Das ehemalige Schocken-Kaufhaus auf der Petersstraße

Das ehemalige Schocken-Kaufhaus auf der Petersstraße

Voraussichtlich nun im Mai 2010, nach etlichen Bauverzögerungen, soll das neue Einkaufszentrum in der Freiberger Petersstraße, am Ort des einstigen Schocken-Kaufhauses, seine Pforten öffnen und eine fast 100jährige Handelstradition an dieser Stelle wieder aufnehmen. Er wolle, so hatte der schwäbische Unternehmer Albrecht Maier, neuer Eigentümer des Grundstücks und Hauptinvestor, beim Baustart am 4. Juli 2008 wissen lassen, an die Tradition des einstigen Schocken-Kaufhauses sowie an die Lebensleistung der Schocken-Familie anknüpfen und dabei die leidvolle Geschichte der jüdischen Eigentümer nicht vergessen. Es bleibt spannend, ob und wie diese Absichtserklärung auch zur erfahrbaren Realität im neuen Einkaufszentrum werden wird.

Salman Schocken

Salman Schocken

Immerhin war die Geschichte des Freiberger Kaufhauses Schocken ebenso wie überhaupt die Geschichte des seinerzeit größten sächsischen Kaufhauskonzerns, der Leistungen seiner Gründer Simon und Salman Schocken, wie auch der Zerstörung ihres Lebenswerkes in Nazi-Deutschland, inzwischen fast völlig vergessen. Zwar hatten Abiturienten am Freiberg-Kolleg schon 1992/93 begonnen, die sorgsam auch in der DDR gehegten Mauern des Schweigens um das Thema „Juden in Freiberg“ einzureißen. Erste Ausstellungen und Broschüren, nach 1993 in Jugendprojekten beim CJD (Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands) in Freiberg fortgeführt, trugen die Geschichte endlich in die Öffentlichkeit. Aber erst 2007 widmete sich eine eigenständige, nun auf Wunsch der Stadt zustande gekommene Veröffentlichung der ausführlicheren Spurensuche nach der Geschichte des Freiberger Kaufhauses Schocken und seines Personals.

Schocken Belegschaft im Freiberger Park

Schocken Belegschaft im Freiberger Park

Vielleicht half sie zu guter Letzt, die Schocken-Erben doch von der Ernsthaftigkeit der Freiberger zu überzeugen, sich der eigenen Geschichte anzunehmen? Und zwar auch jener abseits der Hochglanzseiten einer von Silberbergbau, Bürgerreichtum und Bergbauwissenschaft geprägten, über Jahrhunderte bedeutsamen wettinisch-sächsischen Stadt? Einer Geschichte, die endlich auch in die Abgründe des hier besonders intensiven jahrhundertealten Judenhasses blicken wollte? Und die den „arischen“ Dünkel“ mit der unter den Nazis zur Staatsräson erhobenen Ausgrenzung, Demütigung, Vertreibung und schließlich Ermordung der Juden auch im eher beschaulichen Freiberg beim Namen zu nennen begann? Und die endlich wieder an die beispiellosen kulturellen, sozialen und unternehmerischen Leistungen der Gebrüder Schocken erinnern mochte, die einst so viele sächsische Städte und nicht wenige süddeutsche Großstädte mitgeprägt hatten, inzwischen aber aus dem kollektiven Bewusstsein getilgt schienen?

Schocken Grundsätze in allen Filialen

Schocken Grundsätze in allen Filialen

Im März 1914 als zehntes Warenhaus der Brüder Simon (1874 – 1929) und Salman Schocken (1877 – 1959) eröffnet, war es über mehr als zwei Jahrzehnte einer der begehrtesten und attraktivsten Einkaufsstätten der Freiberger und der Bewohner des Freiberger Umlands. „Wir gehen zu Schocken einkaufen“ hieß für viele Freiberger, sich stets auf gute Beratung verlassen zu können, qualitativ hochwertige Waren zu günstigen und stabilen Preisen zu erwerben und vielfältige Tipps für den Umgang mit den Produkten zu erhalten. Gerade in den sozial und wirtschaftlich dramatischen Jahren der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre bot der Schocken-Konzern eine weit über das Übliche hinaus gehende soziale Absicherung.

Weiße Wochen bei Schocken

Weiße Wochen bei Schocken

Nach dem frühen Unfalltod seines Bruders Simon 1929 prägte Salman Schocken allein das Unternehmen. Sein Erfolg beruhte auf noch heute höchst modern anmutenden, damals geradezu sensationell neuen Grundsätzen der Unternehmensführung, des Wareneinkaufs, des Personalmanagements, der Qualitätssicherung, Preisgestaltung, Kundenbindung, des Marketings und der regionalen Einbindung seiner Niederlassungen. Nie ließ er sich dabei allein von kaufmännischen Nutzenrechnungen leiten, so penibel er täglich selbst die Bilanzen aller Unternehmensteile prüfte. Sein Anspruch war, dass die Warenhäuser, die seinen Namen trugen, „den Lebensstandard und das kulturelle Niveau der Einwohner der Städte, in denen sie standen, heben“ sollten, wie sich sein Sohn Gershom später erinnerte. Als erster Handelskonzern bot Schocken eine eigene Buchabteilung, später einen eigenen Verlag. Hier hatte das preiswerte Taschenbuch seine Geburtsstunde. Es prägte Volksbildung, vor allem zu deutscher Klassikliteratur Goethes und Schillers (die Salman Schocken verehrte), und deutsche Alltagskultur nicht unwesentlich mit. Der Autodidakt Salman Schocken liebte Kunst, Architektur und Literatur. Er wurde nicht nur zu einem ihrer besten Kenner, sondern auch zu einem ihrer größten Förderer und Mäzene in Deutschland. Seine Unternehmensphilosophie war in den stilbildenden Inneneinrichtungen seiner Warenhäuser, im sachlich-einprägsamen Firmenlogo, selbst im Design der in den Schocken-Häusern angebotenen Haushaltsartikel abzulesen.

Das 1930 in Chemnitz eröffnete ehemalige Schocken-Kaufhaus steht heute unter Denkmalschutz

Das 1930 in Chemnitz eröffnete ehemalige Schocken-Kaufhaus steht heute unter Denkmalschutz

Das 1930 eingeweihte Chemnitzer Kaufhaus, inspiriert von Salman Schocken, entworfen von einem der kühnsten Architekten der Weimarer Republik, Erich Mendelsohn, ist bis heute eine architektonische Glanzleistung. Chemnitz, das sich heute als „Stadt der Moderne“ vorstellt, wäre ohne Salman Schocken, ohne dessen anregender Symbiose kaufmännischen Handelns mit fortschrittlicher städtebaulicher Kunst und Architektur, nicht denkbar.

Schocken Hauszeitung 1926

Schocken Hauszeitung 1926

Selbst solche äußerlich sehr schmucklosen frühen Schocken-Häuser wie das in Freiberg erfüllten Schockens Anspruch auf ästhetische Bildung durch die einheitlich gestaltete, geschmackvolle Inneneinrichtung und die moderne Warenpräsentation, die alle Häuser seit den zwanziger Jahren kennzeichnete. Schocken legte Wert auf Bildung und guten Geschmack seines Personals. „Der Beruf des Verkäufers […] setzt Lebensklugheit und ein großes Verständnis für Menschen und menschliche Bedürfnisse voraus“, hieß es 1926 in der Schocken Hauszeitung. Der Konzern forderte seine Mitarbeiter nicht nur, sondern förderte sie in einem für die damaligen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen außergewöhnlichen Umfang. Zu den herausragenden Sozialleistungen gehörten Urlaubsgeld für 18 Tage, Büchergeld, Fahrgeldrückerstattung für auswärts Wohnende und sogar ein eigenes Ferienheim im vogtländischen Rautenkranz, in dem Angestellte preiswert Urlaub machen konnten. Es gab Kinderbeihilfen für alle Beschäftigten mit Kindern unter 10 Lebensjahren ebenso wie gestaffelte Wöchnerinnenbeihilfen. Neben den tariflichen Regelungen zur Krankenvergütung galten im Schocken-Konzern auch damals schon gestaffelte Lohnausgleichszahlungen des Unternehmens für einen befristeten Zeitraum. 1931 war eine eigene Personal-Sparkasse eingeführt worden, die den Angestellten schon frühzeitig Prämiensparformen zu ortsüblich höchsten Zinssätzen anbot. Die Schocken-Kaufhäuser in den sächsischen Bergstädten wie Freiberg, Aue, Zwickau, Oelsnitz oder Lugau waren nach der Jahrhundertwende die ersten großen Einkaufsstätten gewesen, die gezielt Kunden aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht gewinnen wollten. In Kleinstädten wie Freiberg boten sie modische, dennoch preiswerte Kleidung für Leute, die der Markt zuvor gar nicht berücksichtigt hatte. Angehörige der mittleren Bildungsbürgerschicht hatten bis dato ihre Kleider bei Näherinnen oder Modeateliers bestellt.

