Die unendliche Geschichte
15. Dezember 2009
Die geplante Ortsumgehung spaltet nicht nur den Hospitalwald, sondern auch die FreibÜrger_innen
Es gibt wohl kaum eine Umgehungsstraße in Deutschland die seit mehr als sieben Jahrzehnten immer mal wieder geplant wird. In Freiberg ist das bekanntlich anders, allerdings scheint auch hier ein Ende in Sicht. Weiterhin nicht beendet sind allerdings die leidenschaftlich geführten Diskussionen über das Für und Wider der Umgehungsstraße. Betrachtet man den Streit oberflächlich, so gewinnt man leicht den Eindruck hier stehen sich Menschenfreunde und Naturschützer unversöhnlich gegenüber. Ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht, auch wenn die Diskussion mitunter sehr leidenschaftlich oder gar unsachlich wird. So hieß es in Leserbriefen an die Freie Presse, die Gegner der Ortsumgehung seien schon “aus Prinzip” dagegen und Naturschutz wird gegen den Schutz des Menschen ausgespielt. Der Knackpunkt der ganzen Debatte liegt wohl eher bei der Tatsache, dass die derzeit geplante Trasse weder die Interessen der Naturschützer noch das Anliegen Freiberger Bürger, Lärmbelästigung und Luftverschmutzung im Stadtgebiet zu verringern, in Einklang bringen kann. Die Verlagerung des Verkehrs in den Hospitalwald nimmt den Einwohnern der Bergstadt ein wertvolles Erholungsgebiet und vielen gefährdeten und seltenen Tierarten ein weiteres Stück Lebensraum. Hinzu kommt, dass die geplante Trasse auch auf die Flora-Flauna-Habitate (sog. FFH-Gebiete) der Bergbauteiche und im Muldental negativ beeinträchtigen wird. Auch ist fraglich, ob sich die Wohnqualität in einigen stadtrandnahen Wohngebieten wie Neu-Friedeburg oder Wasserberg durch die Umgehungsstraße verbessern wird.
Schaut man sich die Argumente und Stellungnahmen der Trassenbefürworter und -gegner genauer an, so fällt auf, dass die Stadtplanung in den letzten 20 Jahren in Bezug auf die Umgehungsstraße wenig vorausschauend erfolgt ist. Wolfgang Riether vom BUND kritisiert: “Die Stadt Freiberg hat seit 1990 systematisch den für eine stadtnahe Ortsumgehung vorhandenen Korridor mit Gewerbe- und Wohnbebauungsgebieten zugebaut. Nunmehr soll die Straße in weitem Bogen um die Stadt durch ökologisch sensibelste und hochwertige Waldgebiete sowie durch das FFH-Gebiet “Oberes Freiberger Muldental” geführt werden.
Dieses Vorgehen ist deshalb besonders hervorzuheben, da es insbesondere von Seiten des ehrenamtlichen Naturschutzes seit 1990 nicht an konkreten Hinweisen und Einwänden gegen die immer weiter betriebene verfehlte Stadtentwicklungspolitik hinsichtlich des Zubauens potentieller stadtnaher Trassenschneisen gemangelt hat. Kein Verantwortlicher aus der Stadtverwaltung Freiberg, vom Straßenbauamt Chemnitz und aus dem Landratsamt Freiberg kann diese Tatsache ignorieren und Unwissenheit vortäuschen.”
In der Stellungnahme zum Planfeststellung verweist der Naturschutzverband Sachsen auf frühere Bebauungspläne, die immer auf die Freihaltung von Flächen für eine stadtnahe und landschaftsschonende Umgehungsstraße hingwirkt haben. Bei der aktuell geplanten Trassenführung ist davon jedoch nichts mehr zu bemerken.
Insbesondere beim Wohnpark Friedeburg war von Anfang klar, dass eines Tages eine Bundesstraße direkt dort vorbei führt. Das die Bewohner dort nun für einen weiter entfernten Streckenverlauf kämpfen, ist nachvollziehbar. Allerdings greift das Argument der Trassenbefürworter, dass die Naturschutzverbände den Umweltschutz im Planungsverfahren zu sehr betonen würden, ins Leere. Der Naturschutzverband Sachsen lehnt die Umgehungsstraße nicht per se ab, sondern fordert eine landschaftsschonendere Bebauung und damit auch die Einhaltung bestehender Gesetze zum Umwelt- und Artenschutz.
Durchaus berechtigt ist auch die Kritik an den zugrundeliegenden Zahlen für die Bedarfsplanung. Es ist durchaus realistisch zu erwarten, dass die Bevölkerung in Freiberg weiter zurückgeht und auch älter wird. Unverständlicher erscheint es da schon unter diesen Voraussetzungen von einem Anstieg der Motorisierung auszugehen. Ein nicht unerheblicher Teil des Verkehrs in der Innenstadt ist wohl dem Berufsverkehr zuzuschreiben, da etwa ein Drittel der in Freiberg beschäftigten Menschen nicht in der Stadt wohnen. Hier wird die Umgehungsstraße nicht allzuviel nützen. Den Pendlerverkehr wird man nur durch ein attraktives öffentliches Verkehrssystem verringern. Hinzu kommt, dass mit einer Umgehungsstraße die Zersiedlung der Landschaft weiter vorangetrieben wird. Tatsächlich positiv wird sich die Umgehungsstraße auf den LKW-Verkehr in der Stadt auswirken, da derzeit sämtliche Materialanlieferungen für die Firmen in den Gewerbegebieten sowie der Warentransport von dort in Richtung Autobahn über den Freiberger Stadtring erfolgen.
Die Freiberger selbst könnten aber auch heute schon einen Teil zur Verbesserung der Verkehrsituation in der Stadt beitragen: Öfter das Fahrrad benutzen oder zu Fuß gehen. Schließlich ist ein großer Teil der mit dem Auto zurück gelegten Strecken sechs Kilometer oder sogar weniger lang. Selbst das Bundesumweltministerium hat vor einiger Zeit ein Kampagne gestartet mit dem Titel “Kopf an, Motor aus. Für Null CO2 auf Kurzstrecken.”
Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Vorteile der Umgehungsstraße liegen zwar auf der Hand - weniger Verkehr auf dem Stadtring und den Ausfallstraßen, damit weniger Lärm und Dreck, die Chance auf einen autofreien Campus - nur stellt sich die Frage, zu welchem Preis man diese erkaufen möchte. Der Hospitalwald und das Muldental lassen sich nicht einfach reparieren, zumal die derzeit geplante Trasse nicht die einzige Möglichkeit für einen Straßenbau ist. Vermutlich aber die einzige Option bei der durchgehend Tempo 100 mit verbesserten Überholmöglichkeiten. Das grundsätzliche Problem des hohen Verkehrsaufkommen wird die Umgehung nicht lösen, dafür braucht es mehr: neue Ansätze im Mobilitätsmanagement und die Bereitschaft zur Veränderung.