Ausgaben » Ausgabe #69

Dort, wo Gäste im “Fremdenzimmer” wohnen

Alexa Anders und Paul Harnisch berichten für den AK “Mörder unter uns!” über die Proteste in Mittenwald.

Die Gemeinde Mittenwald – an der österreichischen Grenze – war auch in diesem Jahr wieder Schauplatz des alljährlich stattfindenden “Gebirgsjägertreffen”. Auf der unsäglichen Veranstaltung wird der mörderischen Traditionslinie gehuldigt, die ihr schlimmstes Ausmaß im Nationalsozialismus zeigte. Aufgrund der Proteste in den vergangenen Jahren, lud der “Kameradenkreis der Gebirgsjäger” jedoch bereits zwei Wochen vor dem Pfingstwochenende zum Treffen von Bundeswehrsoldaten, Wehrmachts- und SS-Veteranen. 500 Gäste nahmen daran teil, lauschten dem Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr und verschiedenen Reden, die sicherlich vom heldenhaften Soldatentum, von Ehre und Gedenken an die gefallenen Kameraden handelten, jedoch keinesfalls von den Kriegsverbrechen und Massakern die deutsche Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel in Griechenland, Italien oder Frankreich begingen.

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Grimma: Über zwei Wochen Protest in der Kirche vorbei

Dokumentation, Analyse, Erlebnisberichte der kritisch intervenierenden Antirasst_innen

Rückblick – Rassismus und Staat siegen

Am 23. Juni 2009 entschlossen sich 4 Asylbewerberfamilien aus dem Asylbewerberheim Bahren bei Grimma in die Grimmaer Frauenkirche zu gehen. Mit dem Umzug in die Kirche sahen die Familien den letzten Ausweg um gegen die zum Teil menschenunwürdigen Heimunterbringungen zu protestieren. Die Zustände im Asylbewerberheim können sie nicht mehr ertragen, sie fordern eine dezentrale Unterbringung in privaten Wohnungen. Die 18 Migrannt_innen, darunter 10 Kinder wollten solange ausharren bis ihre Forderung erfüllt werde. Sie nahmen dafür einen unbeheizten Kirchenraum, harte und schmale Kirchenbänke, Verzicht auf warmes Essen und Dusche, böse Blicke, fremdenfeindliche Parolen und die ständige Angst eines Angriffs in Kauf. Die Belastung der Familien und besonders der Kinder war hoch, da sie von zivilgesellschaftlicher Seite fast keine Unterstützung erfahren haben.

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Vor 10 Jahren: Sieben Tote in Weißenborn

Der FreibÄrger dokumentiert in der Kategorie “Vor 10 Jahren…” ab sofort Artikel aus alten FreibÄrger-Ausgaben. Manches hat sich leider nicht geändert…

In der Nacht vom 30. auf den 31. Juli 1998 starben sieben Flüchtlinge aus dem Kosovo in Weißenborn bei Freiberg. Bei dem Versuch in die BRD zu flüchten wurde der Transporter mit 29 Insass_innen von BGS-Einheiten verfolgt. Der Fahrer aus Tschechien raste gegen eine Mauer, als er aufgrund des Verfolgungsdrucks eine scharfe Rechtskurve nicht schaffte. Sieben Tote und einige z.T. schwer verletzte Flüchtlinge (die prompt abgeschoben wurden) sind inzwischen vergessen. Statt eines Gedenksteins ist in der unmittelbaren Nähe des Unglücksortes eine neue Verkehrsinsel errichtet worden.

