlreicher Österreicher. Der austrofaschistische Ständestaat ging von nun an im nationalsozialistischen Rassenstaat auf.

Zur damaligen Zeit führte Ungarn die europäische Statistik an, zumindest was die Anzahl rechtsradikaler und faschistischer Organisationen angeht. Das Land litt nach dem Ersten Weltkrieg massiv unter territorialen und demographischen Verlusten. Außerdem etablierte sich im März 1919 unter Béla Kun kurzzeitig eine kommunistische Räterepublik, welche allerdings schon im gleichen Jahr wieder von konterrevolutionären Kräften gestürzt wurde. Unter der zahlenmäßig recht starken und enorm von Proletarisierung betroffenen Mittelklasse des Landes waren antikommunistische Ressentiments fortan weit verbreitet. Ohnehin war es eben diese national gesinnte Mittelklasse, welche die Politik der rechten Parteiorganisationen und ultranationalistischen Bewegun- gen maßgeblich unterstützte. Eine weitere Besonderheit war zudem, dass der Antisemitismus schon sehr früh als bedeutende politische Kraft in Erscheinung trat. Bereits in den 1920er Jahren beschränkten antisemitisch konnotierte Gesetze Juden den Zugang zu höherer Bildung und Verwaltungspositionen. Stetig entwickelte sich auf diese Weise eine Art christlicher Nationalismus, der sich wie in Spanien und Rumänien mit Elementen des autoritären Liberalismus anreicherte. Nach dem Sturz der ungarischen Räterepublik etablierte sich schließlich das gemäßigt rechtsautoritäre Horthy-Regime. Zwar gestattete es im begrenzten Umfang bestimmte politische Formen des Pluralismus, die Linke wurde hingegen massiv unterdrückt. Dies wiederum führte dazu, dass der Agitation rechtsradikaler und nationalsozialistischer Gruppen ein fruchtbarer Boden bereitet wurde. Die allgemeine Frustration während der Jahre der Weltwirtschaftskrise tat dann ihr übriges.

Bereits 1919 hatte sich eine extreme rechtsradikale Bewegung namens Erwachendes Ungarn formiert, die sich explizit am Modell des italienischen Faschismus orientierte. Die so genannten Szegeder Faschisten (der Name war eine Anlehnung an jene Stadt, von der aus 1919 die Konterrevolution gegen die kommunistische Räterepublik organisiert wurde) hatten ihre Blütezeit zwischen 1919 und 1922. Gyula Gombös, der Führer dieser Bewegung, mäßigte sich allerdings während der stabilen politischen Phase in den späten 1920er Jahren. Deshalb bot Miklos Horthy ihm auch 1929 den Posten des Verteidigungsministers an.

Ungarn litt in den Folgejahren enorm unter der sich zuspitzenden ökonomischen Krise. Horthy wandte sich während dieser Zeit immer mehr von seinem gemäßigten rechtskonservativen Kurs ab. Er suchte nach einer starken Führerpersönlichkeit und übertrug deshalb Gombös 1932 das Amt des Ministerpräsidenten, verbunden mit der Aufforderung, öffentlich dem Antisemitismus abzuschwören, was dieser zunächst auch tat. Die erste größere Amtshandlung von Gombös war ein offizieller Besuch im faschistischen Italien. Seine italienfreundliche Politik behielt er während seiner gesamten Regierungszeit bei. Daneben übernahm er die Kontrolle über weite Teile der Regierungspartei, nannte sie um in Partei der Nationalen Einheit und dehnte ihre Organisationsstruktur auf das ganze Land aus. Neben einer kadermäßig organisierten Jugend- organisation baute er auch eine politische Miliz auf. Die nun entstandene Einheitspartei sowie nahezu die gesamte staatliche Verwaltung unterlagen so einem enormen Rechtsruck und nahmen durchaus faschistische Züge an.

