Was könnte der Faschismus sein?
19. Mai 2010
Ich hatte der Redaktion des FreibÄrger eigentlich versprochen pünktlich zum Redaktionsschluss den letzten Teil dieser Reihe abzuliefern, allerdings haben mich andere Dinge leider davon abgehalten. Nichtsdestotrotz möchte ich in einer Zusammenfassung meiner Interpretation des Phänomens erörtern, was der Faschismus sein könnte, bevor dann in der nächsten Ausgabe eine Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen, politischen und lebensweltlichen Deutungsversuchen erfolgen wird. Bis dato wünsche ich viel Spaß beim Lesen.
Der Faschismus entspringt zunächst einmal immer der ganz normalen Logik bürgerlicher Vergesellschaftung. Damit sind sowohl die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlich relevanten Bereiche als auch verordnete Formen der abstrakten Herrschaft, etwa der des Staates oder seiner Rechtsförmigkeit gemeint. Der Faschismus ist dabei zunächst einmal als ein regressives und irrationales Reaktionsmuster auf einen historischen Modernisierungsprozess zu verstehen, also als Reaktion auf die nachhaltigen Veränderung der Gesellschaft. Er sollte jedoch immer nur als eine mögliche Konsequenz, wie Gesellschaften oder gesellschaftliche Akteure auf einen solchen gesellschaftlichen Transformationsprozess reagieren, verstanden werden. Ein der Verwertungslogik innewohnender Konkurrenzdruck und die abstrakt-funktionale apersonale Herrschaft zerstören die von den einzelnen Individuen angenommene gesellschaftliche Harmonie. Hier tritt nun der Faschismus ganz offen zutage: Er versucht einerseits den ökonomischen und sozialen Abstand zu fortschrittlicheren Nationen aufzuholen und andererseits ein angenommenes Auseinanderdriften des eigenen Gesellschaftskollektivs zu verhindern, indem er sich als eine Art integrative Heilslehre geriert, welche die bestehenden Disparitäten beseitigen möchte. Dies soll durch eine Synthesis sämtlicher gesellschaftlicher Akteure eines nationalstaatlichen Territoriums geschehen.
Insofern ist der Faschismus durchaus eine Modernisierungsideologie; eine nationalistische allemal. Betrachtet mensch sich einmal die Staaten näher, in denen sich faschistische Regimes etablieren konnten oder faschistische Gruppierungen zu Massenbewegung heranwuchsen, dann wird diese Behauptung deutlich untermauert. Auf der anderen Seite wiesen die bereits etablierten Demokratien hingegen eine auffallende Faschismusresistenz auf: Zwar gab es auch in Großbritannien oder in den USA faschistische Gruppen, sie waren aber nahezu bedeutungslos: Der klassische Faschismus ist also – zumindest historisch betrachtet – immer als eine Krisenideologie der nachholenden Modernisierung zu deuten. Im faschistischen Kollektiv steht jedoch niemals das einzelne Individuum im Vordergrund, sondern immer nur der Kollektivkörper selbst: Die Gemeinschaft. Nicht individuelle Bedürfnisse und Freiheiten sollen hier eingelöst werden, sondern das Individuum soll vollends im Staat aufgehen. Der Einzelne ist immer nur ein Zahn im Getriebe und der Staat demnach alles. Insoweit ist die Kontinuität von Faschismus und liberalem Staat – vermittels vollständiger Unterwerfung der Individuen unter die abstrakte Herrschaft des Staat und deren rechtsförmiger Vermittlung bereits dargelegt. Dennoch möchte ich betonen, dass der Faschismus eben nicht sehr viel mit den liberalen Vorstellung vom Rechtsstaat, der alle Rahmenbedingungen für die sonst freie Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens regeln soll zu tun hat, sondern deren Negation par exellence ist. Schließlich verwirft er gerade die aufklärerische Idee vom Staat als Sachwalter der allgemeinen Vernunft. Der Faschismus ist dem Wesen nach vielmehr eine antiaufklärerische Bewegung, die Gesellschaft soll mit dem Staat zu einem totalitären Herrschaftssystem verschmelzen und die ratio fällt schon deshalb immer auf den Mythos zurück. Diese regressive Tendenz hat mit Aufklärung nicht sehr viel zu tun, denn deren erklärtes Programm ist ja gerade die Dekonstruktion aller Mythen. Dennoch: Aufklärung stellt sich historisch gesehen eben gerade nicht als ein reflexiver Prozess, als vernünftige Einsicht der Individuen in die Geschichte dar, sondern vielmehr als eine Selbstunterwerfung der Individuen unter die Gesetze der Verwertung und abstrakten Herrschaft, insofern ist die faschistische Negation der bürgerlichen Gesellschaft im gewissen Sinne schon immanent, obgleich auch hier zwischen Form und Handlung - Denken und tätig sein - unterschieden werden muss.