Aus fbÄ #57, Aug/Sept 2007

Vor 10 Jahren: Razzia in Gränitz

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Die Frankfurter Rundschau berichtete am 13. Juni 1992, dass ca. 90 Beamte in Kampfanzügen um 3:30 Uhr in die Flüchtlingsunterkunft in Gränitz eingedrungen seien. Zuvor hatten die Beamten mit heruntergeklappten Helmvisier und Hunden die Asylunterkunft umstellt, Anschließend wurde das Haus, in dem rund 45 Flüchtlinge, vor allem Familien, untergebracht waren, mit Rufen wie “Scheißasylant” und “Raus” gestürmt. Die Menschen, die zunächst an einen Überfall von Neonazis dachten, hätten versucht, die Türen zuzuhalten. Diese wurden zum Teil eingeschlagen. Der Sohn einer syrischen Familie, der die Tür geöffnet hatte, wurde sofort mit dem Schlagstock verprügelt und sein Vater in den “Schwitzkasten” genommen. Auch ein Kurde, der sich geweigert hatte, die Tür aufzumachen, wurde anschließend von Beamten zusammengeschlagen. Dabei erlitt er erhebliche Verletzungen. Frauen wurden von ihren Kindern weggerissen und - egal wie bekleidet - ins Erdgeschoss gebracht. Nach Auskunft der zuständigen Polizeidirektion in Freiberg war der Einsatz wegen dringender Verdachtsmomente auf massiv begangene Straftaten erfolgt. Kriminaldirektor Hans Schmid, Leiter der Polizeidirektion Freiberg, begründete die von ihm angeordnete Aktion damit, dass es “eine zunehmende Beunruhigung in der Bevölkerung wegen der steigenden Kriminalität durch Ausländer” gebe. Genauere Zahlen konnte Schmid der Frankfurter Rundschau nicht nennen. Darüber hinaus fand die Polizei bei der Razzia in Gränitz keinerlei Diebesgut.

Aus fbÄ #57, Aug/Sept 2007

Vor 10 Jahren: Antirassistische Demo

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Am 31.7.99 demonstrierten 200 Menschen in Freiberg gegen das Vorgehen des Staates an der Grenze gegen Flüchtlinge. Erinnert werden sollte auch an den “Unfall” in Weißenborn vergangenes Jahr. Dort waren am 30.7.99 nach einer kilometerlangen Hetzjagd durch den BGS sieben Flüchtlinge tödlich verunglückt, einundzwanzig wurden zum Teil schwer verletzt.

Vergangen und nicht vergessen

Der BGS ist sich bis heute keiner Schuld bewußt. Entsprechend waren auch die Kommentare der Christlichen DU. Die Flüchtlinge seien selbst schuld, wenn sie illegal in einem überladenen Kleinlasttransporter nach Deutschland einreisten. Der Kreisparteivorstand der FDP war noch etwas dreister. Er sah durch den Unfall das Image der Stadt Freiberg beschmutzt. Sieben Menschen waren tot und kein Wort des Bedauerns, nur Schadensbegrenzung für das “Image” der Stadt und Vorwürfe an die Flüchtlinge.

Demo

Polizeisprecher Volkmar Werner verkündete der Presse ein Deeskalationskonzept. Der BGS werde nicht eingesetzt, um die Demonstrationsteilnehmer nicht zu provozieren. Die Demonstranten forderten nämlich die Abschaffung des BGS. Auch die “Freie Presse” schluckte diese Erklärung, auch wenn man das Fehlen vom BGS mit Sonderschichten an der Grenze erklären könnte. Das Konzept war jedenfalls zu keinem Zeitpunkt der Demonstration sichtbar. Es gab im Vorfeld intensive Vorkontrollen. Einzigstes Ergebnis: eine vorläufige Festnahme, wegen Verdachtes auf Drogenbesitzes in kleinsten Mengen. Im weiteren Verlauf der Demonstration kam es zu einer Rangelei mit der Polizei. Die dynamischen Sicherheitsbeamten wollten sicherstellen, daß die Transparente nicht Längs oder Hochkant, sondern Quer getragen werden. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt. Die Demonstranten ließen sich davon nicht stören und 200 Menschen ist auch nicht von Pappe.

