„aber die ist doch Jüdin“
03. Februar 2011
Gesellschaftskritische Zeitung aus Freiberg
03. Februar 2011
22. Juli 2010
22. Juli 2010
„Die Geschichte der sächsischen Bergstadt Freiberg war über Jahrhunderte seit der Stadtgründung am Ende des 12. Jahrhunderts auch eine Geschichte der Leistung und des Anteils jüdischer Bevölkerung an der Entwicklung und am Aufblühen der Stadt und ihrer Umgebung. Bis zum frühen 15. Jahrhundert gehörte Freiberg zu jenen Städten des sächsisch-wettinischen Territoriums, in denen eine bedeutende jüdische Ansiedlung Zeichen wirtschaftlichen Wohlstands und blühenden Handels war.“1
Neben der grausamen Verfolgung und der Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Freiberg, der jüdische Menschen in Freiberg zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen sind und über die wir in den letzten Ausgaben berichtet haben, wollen wir hier auch einmal den fast vergessenen Teil der jüdischen Geschichte Freibergs beleuchten. Denn obwohl der schreckliche Plan der Nationalsozialist_innen – die Ausrottung der europäischen Jüdinnen und Juden – leider erst viel zu spät – vereitelt werden konnte, hatten die Nazis es geschafft, die Erinnerungen an jüdisches Leben weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Aus dem öffentlichen Leben waren Jüdinnen und Juden ohnehin verschwunden und auch in der DDR änderte sich daran wenig.
22. Juli 2010
Am 28. September sollen in Freiberg insgesamt 10 neue Stolpersteine verlegt werden. Einer davon erinnert an Max Freud, der 1942 im KZ Dachau ermordet wurde.
„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt. Ich ziehe die logischen Konsequenzen der heutigen Zeit, nur möchte ich meine Frau, die ich durch die Heirat als Nichtarier unglücklich gemacht habe…retten“, schreibt der Freiberger Max Freud in tiefster Verzweiflung Anfang März 1939 an den damaligen Freiberger Oberbürgermeister Dr. Werner Hartenstein.Nur selten vermögen trockene Akten das Bild einer menschlichen Tragödie so bedrückend nachvollziehbar machen, wie jene, die sich im Stadtarchiv Freiberg unter „Ausländersachen 1935 – 1945“ zu dem aus dem tschechisch-polnischen Grenzgebiet Teschen (heute Cieszyn/?eský T?šín) stammenden Handelsvertreter Max Freud noch heute finden lassen.
1909 hatte sich der damals 26-Jährige in Freiberg niedergelassen und war hier 1911 zum lutherischen Glauben konvertiert. Früh in erster Ehe verwitwet, heiratete er hier ein zweites Mal und ernährte als sächsischer Vertreter eines großen Weinhauses aus Bingen am Rhein eine bald immer größer werdende Familie mit vier eigenen Kindern und einem Pflegekind. Ein Freiberger Polizeibeamter beschrieb ihn – inmitten der Judendemagogie der Nazis - als einen „eher ruhigen, etwas menschenscheuen“, nie streitsüchtigen und nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommenen Mann. Dennoch war Max Freud seit dem Machtantritt der Nazis 1933 immer stärker unter Druck geraten und an den Rand der Gesellschaft getrieben worden. Das Freiberger Arbeitsamt entzog ihm – selbstverständlich durch Nazi-Gesetze gedeckt - im Sommer 1938 die Arbeitserlaubnis. Ende 1938 musste er seinen Gewerbeschein abgeben. Immer verzweifelter versuchte Max Freud, sich und seine Familie vor dem Ruin zu retten.
22. Juli 2010
1. Die Rackets der Vernichtung: Zur Logik des Suicide Bombing
Den Selbstmord-Attentaten der Djihadist_innen, wie der Autor Gerhard Scheit sie analysiert hat, liegt »ein bestimmtes Verhältnis von Täter, Mittel und Opfer« zugrunde, eine Logik, »der nicht gerecht wird, wer bloß von Attentaten oder gar Terrorismus spricht.« Die Logik, durch den eigenen Tod möglichst viele Menschen zu vernichten, kann auch »als Privatisierung staatlicher Vernichtungsaktionen betrachtet werden; die Intention wird ohne direkte Verfügung über das Gewaltmonopol des Staates verfolgt – so hat die Aktion selbst den Anschein von Ohnmacht und bietet sich der Deutung als „Verzweiflungstat“ an.« (Scheit: Suicide Attack, S. 427, im Folgenden SA abgekürzt) Doch sie allein darauf zu reduzieren, ignoriert die Ideologie, die hinter ihr steht.