Petersstraße

Petersstraße

Mit der Kaufhauskette Schocken wurde das anders. Erstmals hatten auch Arbeiter die Auswahl zwischen sehr unterschiedlichen Farben und Modellen, und dies zu erschwinglichen Preisen. Der Anblick von Bergarbeitern mit Spazierstöcken, begleitet von ihren Frauen in prächtigen, elegant sitzenden Kleidern, erregte bis in die zwanziger Jahre viel Aufmerksamkeit. Geschmacksbildung für viele und ästhetische Wirkung durch eigenes Vorbild prägte jedes Kaufhausangebot. In den zwanziger Jahren hatte Salman Schocken enge Kontakte mit dem Bauhaus Dessau geknüpft. Er interessierte sich für die Neuerungen im Gebrauch von Materialien, in der Anwendung von Farben, der Gestaltung von Möbeln, Beleuchtungskörpern und anderen Gebrauchsgegenständen Was wenige Jahre später von den Nazis als „entartete Kunst“ verhöhnt wurde, prägte nach 1925 das Interieur, das Angebot und die Werbung der Schocken-Kaufhäuser.

Carl Lewin im Büro

Carl Lewin im Büro

1933 begannen die Nazis, auch in Freiberg alles „Entartete“ und „Jüdische“ zu vernichten. „Selbstmörder“ seien die Kunden des Schocken-Kaufhauses in Freiberg, schrien SA-Posten schon im März 1933 vor dem Eingang des Hauses in der Petersstrasse und zerschlugen pünktlich zum inszenierten „Judenboykott“ am 1. April 1933 dessen Schaufenster. Was anfangs noch als Randale von „Krawallbrüdern“ erscheinen mochte, steigerte sich zum systematischen Vernichtungsfeldzug gegen alles „Jüdische“. Spätestens mit dem Novemberpogrom, der sog. „Reichskristallnacht“ vom 9. zum 10. November 1938, wurde klar, dass es nicht nur um die „Ausschaltung“ der Juden aus dem „deutschen Sozial- und Wirtschaftsleben“, sondern um deren Leben selbst ging. 1938 floh Carl Lewin, langjähriger Direktor des Freiberger Hauses, der 1930 das neu eröffnete Chemnitzer Schocken-Kaufhaus übernommen hatte, mit seiner Familie nach Palästina. Wilhelm Heymann, mit nur 26 Jahren Ende 1930 zum Nachfolger Lewins in Freiberg berufen, wurde 1934 zwar noch Direktor des Schocken-Kaufhauses in Regensburg, verlor mit der erzwungenen „Arisierung“ des Schocken-Konzerns 1938 aber endgültig seine berufliche Existenz. Er fand keine Gelegenheit zur Auswanderung. Am 2. April 1942 wurde er mit seiner Ehefrau Hilde und seinen zwei kleinen, noch in Freiberg geborenen, Kindern Ursula und Norbert zur Vernichtung in den Osten, in das Ghetto Piaski, deportiert.

Wilhelm Heymann mit seinen Kindern

Wilhelm Heymann mit seinen Kindern

Seit Juli 2007 erinnern vier Stolpersteine vor dem einstigen Freiberger Wohnhaus in der heutigen Heinrich-Heine-Str. 12 an das Schicksal dieser jungen Familie. Seinem Nachfolger in Freiberg, Siegfried Jacobsohn, Geschäftsführer von 1934 bis 1936, gelang zwar 1936 noch die Flucht mit seiner Familie über Holland nach Palästina. Aber er verlor alles, was sein Leben bis dahin ausgemacht hatte: Beruf, Besitz, Familie, Sprache und Heimat. Dass auch das Überleben, meist durch Flucht in „letzter Minute“, kaum fassbare Unmenschlichkeit einschloss, macht nicht zuletzt das Schicksal des einstigen Personalchefs im Freiberger Schocken-Kaufhaus, Kurt Günzburger, und seiner Familie deutlich. Geboren 1897 in einer gut situierten Fabrikantenfamilie, hatte er in Zwickau eine Lehre als Kaufmann absolviert, dort seine spätere (nichtjüdische) Frau Dora kennen gelernt,
Siegfried Jacobsohn