Was meine ich nun aber, wenn ich behaupte: Der Faschismus entspringt einer ganz normalen Logik bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung? Ich will damit keinesfalls Fall unterstellen, dass alle Gesellschaftsprojekte bürgerlichen Ursprungs automatisch zu faschistischen Gemeinwesen transformieren, also dem ökonomischen Reduktionismus vom „kapitalistischen Normalvollzug“ aufsitzen. Ich meine mit dieser Aussage vielmehr, dass der Faschismus eine mögliche Form der Aufhebung von bestehenden Gesellschaftsverhältnissen ist und zwar eine doppelt negative. Der Faschismus formiert sich aus den Widersprüchen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft heraus und vertritt dabei ein Programm, das eben diese Antagonismen abschaffen möchte. Historisch betrachtet trat er deshalb nicht ganz umsonst in Zeiten instabiler politischer und ökonomischer Verhältnisse zutage. Der Faschismus ist bestrebt - das kann ihm auch wirklich genauso abgenommen werden - die aus der kapitalistischen Vergesellschaftung resultierenden Widersprüche auch aufzuheben. Nur tastet er dabei niemals ihre Grundlagen an - wie es im Übrigen auch der real existierende Sozialismus niemals tat. Nun entsteht die faschistische Option allerdings nicht im luftleeren Raum. Sie ergibt sich vielmehr aus der Vereinzelung und Entfremdung von zahllosen bürgerlichen Subjekten und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach kollektiven Gruppenkuscheln: Nach einer Flucht in den Schoß einer scheinbar harmonisch anmutenden Nation. Der Faschismus ist also in erster Linie eine mögliche Reaktion auf den Vergesellschaftungsprozess, insofern kann eben nicht vom „Normalvollzug“ gesprochen werden. Aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten kann nämlich nicht vorhergesagt werden, wie einzelne Gesellschaft oder gesellschaftliche Akteure auf kapitalistische Durchdringung und abstrakte Herrschaft reagieren. Wir werden im Seminar gemeinsam analysieren, dass immer schon ideologische Vorbedingungen existieren, die am ehesten im konkreten Zusammenwirken von gesellschaftlicher Realität und kulturell-historischer Verfasstheit zu suchen sind, was uns auch der frage nach der deutschen Spezifik etwas näher bringen wird.
Der Kampf gegen die Antagonismen einer solchen Vergesellschaftung wurde seinerzeit zwischen zwei Polen ausgefochten. Auf der einen Seite stand die klassische Linke. Sie propagierte die „verarmten“ Volksmassen - welche sie automatisch zu revolutionären Subjekten verklärte - am gesamtgesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu lassen. Dafür setzte sie eben gerade nicht auf die Abschaffung der Institution Staat, sondern auf die revolutionäre Aneignung der Staatsgewalt. Die etwas softere sozialdemokratische Variante erhoffte sich da schon eher einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Sie wollte den „gerechteren Staat“ lieber qua Reformen erschaffen und einen sozialstaatlich gezähmten Kapitalismus kreieren, um ihn ganz sanft und womöglich sogar unmerklich in einen Sozialismus zu überführen. Anders die Faschisten: Sie sahen im totalen Staat die Verwirklichung einer hierarchisch sortierten Gemeinschaft. Im Faschismus sollte an die Stelle der bestehenden souveränen Macht - die sich im Übrigen für die kapitalistische Konkurrenz als recht nützlich erwies - ein Souverän treten, der die kapitalistische Konkurrenz und die Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen staatlich organisiert. Die faschistische Volksgemeinschaft wollte die bestehenden gesellschaftlichen Konflikte befrieden, was dem Nationalsozialismus in reinster Form tatsächlich auch gelang, weshalb die nationalsozialistische Volksgemeinschaft auch Hegels feuchter Traum, als Negation, die in Versöhnung sich aufhebt, verstanden werden. Wie kommen die erwähnten Widersprüche innerhalb einer bürgerlichen Vergesellschaftung aber überhaupt zustande? Ganz einfach: Die bürgerliche Gesellschaft kann durch selbst gesetzte real-abstrakte Verwertungs- und Herrschaftsmechanismen die von ihr propagierten Glücksversprechen der Freiheit und Gleichheit überhaupt gar nicht einlösen. Trotzdem muss das vereinzelte und entfremdete bürgerliche Subjekt - um ein reibungsloses Funktionieren des kapitalistischen Normalbetriebes zu gewährleisten - auf diese Gesellschaft, sowie ihre Organisations- und Administrationsform „Staat“ eingeschliffen werden. In der frühen Durchsetzungsperiode erfolgte dies noch recht konkret, durch die physischen Zwänge des staatlichen Gewaltmonopols. Heute haben wir es weniger mit direkter staatlicher Gewalt, als mit fetischistischen Formen und funktional-verdinglichten Verhältnissen zu tun. Das bürgerliche Subjekt muss also auf ein funktional-abstraktes Gewaltmonopol des Staates eingeschworen und verpflichtet werden, das nur noch als apersonale Repräsentationsinstanz zutage tritt. Gleiches gilt für (vermittels abstrakter Rechtsformen) kodifizierte Eigentumsverhältnisse und eine de jure definierte Kongruenz von Recht und Handlung, was ein Denken und Handeln außerhalb wertverwertender und -zuordnender Kategorien nicht zulässt.