Dabei spielt der durch die Kritische Theorie geprägte Begriff des Rackets eine wichtige Rolle. Er bezeichnet die von Carl Schmitt affirmierte, „nicht abgeleitete“ Macht, die ein „außerrechtliches“ Leben führe – auch inmitten des Rechtsstaats – als »Fortexistenz oder Rekonstruktion persönlicher Abhängigkeit unter den Bedingungen von Rechts- und Kapitalverhältnis« (SA 343). Als beste Beispiele für solche „autoritäre Körperschaften“, wie Franz Neumann sie bezeichnete, fungieren etwa das frühere Baath-Regime unter Saddam Hussein im Irak, aber auch Al-Qaida.
19. Juni 2010
Veranstaltungshinweis
Am Mittwoch, dem 23.06.2010, besteht die Möglichkeit, an einer ca. 90-minütigen Stadtführung mit Dr. Michael Düsing teilzunehmen. Treffpunkt ist um 10 Uhr an der Ecke Roter Weg/Platz der Oktoberopfer.Der Stadtrundgang zur “Geschichte der Juden in Freiberg” gibt einen Überblick über die bisher weitgehend verdrängte und vergessene Geschichte der Juden in der sächsischen Bergstadt.
Er ermöglicht, diese Geschichte anhand ausgewählter und beispielhafter Stationen innerhalb der Stadt nachzuvollziehen, obwohl sichtbare Sachzeugnisse jüdischen Lebens in Freiberg nicht mehr zu finden sind.
Großer Wert wird darauf gelegt, das Leben und die Leistungen jüdischer Bürger der Stadt in Handel, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin und Kultur nachvollziehbar werden zu lassen, mit denen sie Wertvolles und Unverzichtbares zum Aufblühen und Ansehen der Stadt und seiner Bewohner beitrugen. Zugleich wird der Judenhass und Antisemitismus an Beispielen der Verfolgung der Juden in Freiberg dokumentiert.
Der Rundgang beginnt am Roten Weg, im Gebiet des ehemaligen “Judenbergs”, im Mittelalter vor den Stadttoren Freibergs gelegen. Mit seiner Bezeichnung erinnerte dieses Stadtgebiet bis in das 19. Jahrhundert hinein an die frühe mittelalterliche Ansiedlung einer vermutlich ansehnlichen jüdischen Gemeinde. Diese Station erinnert daran, dass Juden eine wichtige Rolle im Handel und Finanzsystem der entstehenden Silberbergstadt Freiberg bis zu ihrer Vertreibung in der Mitte des 15. Jahrhunderts spielten.
Weitere Stationen des Rundgangs führen an Orte, an denen in der Neuzeit - seit der Mitte des 19. Jahrhunderts - jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Unternehmen existierten. Jüdische Geschäfte waren mit ihrem attraktiven, oft preiswerten Warenangebot und dem hervorragenden Kundenservice Anziehungspunkt für viele Freiberger. Das Schocken-Kaufhaus in der Freiberger Petersstraße gehörte seit 1914 zu den modernsten Warenhäusern Sachsens und Deutschlands und bot seinen Angestellten damals einzigartige Sozialleistungen. Jüdische Ärzte genossen ein bemerkenswertes Ansehen. In Erinnerung gerufen wird das Wirken jüdischer Wissenschaftler an der traditionsreichen Bergakademie, die großen Anteil am weltweiten Ansehen dieser einzigartigen Lehrstätte der Bergbaukunde, Geologie und Erzverhüttung hatten.
Der Rassenhass und Antisemitismus, den die Nazis zum organisierten, kaltblütigen Völkermord an Juden perfektionierten, vernichtete jüdisches Leben auch in Freiberg mit beispielloser Menschenverachtung und Grausamkeit. Der Stadtrundgang erinnert an einige der hier einst lebenden jüdischen Familien, die verfolgt, gedemütigt, vertrieben und ermordet wurden. Seit 2007 erinnern so genannte Stolpersteine vor den Wohnhäusern ermordeter Juden an deren Schicksal. Am Ende der perfiden Naziherrschaft entstanden auch in Freiberg Stätten der “Vernichtung durch Arbeit” - KZ-Außenlager, in denen jüdische Frauen, von Auschwitz nach Freiberg deportiert, Zwangsarbeit für die Nazi-Rüstungsindustrie leisten mussten.
