Dem Kulturprojekt ReBa 84 in Chemnitz wurde gekündigt. Damit findet ein über zwei Jahre dauernder Prozess sein trauriges Ende.

Die letzten Wochen für das Kulturprojekt Reitbahnstraße 84 stehen bevor.

Die letzten Wochen für das Kulturprojekt Reitbahnstraße 84 stehen bevor.

Die letzten Wochen des alternativen Kulturprojekts Reitbahnstraße 84 in Chemnitz stehen bevor. Die kommunale Grundstücks- und Gebäudewirtschafts-Gesellschaft (GGG) hat am 04.01.10 den Mietvertrag der Nutzer_innen in der Reitbahnstraße 84 gekündigt. Trotz anders lautendem Stadtratsbeschlusses sollen nun 50 aktive Nutzer_innen und Projekte ausziehen. Das Projekt Reba 84 entstand aus der Besetzung des ehemaligen KPD-Gebäudes Karl-Immermann-Straße 23-25 im Sommer 2007. In Verhandlungen mit der GGG, einer zu 100% der Stadt gehörigen Tochtergesellschaft, einigten sich die Besetzer_innen auf einen unbefristeten Mietvertrag für das Alternativobjekt Reitbahnstraße 84 und gründeten dafür den Verein “Wiederbelebung kulturellen Brachlandes e.V.” (WKB). Seitdem hat sich die Reba 84 zu einem der wichtigsten Orte der alternativen Chemnitzer Kultur entwickelt. Neben vielen Konzerten fanden vor allem Vortragsveranstaltungen statt. Bei der wöchentlichen Vokü am Donnerstag gab es für wenig Geld leckeres Essen. Außerdem beherbergte die Reba 84 einen Umsonstladen und eine Fahrradselbsthilfewerkstatt und war nicht zuletzt Wohnraum für viele Menschen. Zusätzlich gab es auch größere Projekte, wie die Sommerakademie, den Experimentellen Bürgersteig und einen Stadtteilgarten.

Damit ist jetzt Schluss und der Stadtteil wird wieder ein ruhiges Viertel. In die benachbarten Gebäude sollen studentische Wohngemeinschaften einziehen, die Reitbahnstraße 84 selbst soll hingegen erst einmal lediglich leergezogen werden, denn Pläne gäbe es momentan nicht: Die derzeitige Nutzung steht im Widerspruch zum Viertel und dem geplanten Vorhaben. Dass es dennoch durchaus Spaß machen kann, eine im permanenten „Wandel“, d.h. Niedergang, befindliche Stadt herauszufordern, das zeigten die vergangenen zweieinhalb Jahre: Von FAZ- und Capital-Artikeln bis hin zu Rückfragen von Bundesministerien mit dem Tenor: Jugendliche engagieren sich und schaffen (ökonomisch-kulturellen) Mehrwert, werden jedoch von der Stadt ins Leere laufen gelassen:

Im Jahr 2008 ließ die Stadt Chemnitz von zwei Stadtplanungsagenturen ein Integriertes Handlungskonzept für das gesamte Reitbahnviertel erstellen, auf dessen Basis EU-Fördergelder (EFRE) beantragt wurden. Das sogenannte “Experimentelle Karree” wurde dabei zum zentralen Bestandteil des Konzeptes. Dabei handelte es sich um eine Entwicklung und Initiative des Vereins “Wiederbelebung kulturellen Brachlandes e.V.”, die sowohl die Nutzung der Reitbahnstraße 84 als auch die der leerstehenden Nachbargebäude vorgesehen hat. Zahlreiche Vereine und Initiativen konnten für die Mitarbeit gewonnen werden. Die Umsetzung dieses Konzepts wurde im Chemnitzer Stadtrat im November 2008 beschlossen, woraufhin sich im Januar 2009 der Verein “Experimentelles Karree e.V.”, der die Koordinationsaufgaben für die verschiedenen Projekte im Karree übernahm, gründete.

Im Mai 2009 unterlief die GGG schließlich den Stadtratsbeschluss zum “Experimentellen Karree”, indem sie mit einem Privatinvestor (der Keilholz GmbH) eine Sanierungsvereinbarung abschloss, die die hochwertige Sanierung des Karrees beinhaltete. Daraufhin erhielt der Verein “Experimentelles Karree e.V.” plötzlich keine Nutzungsgenehmigung für die Objekte Reitbahnstraße 80 und 82. Die bewilligten EU-Fördermittel (EFRE) für das “Experimentellen Karrees” konnten deshalb vom Verein nicht abgerufen werden, da die Standortsicherheit des Projektes nicht gewährleistet war. Mit der erfolgten Kündigung des Mietvertrags stehen die Projekte nun endgültig vor dem Aus und ein vom Stadtplanungsamt initiierter und finanzierter Prozess wurde abgewürgt. Damit drängt sich der Eindruck auf, dass die Vereine nach zwei Jahren ehrenamtlicher Stadtteilentwicklung vermeintlich ihren Anteil geleistet haben und vor die Tür gesetzt werden sollen. Chemnitz verliert damit einen weiteren Teil seiner spärlich vorhandenen Jugendkultur.

Vom 4.-6. Juni findet in der Reitbahnstraße 84 das letzte Mal ein kleines Festival zum zweijährigen Bestehen des Projektes statt. Wer das Projekt noch einmal kennenlernen möchte, hat dort vermutlich die letzte Möglichkeit.