Die Kriegskindergeneration in Freiberg
22. Juli 2010
Gesellschaftskritische Zeitung aus Freiberg
22. Juli 2010
22. Juli 2010
„Die Geschichte der sächsischen Bergstadt Freiberg war über Jahrhunderte seit der Stadtgründung am Ende des 12. Jahrhunderts auch eine Geschichte der Leistung und des Anteils jüdischer Bevölkerung an der Entwicklung und am Aufblühen der Stadt und ihrer Umgebung. Bis zum frühen 15. Jahrhundert gehörte Freiberg zu jenen Städten des sächsisch-wettinischen Territoriums, in denen eine bedeutende jüdische Ansiedlung Zeichen wirtschaftlichen Wohlstands und blühenden Handels war.“1
Neben der grausamen Verfolgung und der Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Freiberg, der jüdische Menschen in Freiberg zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen sind und über die wir in den letzten Ausgaben berichtet haben, wollen wir hier auch einmal den fast vergessenen Teil der jüdischen Geschichte Freibergs beleuchten. Denn obwohl der schreckliche Plan der Nationalsozialist_innen – die Ausrottung der europäischen Jüdinnen und Juden – leider erst viel zu spät – vereitelt werden konnte, hatten die Nazis es geschafft, die Erinnerungen an jüdisches Leben weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Aus dem öffentlichen Leben waren Jüdinnen und Juden ohnehin verschwunden und auch in der DDR änderte sich daran wenig.
22. Juli 2010
Am 28. September sollen in Freiberg insgesamt 10 neue Stolpersteine verlegt werden. Einer davon erinnert an Max Freud, der 1942 im KZ Dachau ermordet wurde.
„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt. Ich ziehe die logischen Konsequenzen der heutigen Zeit, nur möchte ich meine Frau, die ich durch die Heirat als Nichtarier unglücklich gemacht habe…retten“, schreibt der Freiberger Max Freud in tiefster Verzweiflung Anfang März 1939 an den damaligen Freiberger Oberbürgermeister Dr. Werner Hartenstein.Nur selten vermögen trockene Akten das Bild einer menschlichen Tragödie so bedrückend nachvollziehbar machen, wie jene, die sich im Stadtarchiv Freiberg unter „Ausländersachen 1935 – 1945“ zu dem aus dem tschechisch-polnischen Grenzgebiet Teschen (heute Cieszyn/?eský T?šín) stammenden Handelsvertreter Max Freud noch heute finden lassen.
1909 hatte sich der damals 26-Jährige in Freiberg niedergelassen und war hier 1911 zum lutherischen Glauben konvertiert. Früh in erster Ehe verwitwet, heiratete er hier ein zweites Mal und ernährte als sächsischer Vertreter eines großen Weinhauses aus Bingen am Rhein eine bald immer größer werdende Familie mit vier eigenen Kindern und einem Pflegekind. Ein Freiberger Polizeibeamter beschrieb ihn – inmitten der Judendemagogie der Nazis - als einen „eher ruhigen, etwas menschenscheuen“, nie streitsüchtigen und nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommenen Mann. Dennoch war Max Freud seit dem Machtantritt der Nazis 1933 immer stärker unter Druck geraten und an den Rand der Gesellschaft getrieben worden. Das Freiberger Arbeitsamt entzog ihm – selbstverständlich durch Nazi-Gesetze gedeckt - im Sommer 1938 die Arbeitserlaubnis. Ende 1938 musste er seinen Gewerbeschein abgeben. Immer verzweifelter versuchte Max Freud, sich und seine Familie vor dem Ruin zu retten.
22. Juli 2010
Allerdings errichteten die Nationalsozialisten bereits wenige Jahre zuvor an selber Stelle ein sogenanntes Schutzhaftlager, in dem Oppositionelle eingesperrt und gefoltert wurden. Eine weitere Terrorstätte befand sich im Gebäude des ehemaligen Porzellanwerkes am Hammerberg. Dort wurden mindestens 38 Antifaschisten grausam gefoltert. In der Fronfeste waren teilweise bis zu 26 Häftlinge inhaftiert. Auch der spätere Freiberger Bürgermeister und Buchenwald-Überlebender Karl Günzel wurde am 7. März 1933 eingekerkert, ebenso wie die Leitungsmitglieder der KPD, die Gebrüder Beckert, zwei Tage später. Nachts soll der NSDAP-Kreisleiter die eingesperrten Häftlinge durch den Türspion beobachtet haben. Für ihre Bewachung und ebenso für die Verpflegung hatten die Häftlinge selbst zu zahlen. Der Tagessatz des Polizeiamtes betrug zwei Reichsmark, was damals allerdings sehr viel Geld gewesen ist.1
Die „Schutzhaftlager“ existierten in Freiberg bis Ende 1935. Mit der Einführung von Sondergerichten wurden Tausende – das Sondergericht des Landes Sachsen hatte seinen Sitz in Freiberg - in Schnellprozessen zu Haftstrafen verurteilt und später in Konzentrationslager überführt. Angesichts der verübten Verbrechen wäre ein Hinweis am Haus und in der Rubrik Geschichte auf der Website des Hotels wohl durchaus angebracht. Zumal sich am Haus bereits eine Gedenkplakette befindet, die die Zeit des Nationalsozialismus allerdings ausspart.