Veranstalter:
CJD Geschichtswerkstatt Freiberg, “Buntes Haus” am Wasserberg
Tschaikowskistr. 57a, Mail: bunteshaus[at]cjd-chemnitz.de
in Zusammenarbeit mit dem Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg
Kontakt und Anmeldung: info[at]museum-freiberg.de
Eine weitere Stadtführung findet am Mittwoch, dem 29.09.2010, um 14 Uhr am selben Ort statt.
01. Juni 2010
Anlässlich der antisemitischen Hetztiraden gegen Israel in Reaktion auf die Vorfälle um den Einsatz der Israelischen Armee, sei auf den bei Lizas Welt erschienenen Artikel “Aufgebrachte Narrenschiffe” verwiesen. Weitere lesenswerte Artikel befinden sich auf dem Blog der Botschaft des Staates Israel in Berlin.
Man kann gar nicht anders, als den Organisatoren und Teilnehmern der internationalen „Free-Gaza-Solidaritätsflotte“ zu gratulieren: Sie haben erreicht, was sie erreichen wollten. Denn ihre Aktion, die mit viel Pathos als humanitäre Hilfe für den Gazastreifen deklariert worden war, wurde der von vornherein geplante Propagandacoup für die Hamas. Deren Führer Ismail Haniya hatte schon vor einigen Tagen frohlockt: „Wenn die Schiffe Gaza erreichen, ist das ein Sieg – und wenn sie von den Zionisten terrorisiert werden, ist das ebenfalls ein Sieg.“ Nun hat ein Spezialkommando der israelischen Streitkräfte die sechs Schiffe umfassende Flotte aufgebracht; dabei sind nach unterschiedlichen Angaben zwischen zehn und 19 „Friedensaktivisten“ zu Tode gekommen und mehrere Dutzend verletzt worden. Auch unter den israelischen Soldaten gab es eine Reihe von Versehrten.
Der Tenor in den deutschen Medien ist eindeutig – und ganz im Sinne der Gotteskrieger: „Blutiger Angriff Israels auf Gaza-Hilfsflotte“ (Spiegel Online), „Israel schockt den Nahen Osten“ (Süddeutsche Zeitung), „Angriff Israels auf Solifahrt für Gaza“ (taz), „Israel ohne Maß“ (FAZ) – um nur einige von unzähligen Beispielen zu nennen. Die Bundesregierung sieht den „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ verletzt, verlangt eine internationale Untersuchung und ein „Ende der Blockade“, während Linken-Fraktionschef Gregor Gysi befand: „Ohne im Einzelnen beurteilen zu können, was bei der Besetzung geschah, ist es niemals und durch nichts zu rechtfertigen und deshalb verbrecherisch, dass einseitig das Feuer eröffnet wird und friedliche Menschen getötet oder verletzt werden.“ Mehrere Staaten, darunter Griechenland, Spanien, Ägypten und die Türkei, bestellten den jeweiligen israelischen Botschafter ein. Wer die Schuld an der blutigen Eskalation trägt, wird nicht nur hierzulande also gar nicht erst diskutiert. Doch wie immer, wenn die Wogen der Empörung über dem jüdischen Staat zusammenschlagen, lohnt sich ein genauerer Blick.
Zunächst einmal kann keine Rede davon sein, dass die israelische Spezialeinheit die Flotte angegriffen hat; vielmehr war es umgekehrt: Es gab mehrere Aufforderungen der israelischen Marine an sie, die Seeblockade des Gazastreifens zu akzeptieren, den Kurs zu ändern und den Hafen der israelischen Stadt Ashdod anzusteuern. Die antiisraelischen Aktivisten weigerten sich jedoch, dieser Anordnung Folge zu leisten. Daraufhin enterten israelische Soldaten am Montagmorgen die Schiffe; auf fünf von ihnen leistete die Besatzung offenbar keinen Widerstand. Anders verhielt es sich auf dem größten Schiff, der Mavi Marmara: Dort wurden die Soldaten sofort massiv angegriffen, unter anderem mit Knüppeln, Metallrohren und Messern. Mehrere Videoaufnahmen [insbesondere 1] [2] [3] zeigen diese Attacken deutlich. Nach Angaben eines Armeesprechers setzten die israelischen Spezialkräfte zunächst nicht-tödliches Gerät ein, um das Schiff unter Kontrolle zu bekommen, jedoch ohne Erfolg. Nachdem ihnen schließlich auch noch zwei Handfeuerwaffen entwendet worden seien, hätten sie mit scharfer Munition (zurück)geschossen. Denn die Besatzung habe vorgehabt, die Soldaten regelrecht zu lynchen.
„Friedliche Menschen“, wie Gysi die „Free Gaza“-Seefahrer genannt hat, verhalten sich zweifellos anders. Doch es war ohnehin schon lange vor dem heutigen Morgen klar, dass es sich bei den vermeintlichen Menschenrechtlern in Wirklichkeit um militante Israelhasser handelt, denen das Wohl und Wehe der Palästinenser gleichgültig ist, wenn sie es nicht für eine Kampagne gegen den jüdischen Staat instrumentalisieren können. Greta Berlin, eine der Organisatorinnen der „Solidaritätsflotte“, gab das vor einigen Tagen auch unumwunden zu: „Bei dieser Mission geht es nicht darum, humanitäre Güter zu liefern, es geht darum, Israels Blockade zu brechen“ – eine Blockade, die bekanntlich errichtet wurde, um neuerliche Waffenlieferungen an die Hamas zu unterbinden. Deshalb schlugen Berlin und ihre Mitstreiter in den vergangenen Tagen auch jedes Angebot der israelischen Regierung aus, die Schiffsladungen im Hafen von Ashdod löschen und sie – nach einer Kontrolle auf Waffen und anderes unzulässiges Gut – auf dem (üblichen) Landweg in den Gazastreifen bringen zu lassen.
Aber nicht nur dieser Vorschlag für eine einvernehmliche Lösung wurde von den „Friedensfreunden“ zurückgewiesen, sondern auch – und das macht den Antrieb dieser Freizeitkapitäne besonders deutlich – das Ansinnen der Familie des vor vier Jahren von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit: Die Shalits hatten angeboten, sich bei der israelischen Regierung dafür stark zu machen, dass der Schiffskonvoi im Hafen von Gaza anlegen kann – wenn sich die Mitglieder der Flotte im Gegenzug bei der Hamas dafür einsetzen, dass Gilad Shalit ein Paket mit Lebensmitteln und Briefen übergeben werden darf. Die „Free Gaza“-Aktivisten lehnten ab, was der Rechtsanwalt der Familie, Nick Kaufmann, mit deutlichen Worten kommentierte: „Ich dachte, diese Bewegung unterstütze die Menschenrechte“, sagte er; stattdessen gelte ihre Unterstützung „nur einer Terrorgruppe, die sich selbst überhaupt nicht für Menschenrechte interessiert“.
Zumindest nicht für Menschenrechte, die dem islamischen Verständnis davon zuwiderlaufen, wäre hinzuzufügen. Denn die unter türkischer Flagge fahrende Mavi Marmara – auf der die israelischen Spezialkräfte attackiert wurden – wurde maßgeblich von der radikalislamischen türkischen Organisation IHH organisiert und finanziert. Deren Vorsitzender Bülent Yildirim hielt vor wenigen Tagen in Istanbul bei der Einweihungszeremonie für das Schiff – an der auch zwei von Großbritannien aus operierende Topterroristen der Hamas, Mahmad Tzoalha und Sahar Albirawi, sowie Hamam Said, ein Führer der Muslimbruderschaft in Jordanien, teilnahmen – eine Rede, in der er unter anderem sagte: „Israel verhält sich, wie Hitler sich gegenüber den Juden verhalten hat. Hitler baute Konzentrationslager in Deutschland, und heute baut das zionistische Gebilde Konzentrationslager in Palästina.“
Ebenfalls bei der Feierstunde zugegen war Scheich Raed Salah, der Führer der „Abteilung Nord“ der Islamischen Bewegung in Israel. Salah verfügt nicht nur über gute direkte Kontakte zur Hamas, sondern hat in der Vergangenheit auch mehrfach antisemitische Hasspredigten gehalten. Darin führte er unter anderem aus, die Juden seien „Schlächter von schwangeren Frauen und Babys“, „Diebe“ und „die Bakterien aller Zeiten“; zudem bediente er alte Ritualmordlegenden: „Wir sind nicht diejenigen, die ein Mahl von Brot und Käse in Kinderblut essen.“ Der Sieg sei „mit den Muslimen, vom Nil bis an den Euphrat“. Salah war dann auch einer der Passagiere der Mavi Marmara – bei deren Auslaufen in Istanbul antisemitische Lieder gesungen wurden – und soll bei den heutigen Kämpfen verletzt worden sein.