Nachdem 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gelangt waren, nahm auch der nationalsozialistische Einfluss sehr rasch zu. Anders als in Österreich näherte man sich NS-Deutschland bereits frühzeitig an. Bereits einen Monat nach Hitlers Machtübernahme reiste Gombös nach Berlin und handelte dem Führer zahlreiche Zugeständnisse ab, unter anderem die Möglichkeit einer Annexion der Slowakei. 1934 erklärte er Her- mann Göring im Zusammenhang mit der geplanten Einführung eines korporativen Wirtschaftssystems, dass sich Ungarn innerhalb von drei Jahren zu einem nationalsozialistischen Staat umorganisieren werde. Im Jahre 1936 verstarb er jedoch und bis heute bleibt im Dunkeln, ob er diese Pläne tatsächlich durchsetzen oder sich nur dem nationalsozialistischem Deutschland anbiedern wollte.

Im Zuge der sich weiter verschärfenden Wirtschaftskrise entstanden in Ungarn zahlreiche neue Organisationen vom faschistischen Typus. Oftmals trugen sie bereits das Attribut “nationalsozialistisch” in ihrem Namen. Eine winzige nationalsozialistische Partei hatte sich schon in den 1920er Jahren gegründet. 1931 entstand unter Zoltán Böszörmény die Nationalsozialistische Ungarische Arbeiterpartei, deren Mitglieder nach ihrem Emblem “Sechs- kreuzler” genannt wurden. 1933 kamen drei weitere Kleinparteien dazu: Die Ungarische Nationalsozialistische Landarbeiter- und Arbeiterpartei von Zoltán Meskó verschmolz kurz nach ihrer Gründung mit der schon im vorausgegangenen Jahrzehnt gegründeten ursprünglichen Nationalsozialistischen Partei, übernahm deren Embleme, das grüne Hemd und das so genannte Pfeilkreuz. Sandor Graf Festetics hatte mittlerweile die Nationalsozialistische Volkspartei geschaffen und unter Fidel Graf Pálffy entstand eine beinahe 1:1-Kopie der NSDAP. 1934 bildeten Meskó, Pálffy und Festetics ein nationalsozialistisches Gremium und schlossen ihre Parteiorganisationen unter dem grünen Hemd und dem Pfeilkreuz zusammen. Festetics wurde kurz darauf wieder ausgeschlossen, weil er sich der jüdischen Bevölkerung gegenüber zu nachgiebig verhielt. Er suchte daraufhin Anschluss an eine weitere, gerade neugegründete nationalsozialistischen Partei und gelangte über diese ins ungarische Parlament. Den größten Einfluss innerhalb all dieser Kleinparteien hatten damals die so genannten Donau-Schwaben, die Nachfahren von assimilierten Deutsch-Ungarn. Innerhalb der folgenden Jahre kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen und Diadochenkämpfen um die politische Führerschaft innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung, weshalb diese recht nachhaltig geschwächt wurde. Neben all diesen, sich als nationalsozialistisch verstehenden Klein- und Kleinstparteien existier- te mit der 1935 von Ferenc Szálasi gegründeten Partei des nationalen Willens, den so genannten Hungaristen eine nennenswerte faschistische Kraft. 1937 entstanden aus dieser Partei die Pfeilkreuzler. Szálasi orientierte sich direkt an der SA und SS und schuf eine integrale nationalsozialistische Massenbewegung, die sich auf heidnische Traditionen berief und einen aggressiven Nationalismus sowie einen radikalen Antisemitismus vertrat. Bei den Wahlen 1939 erlangte die Pfeilkreuzler-Partei 25 % aller Stimmen. Dennoch war sie bis 1944 an keiner Regierung beteiligt. Nachdem Reichsverweser Miklós Horthy daran gescheitert war, mit den Alliierten einen Separatfrieden zu schließen, übernahm diese Partei die Führung einer Regierungskoalition. Zuvor war Ungarn im März des gleichen Jahres von Deutschland besetzt worden. Nach der Machtübernahme durch die Pfeilkreuzler wurden zehntausende Juden ermordet. Zudem konnte durch ihre Hilfe die zweite, von Nazideutschland geplante Deportationswelle verwirklicht werden.