Auszug aus dem Demoaufruf

Ende Januar ’99 wurden die beiden tschechischen Fahrer des Fluchtfahrzeuges vom Chemnitzer Landgericht wegen 7-facher fahrlässiger Tötung, 21-facher fahrlässiger Körperverletzung und “illegaler Schleusung von Ausländern” zu jeweils vier Jahren Knast verurteilt, obwohl nachgewiesen wurde, daß sie keine professionellen Fluchthelfer waren! Diese an Zynismus und Brutalität kaum noch zu übertreffende EU-Abschottungs- und Grenzpolitik wird an den EU-Außengrenzen der BRD vom Bundesgrenzschutz (BGS) durchgesetzt, der in einer sogenannten “inneren Sicherheitszone”, die mittlerweile 30-50 km in das Landesinnere reicht und sämtliche Bundesstraßen, Flughäfen und Bahnhöfe umfaßt, mit weitreichenden Befugnissen als paramilitärische Truppe agiert. Der BGS beschäftigt zur Zeit ca. 38.000 Polizeibeamte mit einem Etat von 2,4 Mrd. Mark. In der Sicherheitszone darf der BGS seit 1994 verdachtsunabhängige Personenkontrollen und Hausdurchsuchungen durchführen, Telefone abhören und verdeckte Ermittler einsetzten. Darüber hinaus darf der BGS im Rahmen der sogenannten Schleierfahndung Durchgangsstraßen, Autobahnen und als Zugbegleiter Menschen kontrollieren. Auch außerhalb der Grenzgebiets kann der BGS je nach Belieben eingesetzt werden und bestimmte Gegenden zum “Grenzgebiet” deklarieren. Taxifahrer_innen, Fahrzeugverleiher_innen werden als gesamte Berufsgruppe kriminalisiert und zur Mitarbeit gezwungen (mehrere Taxifahrer_innen aus Zittau, Bautzen, Görlitz und Berlin sitzen bereits Haftstrafen ab oder haben Gerichtsprozesse wegen “illegaler Einschleusung”). Seit kurzem werden auch Forstmitarbeiter_innen in Grenzschutzaufgaben einbezogen, um die Erfolgsquote beim Aufgreifen der Flüchtlinge zu erhöhen (Freie Presse 8.6.99 “Grünröcke gemeinsam auf Verbrecherjagd”). Diese repressive Praxis wird mittels Medienkampagne gerechtfertigt, um die Denunziationsbereitschaft in den Grenzgebieten zu erhöhen. Dort ruft die Politik ein rassistisches Klima hervor, welches sich in einer Angriffsstimmung gegen Migrant_innen auswirkt. Erst am 20.4.99 wurde in Freiberg ein weiterer Brandanschlag auf das Asylbewerberheim verübt. Täglich werden Menschen wegen ihrer Herkunft angegriffen und beleidigt, sei es von den staatlichen Behörden oder von “gewöhnlichen” Rassisten auf der Straße.

Stellvertretend für alle Flüchtlinge, die ihr Leben auf der Flucht in die vermeintliche Freiheit lassen mußten, gedenken wir den Opfern des Unfalls in Weißenborn. Bereits am Freitag, dem 30.7.99 werden wir deshalb an der Unglücksstelle eine Mahnwache durchführen.

[…]

Grenzen abbauen – BGS auflösen!
Stoppt die Menschenjäger!
Nichts und Niemand wird vergessen!

Solidarität und Bleiberecht für alle Flüchtlinge!

Aus fbÄ august/september 1999

Kommentar zur CDU-Direktkandidatin Veronika Bellmann

Veronika Bellmann auf dem Cover des rechten DS-Magazins (Ausgabe 1, 2005)

Veronika Bellmann auf dem Cover des rechten DS-Magazins (Ausgabe 1, 2005)

Am 27. September ist Bundestagswahl. Mit ihren Stimmen wählen die Bürger_innen sowohl Parteilisten als auch die Direktkandidat_innen der einzelnen Landkreise. Seit 2002 vertritt die CDU-Politikerin Veronika Bellmann den Wahlkreis Freiberg (heute: Mittelsachsen), den sie 2005 mit 38,5 % der Erststimmen gewann. Bellmann ist seit 1990 in der CDU aktiv und saß bereits im Kreisrat des Kreises Flöha und im sächsischen Landtag. Nicht nur dort tat sie sich durch eine extrem reaktionäre und konservative Einstellung hervor. So ist es Bellmann ein Herzensanliegen, auf die vermeintliche Gefahr, die von der Partei Die.Linke ausgehen soll, aufmerksam zu machen. Die.Linke, von Bellmann auch gern “Die.Linke/PDS/SED” genannt, stünde in direkter Kontinuität zur SED Herrschaft und wäre keine demokratische Partei, sondern ebenso wie die NPD verfassungsfeindlich und zu bekämpfen. In ihrer sogenannten Bundestagsdepesche warnt Bellmann regelmäßig vor der Gefahr des “Linksextremismus” und verharmlost die Gefahr von rechts, bzw. liefert Anknüpfungspunkte für reaktionäre Ideologien.

