Lügendetektor
19. Mai 2010
1905 wird Saul Kussiel Padover als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren, wandert mit seiner Familie aber 1920 in die USA aus. Aufgrund seiner besonderen Kenntnisse über Deutschland wird er 1944 als Angehöriger der Division für psychologische Kriegsführung der US Army nach Deutschland geschickt. Er soll herausfinden, was in den Köpfen der Besiegten vor sich geht. Den alliierten Fronttruppen folgend, ist seine Einheit die erste, die sich ein genaueres Bild der Deutschen und ihrer Einstellungen in den frisch eroberten Städten macht. Padover führt vor allem Interviews mit „ganz normalen Menschen“, mit Arbeitern, Hausfrauen, Lehrer_innen, Kindern und entlarvt dabei, wie tief diese die nationalsozialistische Ideologie verinnerlicht haben. Immer wieder kommt er dabei auch in Konflikt mit amerikanischen Befehlshabern, die ehemalige Nazigrößen in Verwaltungsposten einsetzen, oder seine Arbeit behindern. Padovers Expertisen haben die Deutschlandpolitik der amerikanischen Militärregierung unmittelbar beeinflusst und auch später hat Eisenhower die Ratschläge zu Rate gezogen und beherzigt.
Nach der alliierten Landung in der Normandie hat Padover zuerst Kontakt mit Franzosen und ist beeindruckt von ihrem Jubel über die Befreiung und ihrem Hass auf die „Boches“, wie die Deutschen von ihnen genannt werden. Die Franzosen haben nie das Wort „Allemands“ verwendet. In Paris erleben die Befreier einen überwältigenden Empfang. Geradezu „hysterische Massen“ stürmen auf sie zu, wollen umarmen oder einfach nur anfassen. Hunderttausende Menschen weinen vor Freude. Ein irritierender Anblick für Padover.
Als die Alliierten im Herbst Aachen als erste deutsche Stadt erobern, bietet sich ihnen ein völlig konträres Bild und für Padovers Einheit beginnt die eigentliche Arbeit. Noch denkt er, „daß die Sache mehr oder weniger gelaufen [ist].“ In seinen späteren Aufzeichnungen muss er revidieren: „Hätten wir wirklich gewußt, was in Deutschland und in den Köpfen der Deutschen vor sich ging, wäre uns klar gewesen, daß es noch lange nicht zu Ende war.“
Immer wieder trifft er auf Deutsche, die jammern und ohne Anteilnahme für die Opfer des Nationalsozialismus sind. Deutsche, die sich in Ausreden flüchten und ihre Verstrickungen rechtfertigen. „Wir mussten in die NSDAP“ eintreten, meint beinahe jedes Parteimitglied. „Die heftigsten Angriffe auf Hitler kamen von denjenigen, die ihn bis 1942 begeistert unterstützt, dann aber erkannt hatten, daß Deutschland den Krieg nicht gewinnen konnte […]“ Die Lüge der Notwendigkeit deutschen Lebensraums im Osten ist ebenfalls weit verbreitet. Deutschland sei in den Krieg getrieben wurden, der Meinung sind viele.
In Aachen interviewt Padover unter anderem den neuen Bürgermeister Franz Oppenhoff, der an der Spitze der eroberten Stadt steht und fast alle Schlüsselpositionen in der Stadtverwaltung mit Männern seines Vertrauens besetzt hat, die genauso denken wie er. Oppenhoff wird noch heute in Aachen verehrt. Sein Staatsverständnis ist antidemokratisch und auch das Wirtschaftsleben sollte nach dem Führerprinzip organisiert sein. Längerfristiges Ziel ist die Errichtung eines autoritären Ständestaates. Von 72 Personen in Schlüsselpositionen hat Oppenhoff 22 Nazis eingesetzt. Unter den Augen der US-Militärverwaltung errichtete Oppenhoff die Strukturen eines autoritären, hierarchischen, bürokratischen Ständestaates, wie in selbst die Nazis abgelehnt hatten.
Oppenhoff ist nicht das einzige Beispiel, wie im Chaos des Zusammenbruchs alte Nazis zu neuen Ämtern kommen. Padover hat allerdings auch Ratschläge, wie man es anders machen könnte. Vor allem die Politik der Härte und das Fraternisierungsverbot kritisiert er: „Besonders unter den deutschen Bergarbeitern haben wir Sozialdemokraten, Kommunisten und christliche Sozialisten gefunden, die Hitler und sein Regime ablehnen. Viele haben sich lange gegen eine Evakuierung gewehrt. Andere weinten vor Freude, als ihre Stadt von den Amerikamern befreit wurde. […] Sie sind unsere besten Freunde, auf die wir in Deutschland zählen können.“ Im Dorf Rehm schildern Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet ihre Freude über alliierte Bombardements: „Habt ihr heute schon Berlin und Düsseldorf bombardiert? Ausgezeichnet! Wunderbar! Macht alles dem Erdboden gleich. Laßt den Dreckskerlen keine Ruhe!“
Vor allem Sozialdemokraten äußern allerdings auch Unerwartetes. Auf die Teilung Deutschland angesprochen, sind es vor allem Konservative und Nationalisten, die wenig Protest dagegen äußern. Mit sozialistischen Argumenten halten die Sozialdemokraten dagegen, Deutschland sollte als Solidargemeinschaft gemeinsam für die Schäden des Krieges aufkommen. Ein zerrissenes Deutschland sei der Spielball reaktionärer Kräfte.
Padover fällt auf, dass die Deutschen im Vergleich zu den Franzosen teurere Kleider tragen. Auch die Ausstattung der Wohnungen ist trotz Kriegsschäden beachtlich. Im Februar 1945 bietet sich die Gelegenheit, die deutschen Verluste genauer zu analysieren. „Man kann nicht sagen, daß es ein hoher Preis war. Im Gegenteil, es war ein erstaunlich niedriger Preis, sehr viel niedriger, als zuversichtliche Antifaschisten erwartet haben.“ Padover beginnt, in Kirchenbüchern nach Gefallenenzahlen zu forschen und kommt auf eine Gesamtzahl von 2,4 Millionen Gefallenen, das entsprach 2,2 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg fielen 3 Millionen deutsche Soldaten. Außerdem lag die Geburtenrate während des Krieges über der Sterbeziffer. „Deutschland ist überhaupt ein Land, in dem es von Kindern wimmelt. […] Es ist ein erschreckender Gedanke, daß die Deutschen auf lange Sicht diesen Krieg womöglich doch gewonnen haben.“
Padovers Berichte enthalten auch eine Menge Überraschungen. Er beschreibt, wie leicht deutsche Frauen für amerikanische Soldaten zu haben waren. Sie wären am unzüchtigsten von allen weißen Frauen, ganz im Gegensatz zu den Französinnen. In einer anderen Episode beschreibt er, wie Deutsche Scharfschützen in einer durch den Rhein geteilten Stadt aus Spaß auf deutsche Zivilist_innen auf der anderen Rheinseite schießen. Und unter den Interviewten ist auch ein Eingeweihter der Verschwörung des 20. Juli, der aber mit Militaristen nicht zusammenarbeiten konnte.
Nach und nach dringen die amerikanischen Truppen in den Osten und stoßen auf immer weniger Widerstand. Bei Torgau entsteht schließlich das historische Foto des Zusammentreffens amerikanischer und sowjetischer Soldaten. Im Bankettsaal des Schlosses Werdau wird anschließend gefeiert, es gibt eine Menge Wodka, Cognac und Champagner und man trinkt auf den Herrn Truman und den verstorbenen Roosevelt. Dann einen Toast auf gospodina Tschortschila und schließlich trank man auf den „großen Stalin“. Padover fragt einen russischen Oberst, ob die Russen nicht vorhaben, in Deutschland den Kommunismus einzuführen. Er brüllte: „Was, den Kommunismus? Solchen Schweinen den Kommunismus schenken?“
Padovers Job in Deutschland ist damit beendet. „Nach Frankreich hinüberzufahren [ist] ein verblüffendes Erlebnis. Hier Tod und Zerstörung und Hoffnungslosigkeit und völlige Düsternis; dort bunte Fahnen, Jubel, Erleichterung.“ Padover lehrt anschließend an der New School for Social Research in New York, wo er 1981 stirbt. Seine Berichte wurden erst 1999 ins Deutsche übersetzt.
Saul K. Padover: Lügendetektor, Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Eichborn, 2. Auflage, 2001 (erhältlich im modernen Antiquariat)