1Bélafi, Béla (1986): Von der Errichtung der faschistischen Diktatur bis Kriegsbeginn. In: Kasper, Hanns-Heinz/Wächtler, Eberhard (Hrsg.): Die Geschichte der Bergstadt Freiberg. Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger: S. 282
10. März 2010
10. März 2010
Das Ganze lässt sich am besten am 07. Oktober 2010 illustrieren. Mit zwei Friedensgebten wollten unter anderem der Verein gegen Extremismus und die TU Bergakademie an diesem Tag den Toten der Bombardierung Freibergs im Zweiten Weltkrieg gedenken. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: “Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein”. So schön so gut: die Friedensgebete waren aber weder hilfreich dem Geschichtrevisionimus der Neonazis, die an dem Tag eine Kundgebung an der Jakobikirsche angemeldet hatten, zu begegnen, noch konnten sie den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs inhaltlich gerecht werden. Man konzentrierte sich auf die “eigenen Opfer” und war nicht gewillt die Bombardierung ausreichend in den geschichtlichen Kontext zu stellen, der offensichtlich werden lässt, dass die Bombardierungen deutscher Städte im Krieg nicht einfach nur eine Rückkehr des von Deutschland ausgegangenen Krieges waren, sondern ein Mittel, um den deutsche Vernichtungskrieg und das Morden in den KZ endlich zu beenden. Und damit wären wir beim eigentlich Thema: Warum versammeln sich 200 Freiberg_innen zu einer Gedenkveranstaltungen für die Toten der Bombardierung, während hingegen jährlich am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, gerade einmal eine Handvoll Menschen den Weg zum Gedenkstein in der Himmelfahrtsgasse findet? Warum wurde bei den Friedensgebeten und in der Berichterstattung über den 07. Oktober nie umfassend die Rolle Freibergs im Nationalsozialismus thematisiert? Die Antwort auf diese Fragen hat sicher mit einem großen Defizit in der richtigen Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun.
15. November 2009
Vertreter_innen der Stadt gedenken gemeinsam mit Neonazis
Am 15. November riefen die Stadt Freiberg und lokale Initiativen wie jedes Jahr dazu auf, am sog. Volkstrauertag den Opfern von Krieg, Gewaltherrschaft und Vertreibung zu gedenken. Es wurden Kränze an der Gedenktafel für die Zwangsarbeiterinnen des KZ-Außenlagers in Freiberg am Landratsamt, am Gedenkstein für die bei der Bombardierung am 07. Oktober 1944 getöteten Freiberger auf dem Donatsfriedhof, sowie bei den Denkmälern für die Opfer des Stalinismus und der sog. Heimatvertriebenen abgelegt. Während um die Vertriebenen und Bombentoten eine Gruppe von 20-30 Personen trauerte, fand sich lediglich eine Handvoll Menschen von VVN und Linkspartei am Mahnmal für die Verfolgten des Naziregimes ein. Die anderen fehlten.23. Oktober 2009
“…jede Detonation ist wie ein Geschenk!”
Am 7. Oktober jährte sich die Bombardierung Freibergs zum 65 Mal. 1944 flogen alliierte Bomberverbände der 8. US-Luftflotte einen Angriff auf die im heutigen Tschechien liegende Stadt Most. Da im Zielgebiet allerdings starker Nebel festgestellt wurde, kehrten die Verbände um und suchten Ausweichziele. 24 Flugzeuge bombardierten dabei Freiberg, 171 Menschen kamen ums Leben.
05. Mai 2009
Der Franz-Mehring-Platz ist Teil des heutigen Wohngebiets Seilerberg, das seinerseits auf das Projekt einer “Freiberger Siedlung” zurückgreift, mit deren Bau – außerhalb der Altstadt, zwischen Berthelsdorfer und Hegelstraße - 1924 begonnen wurde. Es ging um die Bereitstellung preiswerten Wohnraums für sozial schwächere Familien im Sinne des Gartenvorstadt-Modells. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre bereitete der Bautätigkeit jedoch bald ein Ende.
In der Naziära wurde die Siedlung ab 1933 unter Anwendung verschiedener Bauformen (Einfamilien-Doppelhäuser, später Sechsfamilienhäuser) nach einem Projekt des Stadtbaudirektors Dr. Salzmann (u. a. Krankenhaus am Donatsring) zunäcchst zügig erweitert. Die Finanzierung erfolgte teils aus Eigenmitteln der künftigen Eigentümer, teils mit Hilfe von Darlehen von deren Arbeitgebern.