Über die Vorzüge von unter türkischer Flagge fahrenden Schiffen wurde bereits vor einigen Tagen auf der Website des Palestine Chronicle ganz offen gesprochen respektive geschrieben: Die Türkei sei ein Nato-Mitglied; ein Angriff Israels auf die Mavi Marmara könne deshalb den Bündnisfall provozieren, in jedem Fall aber die Empörung der Weltöffentlichkeit steigern. Und tatsächlich treffen sich die Nato-Botschafter am Dienstag zur Beratung. Da mutet es fast schon ironisch an, dass sich auch drei Politiker der natokritischen Linkspartei an Bord der Mavi Marmara befanden, nämlich die beiden Bundestagsabgeordneten Inge Höger und Annette Groth sowie der frühere Parlamentarier Norman Paech. Weitere deutsche Teilnehmer an der „Solidaritätsflotte“ waren Matthias Jochheim von den Internationalen Ärzten zur Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW) sowie je ein Vertreter von Pax Christi und der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft.
Vor allem die Teilnahme der genannten Politiker am Unternehmen „Free Gaza“ wiegt schwer. Denn hier haben sich deutsche Parlamentarier de facto als Kombattanten der Hamas betätigt und an einem Angriff gegen Israel durch ein von Islamisten gesteuertes, bewaffnetes Schiff beteiligt. Sie haben es mindestens geduldet, dass Israelis bei dem Lynchversuch – und um einen solchen handelte es sich ganz offensichtlich – zu Schaden kommen. Und sie haben es mindestens geduldet, dass es bei diesem Angriff Tote gibt – denn die Angreifer können unmöglich erwartet haben, dass ihre massiven, teilweise durch Schusswaffen ausgeführten Attacken auf israelische Elitesoldaten, die von Hunderten Kollegen in Begleitschiffen unterstützt wurden, ohne Opfer in den eigenen Reihen vonstatten gehen werden (weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass hier öffentlichkeitswirksam „Märtyrer“ produziert werden sollten, auch nicht eben gering ist). Auf die Stellungnahmen von Höger, Groth und Paech darf man deshalb besonders gespannt sein – werden sie am Ende womöglich öffentlich äußern, die Besatzung habe sich „selbst verteidigen“ müssen – in „Notwehr“, und zwar gegen Juden?
In israelischen Medien wird derweil intensiv darüber diskutiert, ob – und gegebenenfalls warum – der Einsatz der Streitkräfte aus dem Ruder gelaufen ist und inwieweit sich der Schaden hätte begrenzen lassen können; womöglich war die Spezialeinheit tatsächlich überrascht von der zu allem entschlossenen Gewalt der „Friedensaktivisten“ an Bord der Mavi Marmara. Ungeachtet dieser Debatte fällt es schwer, gegenüber den getöteten und verletzten Teilnehmern an der „Friedensflotte“ Empathie aufzubringen. Denn deren Motivation – die im weiteren Befeuern des antisemitischen (Propaganda-) Krieges gegen Israel mit allen Mitteln liegt und nicht in der Hilfsbereitschaft gegenüber vermeintlich oder tatsächlich notleidenden Palästinensern – ist allzu offensichtlich. Und genau das sollte im Mittelpunkt des Interesses und der Kritik stehen. Wer den Palästinensern wirklich helfen will, packelt nicht mit der im Gazastreifen herrschenden Judenmörderbande und provoziert keinen Militäreinsatz – sondern erweitert die Parole „Free Gaza“ um ein „from Hamas“.