Im Hinblick auf die zahlenmäßige Stärke der Legion des Erzengels Michael, einer klerikalfaschistischen, ultranationalistischen und antisemitischen Bewegung, entsprach die Situation im damaligen Ru- mänien durchaus der von Ungarn. Die Legion avancierte in den dreißiger Jahren unter Corneliu Zelea Codreanu zur drittgrößten faschistischen Bewegung Gesamteuropas, zumindest was ihre zahlenmäßige Stärke angeht. Ein Unterschied, etwa zu Österreich, Ungarn aber auch Deutschland, war jedoch die entscheidende Tatsache, dass Ru- mänien durchaus vom Ersten Weltkrieg profitiert hatte. Die Argumentation, dass der aufkeimende Nationalismus die direkte Folge eines gekränkten Narzissmus gewesen sei, greift hier nicht wirklich. Dennoch: Die geographischen Gebietsgewinne und die demographische Expansion stellten das Land in Verbindung mit seiner sozialen, ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit vor große Probleme. Eine wesentliche Herausforderung war die Modernisierung und Sanierung der prekären National- ökonomie, die zu den schwächsten auf dem gesamten Kontinent zählte. Weiterhin hatte die aufgrund der erwähnten geographischen Expansion gewachsene Multiethnizität bereits zu massiven Konflikten geführt, die den Ausbruch einer nationalen Identitätskrise noch beschleunigten. Dennoch entwickelte sich das Land zum Zentrum einer Debatte zwischen “Westlern” und “Traditionalisten”. Unterschiedliche traditionalistische Ansätze, beispielsweise die der russischen Slawophilen, aber auch andere, oftmals völkische Ansätze divergierten mit den Konzeptionen des europäischen Liberalismus, aber auch mit denen des Sozialismus. Letztlich etablierte sich eine eigenständige Form, die eine gefestigte Nation unter Führung einer Elite propagierte. Ökonomisch blieb das Land agrarisch geprägt. Unter Teilen der bäuerlichen Bewegung etablierte sich, ähnlich wie in anderen Ländern auch, ein eigentümlicher populistischer Nationalismus, der die Konzeptionen des Liberalismus, des Marxismus, aber auch die des Konservativismus entschieden ablehnte. Zudem hatte der Antisemitismus eine stärkere intellektuelle Basis als in anderen europäischen Ländern. In Rumänien hatten antijüdische Ressentiments innerhalb der sozialen und kulturellen Elite enormen Rückhalt. Bereits kurz nach Kriegende wurden erste diskriminierende Maßnahmen gegenüber jüdischen Bürgern an rumänischen Universitäten eingeführt.

Inmitten der Weltwirtschaftskrise kehrte dann König Carol, der fünf Jahre zuvor abgedankt hatte, in das Land zurück. Die erneute Übernahme der königlichen Macht war zuvor von einer Clique einflussreicher Militärs und elitärer Autoritärer eingeleitet worden. Carol versprach, die Verfassung von 1923 zu achten, worauf die Parteien seine Herrschaft akzeptierten. Allerdings war er ein machthungriger und korrupter Monarch, zudem ein großer Verehrer Mussolinis. Er griff immer wieder verfassungswidrig in das politische Geschäft ein. Es gelang ihm schließlich, die Regierungspartei, die Nationale Bauernpartei zu spalten und sie 1931 zu entmachten. Er errichtete daraufhin eine monarchistische Diktatur ohne großen Rückhalt in der Bevölkerung. Während dieser Phase etablierte er eine Minderheitsregierung, die ausschließlich aus Adligen unter der Führung von Nicolae Iorga bestand. 1932 konnte nochmalig eine kurzlebige demokratische Regierung Fuß fassen, die von der Nationalen Bauernpartei getragen wurde, allerdings war diese politische Kraft bereits durch innere Konflikte so gelähmt, dass sich bereits ein Jahr darauf das politische System kurz vor seiner Auflösung befand.

