Die brutale Beendigung einer demokratischen Erfolgsgeschichte
15. Dezember 2009
Nachdem bereits in Folge des Münchener Abkommens vom 30. September 1938 die tschechischen Grenzgebiete als „Gau Sudetenland“ von Deutschland annektiert worden waren, wurde die Tschechoslowakei am 15. März 1938 durch die Besetzung der verbliebenen tschechischen Landesteile durch deutsche Truppen sowie die Unabhängigkeitserklärung einer faschistischen Regierung in der Slowakei aufgelöst. Daran schloss sich ein sechsjähriges deutsches Terrorregime an, dem 78.000 der 120.000 in Böhmen und Mähren lebenden Juden zum Opfer fielen. Auch die tschechische Bevölkerung sollte nach den Vorstellungen des Chefraumplaners der SS, Konrad Meyer, nach Ende des Krieges entweder eingedeutscht oder „umgesiedelt“ werden. Vorerst wurden diese Menschen aber noch für den Weiterbetrieb der kriegswichtigen und hochentwickelten tschechischen Industrie benötigt. Bereits während des Krieges war mit der Arisierung des Landes begonnen worden, in dem unter anderem 16.000 Bauernhöfe enteignet und an „Volksdeutsche“ weitergegeben wurden.
Beschrieben wird diese Zeit in einem vor kurzem in der Reihe „konkret-Texte“ erschienenen Buch von Erich Später mit dem Titel „Villa Waigner“.
Später berichtet zunächst davon, welch beeindruckende demokratische Strukturen sich in der Tschechoslowakei nach deren Gründung 1918 herausgebildet hatten. Symptomatisch dafür erscheinen zum einen die weitreichenden Minderheitenrechte, von denen insbesondere die Deutschen, die mit 23,3 % die größte Minderheit bildeten, profitierten. So wurden 80 % der deutschen Kinder auf Deutsch unterrichtet, und es existierte ein eigenes deutsches Hochschulwesen. Als zweites Beispiel stellt Später das energische Vorgehen der tschechischen Regierung(en) gegen den Antisemitismus im Land vor, durch welches dessen weitgehende gesellschaftliche Isolierung erreicht wurde. Ein Großteil der deutschen Minderheit kündigte jedoch trotz der gewährten Rechte die Loyalität mit dem tschechoslowakischen Staat frühzeitig auf. So wählten 1935 zwei Drittel der Sudetendeutschen die nationalsozialistische Sudetendeutsche Partei von Konrad Henlein. Zugleich stellte die deutsche Universität in Prag bereits seit Gründung der Tschechoslowakei das Zentrum der deutschnationalistischen und antisemitischen Hetze dar.
Nach der Schilderung der allgemeinen Entwicklungen berichtet Später dann als Beispiel für die Arisierung jüdischen Eigentums von der Geschichte der Villa Waigner, die auch dem Buch seinen Titel gibt. Das Haus war von dem jüdischen Ehepaar Waigner 1923 erbaut worden. Am 9. August 1940 wurde die Villa als jüdisches Eigentum enteignet. Danach wurde sie zunächst von Friedrich Klausing, dem späteren Rektor der Prager Universität bewohnt. Nachdem sein Sohn sich an dem Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt hatte, verübte Klausing, von der NS-Führung in Prag gezwungen, Selbstmord. Daraufhin wurde das Haus in großen Teilen von dem SS-Führer beim Reichssicherheitshauptamt Hanns Martin Schleyer, der später in der Bundesrepublik zum Vorsitzenden des Bundesverbandes der deutschen Industrie aufsteigen sollte, übernommen. Die Eheleute Emil und Marie Waigner hingegen waren bereits im Februar 1942 in Mauthausen bzw. im April desselben Jahres in Auschwitz umgebracht worden.
An die Schilderung der Geschichte dieser Arisierung schließt sich dann noch ein leider etwas zu knapp bleibender Abschnitt zum Umgang mit der Geschichte der deutschen Besatzung im heutigen Tschechien in der Bundesrepublik Deutschland an. Dennoch ist das Buch gerade für die Leser_innen, die sich noch nicht mit der Thematik beschäftigt haben, aufgrund der dichten Beschreibung dieser Zeit sehr empfehlenswert.
Erich Später: Villa Waigner, Hans Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939 – 1945, konkret Texte 2009.