Genau dieses Zurechtstutzen der unzähligen vereinzelten und entfremdeten Individuen kann aber schlimmstenfalls die faschistische Negation ins Spiel bringen: Die innerlich zerrissenen bürgerlichen Subjekte, deren gesellschaftlicher Umgang miteinander nur qua gesellschaftlich anerkannten Kontrakt geregelt ist, unterwerfen sich nämlich aufgrund ihrer Zurichtung diesen erwähnten Realabstraktionen (wobei Unterwerfen bedeutet, dass deren Ambivalenz eben gerade nicht reflektiert wird, sondern sich traditionelle Relikte gesellschaftlicher Organisation immer innerhalb eines Prozesses der Kolonialisierung des Bewusstseins als diesem Bewusstsein zugänglicher erweisen; zumindest mehr als das Durchschauen der komplexen Verflechtung der Realität). Die vollzogenen Abstraktionen treten dem Subjekt dabei also immer als Zwänge entgegen, anderseits nutzen sie ihnen auch zur Durchsetzung eigener Interessen. Der Faschismus bemüht sich diese Antagonismen nach außen, gelegentlich auch nach innen zu projizieren: Auf eine angeblich korrupte und handlungsunfähige Führungsschicht oder auf ein dekadentes und unproduktives Bürgertum zum Beispiel. Gleichzeitig propagiert er die innere Konsolidierung eines imaginären Staatskollektivs, ohne den Anspruch die vorhandene Klassenfragmentierung aufzuheben. Damit suggeriert er den unzähligen innerlich zerrissenen und entfremdeten Subjekten eine nichtexistente und auch nicht einlösbare Harmonie: Er begehrt gegen einen ungleichen Zugang zu den gesellschaftlich produzierten Gütern auf, ohne dabei die Eigentumsverhältnisse abzuschaffen, die diese ungleichmäßige Güterverteilung erst ermöglichen. Er differenziert zwischen produktiven und unproduktiven gesellschaftlichen Austauschprozessen. Er will das Staatsmonopol an sich reißen, um die Konkurrenz der verhassten demokratischen Institutionen (Parteien, Gewerkschaften, etc.) zu unterbinden, die seiner Ansicht nach den Staat nur schwächen. Dazu propagiert er die Aneignung der Staatsgewalt zugunsten dieses imaginären Staatskollektivs und schwört seine Staatsbürger auf eine totale Unterwerfung unter den Staatszweck ein.
Soviel zum Faschismus. Was die bürgerliche Gesellschaft angeht, gilt aber gerade im Hinblick auf zahlreiche regressive Tendenzen in einigen der gegenwärtigen Modernisierungsregimes, dass ein emanzipatorisches Gesellschaftsprojekt - das diesen Namen auch wirklich verdient - niemals hinter die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft zurückfallen darf, namentlich die Beseitigung der feudalen Ständeordnung und die zumindest formale Gleichsetzung aller Bürger, sowie deren Schutz vor Willkürherrschaft. Das soll jetzt aber keinesfalls heißen, dass nicht jegliche Kritik an ihr durch den Hinweis auf Schlimmeres relativiert und das Gegenwärtige kritiklos anerkannt werden soll. Vielmehr gilt Marxens Postulat, dass der Kapitalismus mit dem Kommunismus schwanger ginge, für die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes, wie für die Einlösung ihrer propagierten Glücksversprechen.