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Der neue Freiberger Stadtrat im Umgang mit der NPD

Am 16. Juli fand die konstituierende Sitzung des neuen Freiberger Stadtrates im städtischen Festsaal statt. Bei der Wahl am 07. Juni erlangte die CDU die meisten Stimmen (27,6%), gefolgt von der Linkspartei (18,7%). Verliererin der Wahl ist die Fraktion Haus und Grund, sie verlor 15% ihrer Stimmen und stellt nur noch drei Stadträte. Für die NPD wird nur noch Heidelore Karsten im neuen Stadtrat sitzen, Horst Gottschalk verlor seinen Sitz.

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Stramm rechter Ex-OB wieder in Freiberger Stadtrat

Wird er der nächste Oberbürgermeister?

Erhielt die meisten Stimmen bei der Wahl: Ex-OB und Bismarckfan Konrad Heinze

Erhielt die meisten Stimmen bei der Wahl: Ex-OB und Bismarckfan Konrad Heinze

Wahlen in Freiberg sind wie Karneval in Köln. Nur noch öder. Beim Karneval auf einer Holzbank zu sitzen und kollektiv dem Delirium entgegenzutrinken ist genauso weit weg von wirklicher Ausgelassenheit wie Kommunalwahlen in Freiberg von echter Demokratie. Spaß ist eben mehr als Saufen und Demokratie ist mehr als Ankreuzen. Warum nur machen aber so viele Leute mit, fragt mensch sich jedoch immer wieder. Ursache ist der Terror der Banalität bestehend aus Schunkeln Arm in Arm bzw. Kleben und Lesen sinnentleerter Wahlplakate. Der einzige Sinn und Zweck, und gleichzeitig der einzige Weg diesen Attacken zu entrinnen, ist es, allen Verstand fahren zu lassen und mitzumachen. Wer sich verweigert wird als Spaßbremse bzw. nicht demokratiefähig denunziert. Urheber dieses Terrors der Banalität, der immer zuerst auf den Kopf zielt, sind zum einen die Alkoholindustrie – denn nicht Komik, sondern Bierabsatz sind gefragt – und zum anderen die Veranstalter von bürgerlichem Politzirkus. Bei Letzterem ist, wie woanders auch, statt Demokratie bloße Stimmenzahlmaximierung das Ziel. An führender Stelle in der Banalitätsterrorfront, d.h. am erfolgreichsten in der Austreibung der letzten Reste Wählerverstandes, agierte die CDU. Anders ist nicht zu erklären, dass sie mit diesem Wahlprogramm die meiste Wahlzustimmung bekam.

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Bericht über die Demonstration “progress in mind[s]“

In Freiberg fand am 20.06. unter dem Motto “progress in mind[s] – Gegen die Deutschen Zustände – Für eine emanzipatorische Gesellschaft” eine antifaschistische Demonstration statt. Es wurden die Nazi-Aktivitäten, besonders der Aufmarsch am 1. Mai und das anschließende Medientheater, thematisiert. Es wurde gefordert, diese als Problem im Kontext gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse wahrzunehmen und auf die ideologischen Schnittmengen zwischen Nazis und “normalen Bürger_innen” hingewiesen.

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Fascism Reloaded?

Redebeitrag bei der Demo “progress in mind[s]“

Wiedereinmal stehen die Wahlen zum sächsischen Landtag an und erneut besteht eine reale Gefahr, dass die Nationalsozialisten von der NPD ins Landesparlament einziehen. Diese Aussicht, sowie die sprunghafte Zunahme der Aktivitäten desjenigen Spektrums der Neonazi-Szene, das mit der NPD nichts zu tun haben will oder lediglich ein instrumentelles Verhältnis zu ihr pflegt – also die Kameradschaftsszene und all jene heterogenen Gruppierungen, die am ehesten unter dem Label “Freie Kräfte” zusammengefasst werden können – verdeutlichen die Notwendigkeit eines antifaschistischen Engagements.

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