Eine weitere Besonderheit war die Tatsache, dass während dieser politischen Krise der autoritäre Liberalismus als einzige verbleibende politische Kraft an Bedeutung zunahm. Getragen wurde er von der Liberalen Partei, als Vertreterschaft der städtischen Mittel- und Oberklassen. Diese Partei hatte sich die autoritative und korporative Organisation der Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben. Sie verfolgte eine eigenständige Doktrin, welche ordoliberale Ansätze favorisierte. Diese formierten sich unter dem Etikett des Neoliberalismus, in der Muttersprache neoliberalismul. Mihail Manoilescu war damals der wichtigste Verfechter dieser Dogmatik, zudem einer der führenden Theoretiker des Korporativismus in Europa. Manoilescu machte zwar einen Unterschied zwischen Faschismus und Korporativismus und definierte erstgenannten als rein italienisches Phänomen, dennoch definierte auch er die kor- porative Gesellschaftsvorstellung als Versuch der totalitären Synthese aller gesellschaftlichen und ökonomischen Kräfte. Neben der gemäßigt-autoritären Liberalen Partei gab es noch wenige, allerdings unbedeutende Parteien, so z. B. die radikal antisemitische LANC3, und die ebenfalls rechtsautoritäre Nationale Agrarpartei. Außerdem eine direkte Nachahmung der deutschen NSDAP, die PSNR4 unter Oberst Stefan Tatarescu. Ach dem Zerfall der Nationalen Bauernpartei trat mit der Legion des Erzengels Michael die wohl ungewöhnlichste Massenbewegung Europas während des Interbellum in Erscheinung. Im Allgemeinen erfüllte sie zwar alle Kriterien einer Faschismustypologie, dennoch wies sie recht eigenständige Charakterzüge auf: Sie vereinte zwar sowohl präfaschistische als auch radikalfaschistische Ideologeme. Dem Ganzen wohnte allerdings ein religiöser Mystizismus inne, deshalb war das propagierte Ziel der Bewegung: “Die geistige Auferstehung! Die Auferstehung der Völker im Namen des Erlösers Jesus Christus!”5. Bis zu seinem Tod im Jahre 1938 prägte Codreanu diese klerikalfaschistische Organisation maßgeblich. Die zunächst eher unbedeutende rechtsradikale Gruppierung entwickelte sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zu einer großen Protestbewegung, die sehr schnell Zugang zu weiten Teilen der rumänischen Gesellschaft fand. Geschickt arrangierte öffentliche Spektakel, Aufmärsche und religiöse Prozessionen verliehen dem Ganzen den notwendigen massenwirksamen Gestus. Zudem wurden zahlreiche freiwillige Arbeitseinsätze auf dem Land sowie wohltätige Kampagnen inszeniert, wobei massiv antisemitische, antiliberale, antikommunistische und antiparlamentarische Agitation betrieben wurde. Viele Menschen sahen in der Liga eine Alternative zu den korrupten und einzig an bestimmten Klientelen orientierten Parteien. Ende 1933 wurde die Eiserne Garde, der paramilitärische Flügel der Legion durch den liberalen Premier Ion Duca verboten. Kurz darauf wurde dieser von Gardisten ermordet. Codreanu und weitere Mitglieder der Garde wurden im folgenden Jahr von einem Militärgericht freigesprochen. Bei den Parlamentswahlen im Jahr 1937 wurde die Legion die drittstärkste Kraft, hinter der Liberalen Partei und der Nationalen Bauernpartei. Der König, welcher die Politik der Legionäre entschieden ablehnte, hielt sie erfolgreich von der Regierung fern, zumindest bis er 1940 abdanken musste. In dieser Phase wurde die Legion selbst das Opfer von Verfolgung und Repression. Im Februar 1938 löste Carol II. die amtierende Regierung auf und übernahm als Diktator die Macht. Codreanu wurde im April mit anderen Führern der Bewegung festgenommen, inhaftiert und in einem Prozess zu Zwangsarbeit verurteilt. In einer Novembernacht erdrosselte man ihn zusammen mit dreizehn weiteren Legionären, darunter auch die Mörder von Duca. Die monarchistische Diktatur war allerdings nur von kurzer Dauer und bereits im März 1939 bildete sich wieder eine parlamentarische Regierung. Im September 1939 ermordeten Gardisten den neuen Premier C?linescu, was wiederum zur Inhaftierung und Hinrichtung von mehreren hundert Legionären führte.

In den ersten Kriegsmonaten verhielt Rumänien sich neutral. Mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939, der unter anderem ein sowjetisches Interesse an Bessarabien dokumentierte, waren frühere Versprechen Großbritanniens und Frankreichs hinfällig. Als Deutschland schließlich in Polen einmarschierte, gewährte Rumänien den Mitgliedern der polnischen Regierung Zuflucht. Selbst nach der Ermordung C?linescus versuchte Carol II. weiterhin neutral zu bleiben, aber Frankreichs Kapitulation und der Rückzug Großbritanniens machten die Zusicherungen an Rumänien wertlos. Seinen Ausweg suchte Rumänien in einer Anlehnung an die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan. Von dieser politischen Ausrichtung profitierten die geschwächten Legionäre ungemein. Einer im Juli 1940 unter Ion Gigurtu gebildeten Regierung gehörte erstmals auch ein Mitglied der Legion an. Zu dieser Zeit waren die führenden Mitglieder der Bewegung allerdings schon tot. Codreanus Nachfolger Horia Sima, ein radikaler Antisemit, gehörte zu den weniger prominenten Legionären, weshalb er die Zeit der politischen Morde wohl auch überlebt hatte. Im September bildete die Legion eine Allianz, gemeinsam mit General Ion Antonescu. Diese erzwang schließlich die Abdankung des Königs zugunsten seines Sohnes Mihai. Die neue Regierung näherte sich den faschistischen Achsenmächten weiter an und trat schließlich 1941 der Achse bei. Sima wurde schließlich Vizepräsident des Kabinetts. An der Macht verschärfte die Legion die antisemitischen Gesetze und verfolgte eine blutige Politik der Pogrome und politischen Morde. Im Januar 1941 vereitelte Ion Antonescu einen Putschversuch der Legionäre. Sie wurden umgehend aus der Regierungsverantwortung entlassen und verloren jeglichen Schutz durch die Regierung. Sima und andere führenden Legionäre flüchteten nach Deutschland, andere wurden inhaftiert. Antonescu regierte von nun an als Militärdiktator, ohne die Unterstützung irgendeiner Partei. Unter seiner Herrschaft sind hunderttausende rumänischer und ukrainischer Juden nach Transnistrien deportiert worden. Mehr als 300 000 Juden und über 20 000 Roma wurden ermordet.

Im heutigen und in den vorangegangenen Aufsätzen habe ich mehrfach den Korporativismus erwähnt. Ich möchte diese Begrifflichkeit abschließend kurz erläutern. Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein Basisideologem faschistischer Bewegungen. Allerdings ist auch der Korporativismus (auch Korporatismus) keine Erfindung des Faschismus. Er existiert sogar heute noch, beispielsweise innerhalb unseres konservativ-korporativ verfassten Sozialsystems, wenn auch in modifizierter Form. Die Idee gesellschaftlicher Korporationen entspricht zweifelsohne der faschistischen Vorstellung von einer harmonischen Volksgemein- schaft. Sein Kerngedanke ist die Interessensgleichheit sämtlicher Gemeinschaftsmitglieder, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht oder Klasse. Klassenkampf und gesellschaftliche Spaltung werden dagegen strikt abgelehnt, weil diese dem Gemeinwohl schaden. Der Korporativismus ist eine kollektivistische Theorie, die von der naiven Grundanahme einer an-sich harmonischen Gesellschaft ausgeht. Die Widersprüche, welche eine auf kapitalistischer Konkurrenz basierende Gesellschaft logischerweise erzeugt, werden konsequent ignoriert. Seinen Ursprung hat der Korporativismus in der katholischen Soziallehre. Die päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von Leo XIII.,welche u. a. die Gründung katholischer Gewerkschaften vorantrieb, ist ein beispielhaftes Dokument für das propagierte Ideal der sozialen Gerechtigkeit auf Grundlage christlicher Wertvorstellungen, Tugendhaftigkeit und gottgewollter Ordnung. Das harmonische Zusammenleben aller Menschen soll einzig dadurch gewährleistet werden.