Siegfried Jacobsohn

die er 1924 heiratete. 1916 bis 1918 war er Kriegsteilnehmer in einem sächsischen Feldartillerieregiment und erhielt dafür vom sächsischen König die „Friedrich-August-Medaille“ in Bronze und Silber. Nach Buchhalterjobs in Zwickau, unter anderem bei den Horchwerken, trat er als Abteilungsleiter 1926 seine Tätigkeit im Schocken-Konzern an, zunächst in Cottbus, kurzzeitig auch in Stuttgart und Waldenburg, schließlich als Büroleiter Ende 1929 in Freiberg. 1931 wurde Tochter Eleonore in Freiberg geboren. Dem Juden Günzburger half nicht, dass er noch 1934 das von Reichspräsident Hindenburg gestiftete „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ verliehen bekommen hatte. In der Pogromnacht im November 1938 wurde er
Kurt Günzburger

Kurt Günzburger

zusammen mit anderen Freiberger Juden verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Seiner nichtjüdischen Frau wurde inzwischen geraten, sich scheiden zu lassen. Dass Kurt Günzburger ein Ausreisevisum nach Chile vorweisen konnte, rettete ihm das Leben. Er wurde aus dem KZ entlassen und musste innerhalb kürzester Frist Deutschland verlassen – ohne Frau und Kind. Ehefrau Dora sah er erst 1949, nach zehn Jahren Trennung, wieder – seine Tochter nie. Sie starb 1947, mit nur 16 Jahren, in Freiberg an Diphtherie und Lungenentzündung. Auch seine Eltern hatte er verloren. Sie waren im Januar und Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen ums Leben gekommen.
Bis in die 90er Jahre war Freibergs neuzeitliche „Erinnerungskultur“ davon
Tochter Eleonore

Tochter Eleonore

bestimmt, alles „Jüdische“ auch weiterhin aus seiner Geschichte zu entsorgen. Nicht wenige Nachkriegsgeborene wussten nichts von Juden in Freiberg, deren Leistungen und deren Leiden. Ältere hatten den Entlastungsmythos geboren, alle Freiberger Juden seien „entkommen“. Dass dem nicht so ist, steht inzwischen fest. Sichere Recherchen belegen: allein 28 Juden, die in Freiberg geboren wurden oder hier lebten, wurden Opfer des Holocaust, in Vernichtungslager deportiert oder auf andere Weise in den Tod getrieben. An 14 von ihnen erinnern inzwischen die im Juli 2007 und Oktober 2008 verlegten Stoplersteine des Kölner Aktionskünstlers Gunter Demnig. 8 bis 12 weitere werden im Herbst 2010 während der nächsten Freiberger Schalom-Tage hinzukommen. Unterstützer dieser Aktion werden gesucht.

Ansprechpartner: Redaktion FreibÄrger oder Dr. Michael Düsing, Geschichtswerkstatt im „Bunten Haus“ am Wasserberg, Tschaikowskistraße 57 a, 09599 Freiberg, Tel.: 03731 / 201338, E-Mail: bunteshaus[at]cjd-chemnitz.de

Zum Nachlesen empfohlen:

Le Monde diplomatique:
Kaufhauskönig Salman Schocken: Eine jüdische Heldensaga

Michael Düsing:
Das Freiberger Kaufhaus Schocken – eine Spurensuche; Freiberg 2007

Konrad Fuchs:
Ein Konzern aus Sachsen. Das Kaufhaus Schocken 1901 – 1953; Stuttgart 1990

Tilo Richter:
Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken. Jüdische Kulturgeschichte in Chemnitz; Leipzig 1998

Anthony David:
The Patron. A Life Of Salman Schocken, 1877 – 1959; New York 2003 (engl.)

Die am neuen Kaufhaus angebrachte Tafel geht kaum auf das Unrecht im Nationalsozialismus ein.

Die am neuen Kaufhaus angebrachte Tafel geht kaum auf das Unrecht im Nationalsozialismus ein.