08. April 2010
Donnerstag, 13 Mai 2010 | 19:00 Uhr | Roter Weg 43
Gesellschaftskritik und Israel
Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis vom Leipziger Bündnis gegen Antisemitismus
Eine solidarische Haltung zum Staat Israel muss der Drehpunkt gesellschaftskritischen Agierens auf der Höhe der Zeit sein. Die ausdrückliche Solidarität mit einem Staat? Wo man als Linker doch den Staat ablehnt - und zwar kategorisch? Einverstanden sein mit einer Nation, wo man doch als kritischer Geist gegen jede Nation ist? Noch dazu mit einer kapitalistischen? Und das auch noch mit einem explizit religiösen Staat, wo man doch auch der Religion kritisch begegnet? Das erscheint vielen radikalen Linken durchaus als Zumutung.
Die solidarische Haltung zum Staat Israel ist kein Rückfall hinter die prinzipielle Kritik an Staat, Nation, Kapital und Religion, sondern ihre spezielle Ausformulierung vor dem Hintergrund des kategorischen Imperativs nach Auschwitz, die Welt so einzurichten, dass nichts ähnliches sich wiederhole. Gerade einer grundlegenden Kritik sind nicht alle Katzen grau. Gesellschaftskritik, die keine solidarische Haltung zu Israel meint, ist nicht radikal genug. Sie kann das Quetschen des Reichtums in die Warenform und somit den Ausschluss der Weltbevölkerung vom Genuss der von ihr erzeugten Produkte nicht im Zusammenhang mit der notwendigerweise ideologischen Ausformung der spätkapitalistischen Gesellschaft erfassen. Eine derartige Herangehensweise verfehlt zwingend das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft ums Ganze und ist somit unfähig zu einer wirklich durchgeführten Kritik derselben.
Solidarität mit dem Staat Israel ist der den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen angemessene kategorische Imperativ der Gesellschaftskritik. Israel steht dafür ein, dass Auschwitz sich nicht wiederholen darf. Ebenso ist die Existenz dieses Staates ein Zeichen dafür, dass die Forderung nach der Befreiung des gesellschaftlichen Reichtums aus seiner Bannung in die Warenform nach wie vor uneingelöst ist und der Erfüllung harrt. Solidarität mit Israel ist die aktuelle Fassung einer grundsätzlichen Kritik an Ausbeutung und Herrschaft, einer Forderung nach Glück und völliger Freiheit für jedes Individuum.
Wie immer gilt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die neonazistischen bzw. rechten Parteien oder Organisationen angehören, der neonazistischen bzw. rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.
10. März 2010
10. März 2010
Das Ganze lässt sich am besten am 07. Oktober 2010 illustrieren. Mit zwei Friedensgebten wollten unter anderem der Verein gegen Extremismus und die TU Bergakademie an diesem Tag den Toten der Bombardierung Freibergs im Zweiten Weltkrieg gedenken. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: “Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein”. So schön so gut: die Friedensgebete waren aber weder hilfreich dem Geschichtrevisionimus der Neonazis, die an dem Tag eine Kundgebung an der Jakobikirsche angemeldet hatten, zu begegnen, noch konnten sie den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs inhaltlich gerecht werden. Man konzentrierte sich auf die “eigenen Opfer” und war nicht gewillt die Bombardierung ausreichend in den geschichtlichen Kontext zu stellen, der offensichtlich werden lässt, dass die Bombardierungen deutscher Städte im Krieg nicht einfach nur eine Rückkehr des von Deutschland ausgegangenen Krieges waren, sondern ein Mittel, um den deutsche Vernichtungskrieg und das Morden in den KZ endlich zu beenden. Und damit wären wir beim eigentlich Thema: Warum versammeln sich 200 Freiberg_innen zu einer Gedenkveranstaltungen für die Toten der Bombardierung, während hingegen jährlich am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, gerade einmal eine Handvoll Menschen den Weg zum Gedenkstein in der Himmelfahrtsgasse findet? Warum wurde bei den Friedensgebeten und in der Berichterstattung über den 07. Oktober nie umfassend die Rolle Freibergs im Nationalsozialismus thematisiert? Die Antwort auf diese Fragen hat sicher mit einem großen Defizit in der richtigen Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun.