Arbeit ist kein Grund zum Feiern!
30. April 2010
Die sozialdemokratischen Kundgebungen von DGB bis Linkspartei am 1. Mai werden wir mit einem eigenen Stand kritisch begleiten.
„Die „Arbeit“ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche Tätigkeit“- Karl Marx
Jedes Jahr am ersten Mai, am sog. „Tag der Arbeit“, finden hunderte Kundgebungen, Demonstrationen und andere Volksfeste statt, auf denen die Gewerkschaften und die sozialdemokratischen Parteien „SPD“ und „DIE LINKE“ das hohe Lied der Arbeit anstimmen. Die einen fordern eine bedarfsorientierte Grundsicherung, die andere ein bedingungsloses Grundeinkommen. Gemeinsam haben sie alle, dass sie den Kapitalismus humaner und ökologischer gestalten und die Arbeit gerechter entlohnen wollen.
Sicher sind das Ziele, die es einigen Menschen erlauben werden, ein Stück weit besser zu leben, aber die mörderische Warenlogik, die dem Kapitalismus eigen ist und die immer noch Millionen Menschen jährlich den Hungertod beschert, obwohl es bei dem heutigen Produktionsstand überhaupt kein Problem wäre, ausreichend Nahrung für alle bereit zu stellen, wird nicht in Frage gestellt. Sie alle huldigen mit ihren öffentlichen Ritualen wieder und wieder dem „Arbeitsgötzen“ und akzeptieren das totalitäre Prinzip der Arbeit. Mehr noch, Arbeit wird zum Kerninhalt des menschlichen Daseins stilisiert. Damit werden die Verwertungslogik und der Selbstzweckcharakter des Kapitalismus festgeschrieben und die drohende Zerstörung der Lebens- und Naturgrundlagen mehr oder minder stillschweigend akzeptiert. Zudem sehen sie nicht, dass der gesellschaftliche Reichtum in die Warenform gepresst ist und so dem Großteil der Menschheit einfach vorenthalten wird.
Wer es hingegen ernst meint mit einer sozialen und gerechten Gesellschaft - also mit der freien Assoziation der Individuen - und das Denken noch nicht verlernt hat, der kommt nicht an der Kritik der Arbeit vorbei, sondern muss sich begrifflich und kritisch mit ihr auseinandersetzen.
Arbeit ist nicht identisch mit Tätigkeit, also z.B., dass die Menschen in den Stoffwechsel mit der Natur treten und sie umformen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Menschen werden immer tätig sein, sie werden immer Unterkünfte bauen, Nahrungsmittel herstellen oder künstlerisch aktiv sein. Auf jeden Fall werden sie immer nützliche Dinge produzieren, um ihr Leben angenehmer zu gestalten.Was die Menschen aber nicht immer tun müssten, ist eben arbeiten.
Die Arbeit unterscheidet von jeder anderen Tätigkeit, dass sie ein Spezifikum der kapitalistischen Gesellschaft ist und dass ihr Kern eben nicht die vernünftig organisierte Produktion von Sinnvollem und Notwendigem ist, sondern das ihr Hauptkriterium ist, ob sich etwas verkaufen lässt; ob man einen Gewinn erzielen kann. Und das ist eben nicht – wie viel zu oft in Zeiten der Krise zu hören ist- dem Willen von „denen da Oben“ oder einzelnen Politiker_innen oder „raffgierigen Managern“ geschuldet, sondern ist nun mal die Logik des warenproduzierenden Systems.
Die kapitalistische Arbeit ist Selbstzweck, insofern ihr Ziel die Vermehrung - also die Akkumulation - von Geldkapital ist. Daraus folgt, dass alle Produkte als Waren produziert werden. Sie repräsentieren das Abstraktum Geld, dessen Inhalt wiederum das Abstraktum der Arbeit ist. Und deshalb ist es der Produktion eben egal, ob das Produzierte einen sozialen und ökologischen Nutzen hat; ob alle Menschen satt werden und ein Dach über dem Kopf haben. Es ist egal, ob man Bücher druckt, Atombomben herstellt oder Schallplatten aufnimmt. Das, was am Ende zählt, ist, dass die Ware wieder in Geld getauscht und das Geld wieder in neue Arbeit verwandelt werden kann. Die Geldform repräsentiert hier die Anhäufung von Kapital, also die Anhäufung von geronnener, toter Arbeit.
„Tote Arbeit“?.Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass wir unser gesellschaftliches Leben nach einer „metaphysischen Verrücktheit“- wie dem Kapital- einrichten, die so eigentlich nicht real ist, aber dennoch existiert und die menschliche Gattung in ihren totalitären Bann gezogen hat. Als „Realabstraktion“ oder „objektiven Schein“ bezeichneten das die beiden gesellschaftskritischen Theoretiker Alfred Sohn-Rethel und Theodor W. Adorno. Man kann das Ganze auch als Verdinglichung fassen. „[Das] bedeutet, menschliche Phänomene aufzufassen, als ob sie Dinge wären, das heißt als außer- oder gar übermenschlich. Man kann das auch so umschreiben: Verdinglichung ist die Auffassung von menschlichen Produkten, als wären sie etwas anderes als menschliche Produkte: Naturgegebenheiten, Folgen kosmischer Gesetze oder Offenbarungen eines göttlichen Willens. Verdinglichung impliziert, daß der Mensch fähig ist, seine eigene Urheberschaft der humanen Welt zu vergessen […].“ (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 2009 (1980): 94f.)
Das Wort Arbeit ist heute zunehmend ein Kampfbegriff und richtet sich gegen die, die nicht arbeiten können oder wollen. Der alte Ausspruch: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ hat für zu viele Menschen noch Gültigkeit, obwohl längst klar ist, dass in Folge der mikroelektronischen Revolution und der mit ihr einhergehenden enormen Steigerung der Produktionskräfte, die Arbeit stetig weniger und dadurch nie wieder für alle Arbeit vorhanden sein wird. Aber anstatt sich darüber zu freuen, klammert man sich an die Arbeit, wie an einen Gott. Die Menschen haben den Zwangscharakter der Arbeit schon so verinnerlicht, dass sie sich nichts anderes mehr vorstellen können, außer täglich ihre Arbeitskraft zum Markt zu tragen und sich zu verkaufen. Die, die nicht arbeiten können, die zu „Überflüssigen“ gemacht werden, dienen dann noch als drohendes Beispiel, als Abschreckung und zugleich gibt man ihnen noch selber die Schuld an ihrer Lage. Sie hätten zu hohe Ansprüche, wären zu unflexibel und ihnen fehle die Leistungsbereitschaft, heißt es. Der Zwang, sich ständig zu verkaufen und als „Humankapital“ zuzurichten, entlädt sich in einen Hass gegen alles, was sich diesem Zwang scheinbar nicht fügen will. Der Schritt hin zum offenen Pogrom ist nicht mehr weit. Die Menschheit kann in dieser Form keine fünfzig oder hundert Jahre mehr weiter machen. Sie ist schon längst an ihre Grenzen gestoßen und zerstört zusehends ihre eigenen Grundlagen. Die Überwindung der Arbeit ist keine Träumerei von weltfremden Utopist_innen, sondern sie ist die notwendige Voraussetzung für eine wahrhaft humanistische Gesellschaft. Der 1. Mai ist also kein Tag zum Feiern. Anstoßen und uns freuen können wir erst, wenn endlich Arbeit, Ware, Wert und Geld abgeschafft sind und es den Menschen damit möglich ist, ein Leben zu führen, das diesen Namen auch verdient.
weiterführende Literatur:
Gruppe Krisis: Manifest gegen die Arbeit
Ernst Lohoff:Arbeitsterror und Arbeitskritik
Initiative Sozialistisches Forum:Das Konzept Materialismus

