Eindrücke aus einem anderen Leben
19. Mai 2010
Zum Thema der 73. Ausgabe des FreibÄrger war von einem der Redakteure geplant, eine bildliche Reportage über die Zustände und das Leben im Freiberger Asylbewerberheim zu erstellen. Dazu ist ein Gesuch an die Mittelsächsische Ausländerbehörde gestellt worden, in dem um eine Erlaubnis, im Inneren des Heimes zu fotografieren, gebeten worden ist. Nach einer Bearbeitungszeit von ca. zwei Monaten, kam die Antwort, dass dem Anliegen nicht entsprochen werden kann. Die Begründung: „Um den in der Gemeinschaftsunterkunft Chemnitzer Straße untergebrachten asylsuchenden Menschen u. a. ein Mindestmaß an persönlicher Rückzugsmöglichkeit zu erhalten, kann lhrem Anliegen nicht entsprochen werden.“ Tatsächlich könnte man sich freuen, dass sich in der Ausländerbehörde Mitarbeiter_innen finden lassen, welche sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzen. Doch der Schein trügt. Die Ausländerbehörde des Landkreises Mittelsachsen ist Auftraggeber und einer der Verantwortlichen für die Unterbringung von Asylbewerbern, u. a. im Asylbewerberheim in Freiberg auf der Chemnitzer Straße. In der Alten Kaserne aus dem Kaiserreich leben ca. 120 Menschen, zum Teil Familien mit 6 Kindern, auf engstem Raum zusammen. Geschätzte 8-10 m², nämlich die abschließbaren Räume der Asylbewerber_innen, in denen sie teilweise über Jahre hinweg mit fremden Personen zusammengepfercht leben müssen, können als „persönliche Rückzugsmöglichkeit“ gesehen werden. Frei zugänglich für alle sind hingegen die gemeinschaftlichen Sanitärraume und Küchen auf jeder Etage. Schimmelfecken an der Decke, mit einer Größe jenseits von 1,5m², zeugen von Wasserrohrbrüchen vergangener Tage. Zahlreiche Ameisen und Kakerlaken finden im Gebäude ebenso eine „Rückzugsmöglichkeit“, wie große Ratten. Die Bewohner_innen berichten von kaputten Fenstern, nicht funktionierenden Waschmaschinen, kaltem Duschwasser oder einem inkompetenten Hausmeister, um nur Einiges zu nennen. Aber nicht nur die Bewohner_innen haben unheimlich viel zu erzählen und manchmal kann eben ein Bild mehr sagen, als eintausend Worte, wie es so schön heißt.
Also wurde versucht, das Argument der Ausländerbehörde - die „persönliche Rückzugsmöglichkeit“ - in einer Reportage ausdrücklich zu berücksichtigen und dies möglichst hinreichend in einer erneuten Anfrage für eine Fotoerlaubnis darzulegen. Dazu ist unterteilt worden in die abschließbaren Bereiche und in die frei zugänglichen Bereiche.
Zu den abschließbaren Bereichen: Die Erlaubnis müsse erteilt werden, so dachten wir, wenn für die Zimmer entsprechende Unterschriften der Bewohner_innen für eine Einverständniserklärung eingeholt würden. Sie erklärten damit, dass sie sich nicht in ihrer „persönlichen Rückzugsmöglichkeit“ eingeschränkt fühlen würden, wenn in ihren Räumen fotografiert werden würde.
Die frei zugänglichen Bereiche, wie Treppenaufgänge, Sanitärräume, Küchen und Flure können nicht abgeschlossen werden und stellen so für uns keinen Ort dar, an dem sich die Bewohner_innen zurückziehen könnten, die also keine Privatsphäre bieten. Deshalb ist mit dem Zusatz, „unter der Bedingung, niemanden gegen sein Wissen und Willen zu fotografieren“, separat für diese Bereiche erneut um eine Fotoerlaubnis gebeten wurden. Nach einer weiteren Bearbeitungszeit von über einem Monat seitens der Behörde wurde auch das zweite Gesuch, allerdings bisher nur telefonisch, abgelehnt. Die Begründung erneut: „Wir müssen die Heimbewohner schützen“
Wir zeigen uns zu tiefst erschüttert von dem abweisenden Verhalten der Behörde. Wir sind überzeugt, dass die Ablehnung andere Gründe hat, als die genannten. Gute Gründe nämlich, die miserablen Zustände verbergen zu wollen, die bei nicht wenigen Bewohner_innen zu schweren psychischen und physischen Gesundheitsschäden führen und in ähnlicher Umgebung letztes Jahr eine Mutter hier im Landkreis in den Freitod getrieben haben. Es ist erdrückend und peinlich, einem politisch Verfolgten Flüchtling aus dem Iran erklären zu müssen, man habe keine Erlaubnis bekommen, das Heim von innen zu fotografieren. In dem Land, in dem er politisches Asyl beantragt hat.
“Eindrücke aus einem anderen Leben” - Bilder aus dem Asylbewerberheim Freiberg. Alle Fotos: Anonym

