Im Zuge der verheerenden Auswirkungen der ökonomischen Krisen des frühen 20. Jahrhunderts, die zudem ein weit verbreitetes Misstrauen gegen den klassischen Laissez-faire- Kapitalismus hervorriefen, konnte sich der Korporativismus qua Rückbesinnung auf die mittelalterliche Ständeordnung etablieren. Er muss also einerseits als Reaktion auf die ökonomischen Krisen selbst, auf der anderen Seite als Reflex auf den daraus resultierenden Klassenkampf verstanden werden. Die faschistischen und nationalsozialistischen Bewegungen konzipierten eine Art nationalen Korporativismus, welcher sich u a. syndikalistischer, aber auch klassisch korporativistischer Konzepte bediente. Im faschistischen Italien z. B. trieb vor allem der Jurist Alfredo Rocco die Idee eines korporativ verfassten Staates voran. Unter Mussolini avancierte er dann zum Justizminister. Er ließ die italienische Nationalökonomie in 22 unterschiedliche Korporationen aufteilen, die wiederum allesamt einer übergeordneten Vertretung untergeordnet waren, der Camera dei Fasci e delle Corporazioni.
Beim nächsten Mal sollen der Nationalsozialismus und der autoritäre Nationalismus des japanischen Kaiserreichs behandelt werden. Da ich die Geschichte des Nationalsozialismus als bekannt voraussetze, werde ich mein Augenmerk eher auf die Machtergreifung der NSDAP sowie die Rolle der unterschiedlichen sozialen Milieus während der Weimarer Republik lenken. Hier finde ich sehr wichtige Antworten auf die entscheidende Fragestellung: Warum und vor allem wie der Nationalsozialismus überhaupt an die Macht gelangen konnte. Außerdem soll zum besseren Verständnis dieser historischen Epoche die Polykratiethese von Franz Leopold Neumann vorgestellt werden.
Auf die so genannte Konservative Revolution und deren Protagonisten, etwa Carl Schmitt, Armin Moeller van den Bruck, Oswald Spengler u. a. soll vielleicht später, im Rahmen eines weiteren Beitrags eingegangen werden, insofern die Redaktion dieser Zeitschrift nicht bereits jetzt vom Umfang meiner Texte genervt ist. Bis zum nächsten Mal, wenn es heißt: Die Menschwerdung einer Bestie: Der nationalsozialistische (Un-)Staat.

1 Zitiert nach Umberto Eco.
2 “Wir wollen Österreich von Grund aus erneuern! […] Wir wollen nach der Macht im Staate greifen und zum Wohle des gesamten Volkes Staat und Wirtschaft neu ordnen. […] Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat! […] Wir kämpfen gegen die Zersetzung unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf und die liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung. […] Der Staat ist die Verkörperung des Volksganzen, seine Macht und Führung wacht darüber, daß die Stände in die Notwendigkeiten der Volksgemeinschaft eingeordnet bleiben.”
3 Liga zur christlichen nationalen Verteidigung.
4 Nationalsozialistische Partei Rumäniens.
5 Corneliu Zelea Codreanu: Eiserne Garde.

Literaturverzeichnis

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Götz Aly: Hitlers Volksstaat.
Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft.
Arnd Bauerkämper: Der Faschismus in Europa 1918–1945.
Stefan Breuer: Nationalismus und Faschismus. Frankreich, Italien und Deutschland im Vergleich.
Ulrich Enderwitz: Antisemitismus und Volksstaat.
Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker.
Konrad Hecker: Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung.
Max Horkheimer: Autoritärer Staat.
Heiko Kauffmann , Helmut Kellershohn und Jobst Paul, (Hg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt. Analysen rechter Ideologie.
Reinhard Kühnl: Faschismustheorien. Ein Leitfaden.
Brunello Mantelli: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus.
Franz Leopold Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-44.
Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Française, Italienischer Faschismus, Nationalsozialismus.
Robert O. Paxton: Die Anatomie des Faschismus.
Stanley G. Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung.
Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. Erschienen in Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz.
Projekt Ideologiegeschichte: Faschismus und Ideologie.
Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus.
Richard Saage: Faschismus. Konzeptionen und historische Kontexte. Eine Einführung.
Alfred Sohn-Rethel: Industrie und Nationalsozialismus. Aufzeichnungen aus dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag.
Zeev Sternhell: Die Entstehung der faschistischen Ideologie: Von Sorel zu Mussolini
Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie: Eine Einführung.
August Thalheimer: Über den Faschismus.
Wolfgang Wippermann: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute.