Artikel mit dem Tag „regionale Nazistrukturen“

Bei Anruf Hausdurchsuchung

erschienen in Jungle World 27/2011

Drohungen, Schlägereien, Brandanschläge – linke Jugendliche im sächsischen Limbach-Oberfrohna haben es mit einer überaus gewalttätigen Naziszene zu tun. Nach einem Naziangriff auf Linke ermittelt die Polizei nun ausgerechnet gegen einige von ihnen.

von Michael Bergmann

Warum er noch in Limbach-Oberfrohna wohne? »Das würde ich auch mal gern wissen. Aber man kann doch diesen ganzen Idioten nicht einfach das Feld überlassen!« sagt ein linker Jugendlicher. Linke haben es in der sächsischen Stadt nicht leicht. Am Pfingstwochenende wollten jugendliche Mitglieder der »sozialen und politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna« mit dem Ausbau eines neuen Infoladens beginnen. Die alten Räume waren durch einen Brandanschlag im November 2010 zerstört worden.

Bereits am Freitag des Pfingstwochenendes zogen jedoch Nazis am Haus vorbei und skandierten: »Wir fackeln euch ab!« Die Jugendlichen riefen die Polizei, die Beamten nahmen nach deren Angaben allerdings zuerst die Personalien der anwesenden Linken auf. Zeugenaussagen zufolge drohten Nazis den Jugendlichen im Beisein der Beamten immer wieder, ohne dass die Polizisten darauf reagierten. Am Abend versuchten kleinere Gruppen von Nazis mehrmals, das Haus anzugreifen. Die Jugendlichen begannen daraufhin, die Fenster zu verbarrikadieren.

Die Angriffe gingen am Pfingstsamstag nach Einbruch der Dunkelheit weiter. Die Polizei wurde telefonisch informiert, reagierte jedoch nicht. Nachdem sich die linken Jugendlichen zur Wehr gesetzt hatten und ein Nazi dabei verletzt worden war, griffen etwa 20 vermummte Rechtsextreme das Haus mit Flaschen und Steinen an. Minutenlang versuchten sie, in das Gebäude einzudringen. Als die Polizei eintraf, flüchteten sie. Doch statt die Angreifer zu verfolgen, stürmte ein Großaufgebot der Polizei das Haus und nahm die linken Jugendlichen vorübergehend fest. Noch bevor die Hausdurchsuchung vollständig abgeschlossen war, veröffentlichte die Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge eine Pressemitteilung, in der sie von umfassenden Waffenfunden berichtete: »Pyrotechnik, Teleskopschlagstöcke, Schlagringe sowie Schleudern für Knallgeschosse, Stahlkugeln und Sturmhauben«. Zudem schrieb die Polizei in ihrer Pressemeldung: »Ein eingesetzter Sprengstoffsuchhund fand mehrere Flaschen und Gläser mit Substanzen, die sichergestellt wurden, unter anderem 400?ml Schwarzpulver und 400?ml Kaliumnitrat.«

Die Kommentare und Schlagzeilen in der Regionalpresse waren eindeutig, die Freie Presse schrieb beispielsweise von »linker Selbstjustiz«. Der angebliche Sprengstofffund beherrschte tagelang die Titelseiten regionaler Zeitungen. Die Gegendarstellungen von Abgeordneten der Linkspartei, eine Pressemitteilung der Opferberatungsstellen der RAA Sachsen sowie die Ausführungen der Betroffenen selbst wurden in den öffentlichen Diskussionen nicht berücksichtigt.

Auf Nachfrage gibt der Pressesprecher der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge an, dass drei Wochen nach den Ereignissen noch nicht sicher sei, ob es sich tatsächlich um die in der Pressemitteilung beschriebenen Substanzen handele: »Die Untersuchungen des LKA dazu dauern momentan noch an.« Die Pressestelle des Landeskriminalamts Sachsen konnte den Fund von Schwarzpulver oder anderen sprengstoffähnlichen Substanzen bis Redaktionsschluss ebenfalls nicht bestätigen. Nach Auskunft der Jugendlichen handelt es sich bei dem Fund lediglich um dunklen Sand für ein Berufsschulprojekt sowie um ein herkömmliches Düngemittel. Gegen sie wird nach wie vor wegen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie das Sprengstoffgesetz ermittelt.

Nazis sind in Limbach-Oberfrohna nicht erst seit Pfingsten ein Problem. Seit dem Jahr 2008 versucht eine Gruppe junger Menschen, auf die starke Zunahme der Gewalt und den stetig wachsenden Organisationsgrad der Naziszene in der westsächsischen Kleinstadt hinzuweisen. Die Reaktionen der Öffentlichkeit erinnerten lange Zeit an die frühen neunziger Jahre: Das Problem wurde geleugnet oder kleingeredet, die von der Gewalt Betroffenen wurden teilweise selbst verantwortlich gemacht (siehe auch Jungle World 4/2010). Die Eltern der angegriffenen Jugendlichen schlossen sich in einer Bürgerinitiative zusammen und versuchten, das Schweigen im Ort zu brechen.

Spätestens nach dem Brandanschlag auf das Vereinshaus der »sozialen und politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna« im November 2010 – eine Woche nachdem der Verein für den Sächsischen Demokratiepreis nominiert worden war – konnten die politisch Verantwortlichen in der Stadt die Vorgänge nicht mehr ignorieren. Die Medien berichteten überregional über den Angriff und stellten unbequeme Fragen zu den Maßnahmen der Stadt gegen die Naziszene. Der CDU-Landtagsabgeordnete Jan Hippold gründete deshalb ein »Bürgerbündnis gegen Extremismus«, bei dessen Gründungstreffen auch der NPD-Stadtrat Thorsten Schneider seine Mitarbeit ankündigte. Hippold verteidigte dies, die NPD sei keine verbotene Partei. Schließlich wurde die NPD aber ebenso wie die Linkspartei auf der Grundlage einer Antiextremismuserklärung ausgeschlossen. Die Stadt setzte zudem einen Präventionsbeauftragten ein. Tatsächlich hat sich in Limbach-Oberfrohna seit Herbst 2010 nicht wirklich etwas geändert. Menschen, die wegen ihres Erscheinungsbildes nicht in das Weltbild der Nazis passen, sind permanenten Angriffen ausgesetzt. Über ein Problem mit der Naziszene wird nur dann geredet, wenn angemerkt werden darf, dass auch der »Linksextremismus« Schwierigkeiten mache.

Die Öffentlichkeit in Limbach-Oberfrohna ist seit dem vermeintlichen Sprengstofffund gespalten. Manche schlagen vor, dass linke und rechtsextreme Jugendliche miteinander reden sollten, um sich wieder zu vertragen. So diskutieren Träger der Jugendarbeit tatsächlich über einen gemeinsamen Jugendclub für Linke und Rechtsextreme. Andere sehen offenbar ihre Ressentiments gegen linke Jugendliche bestätigt, die sich ihrer Ansicht nach nicht von den Nazis unterscheiden. So meldete sich Peter Lorenz, der Vorsitzende des Kreis­elternrats Mittelsachsen, in der Online-Kommentarspalte der Freien Presse zum »Gerangel zwischen rechtsradikalen Idioten und linksautonomen Spinnern« zu Wort: »Wo kommen wir denn hin, dass eine so imposante Stadt wie Limbach sich von diesen Lumpen terrorisieren lassen muss?«

Biedermann Felgner und Brandstifter Saxus

Communiqué der Antifaschistischen Gruppe Freiberg und der Autonomen Antifa Freiburg vom 14.10.2010

Im „Nationalsozialisten Privatforum“ auf thiazi.net hetzt der notorische Holocaust-Leugner und glühende Nationalsozialist „Saxus“ gegen Juden, Schwarze und Linke. Außerhalb des Internets ist „Thiazi“-Mitglied Nr. 33517 seit 2008 Kreisrat für die NPD in Mittelsachsen und erreichte 2009 als NPD-Landtagskandidat 5,7% der Direktstimmen im Wahlkreis 20 Freiberg 2. „Saxus“ heißt mit bürgerlichem Namen Tino Felgner. (Bild) Felgner wurde 1964 geboren und wuchs in der DDR auf. Er lebt von staatlicher Unterstützung, seinen Abgeordneten-Bezügen und dem Verkauf von Zinnfiguren und Militaria-Devotionalien über seinen eBay-Account „saxe64“. Durch den Hack des „Thiazi“-Forums am 17. September wurde die Identität von „Saxus“ aufgedeckt und seine tausenden Hass-Kommentare zuordenbar, durch die Veröffentlichung des „Nationalsozialisten Privatforums“ am 3. Oktober wurde auch seine dort veröffentlichte Hetze für alle einsehbar. Den vollständigen Artikel lesen »

70 Nazis opfern in Freiberg

Anlässlich des 66. Jahrestages der Bombardierung Freibergs riefen Autonome Nationalisten aus Freiberg heute, 18:30 Uhr, zum Trauermarsch am Bahnhof auf. Dem Aufruf folgten ca. 70 Nazis aus Freiberg und Umgebung. Anders als letztes Jahr, wo NPD-Kreisrat Steve Weisbach eine Kundgebung angemeldet hatte, nahmen dieses Mal allerdings keine Mitglieder der Freiberger NPD am Trauermarsch teil. Auch Maik Müller, langjähriger Verbindungsmann der Freien Kräfte aus Dresden, fehlte. NPD-Stadträtin Heidelore Karsten distanzierte sich in der heutigen Stadtratssitzung gar von der Demonstration. Das lässt auf ein weiteres Zerwürfnis zwischen NPD und Autonomen und Freien Kräften schließen. Die Demonstration war durchgehend von Autonomen Nationalisten dominiert, auch viele junge Freiberger Nazis, die bisher kaum in Erscheinung getreten waren, beteiligten sich daran. Angemeldet wurde sie von Mario S. aus Langenau. Den vollständigen Artikel lesen »

Autonom und National

Die Modernisierung des Neonazismus am Beispiel der „AG Germania“

Bilder: Recherche Ost

Seit nunmehr fast zehn Jahren gibt es innerhalb des deutschen Neonazimus das Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ (AN). Entstanden ist diese Strömung aus den sogenannten „Freien Kameradschaften“, welche meist als parteiunabhängige Kleingruppen organisiert waren und lange Zeit das öffentliche Bild der Naziszene bestimmten. Mittlerweile sind das Auftreten und die Aktionsformen der AN von fast keiner Neonazidemonstration mehr wegzudenken.

Die neue Strömung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie einen vermeintlich „linksradikalen“ kulturellen Habitus adaptiert. Dazu gehört sowohl das Auftreten als „Schwarzer Block“ bei Demonstrationen, Layout und Textstilistik von Flugblättern, Internetseiten und Transparenten, die an jene der Autonomen Antifa bis ins Detail erinnern, aber auch die Übernahme von subkulturellen Codes und Kleidungsstilen verschiedener alternativer Jugendkulturen, wie z.B. der Punk- und Hardcoreszene. So ist es mittlerweile Alltag, dass man manche „rechte“ und „linke“ Demonstrant_innen nur noch an der Aufschrift ihrer Anstecker und Aufnäher auseinander halten kann.

Der Betreiber der AG-Germania-Seite bei einer Nazidemonstration am 1. Mai 2010 in Hoyerswerda.

Der Betreiber der AG-Germania-Seite bei einer Nazidemonstration am 1. Mai 2010 in Hoyerswerda.

Zu fragen bleibt, warum Neonazis gerade das Auftreten ihrer vermeintlich größten Widersacher, also das von autonomen Antifaschist_innen, kopieren. Ein Grund ist zweifelsohne der Wunsch, endlich vom Image des ungebildeten Naziskinheads weg zu kommen. Damit verbunden ist auch die taktische Überlegung, neue „Zielgruppen“ zu erreichen, die bis dato vom Bild des Naziskins abgeschreckt waren. Ein anderer - und das scheint der weitaus wichtigere zu sein - ist die heimliche Bewunderung der Nazis für das kämpferische Auftreten „der Antifa“, das sich am besten in der Ästhetisierung von Gewalt in Form des „Schwarzen Blocks“ ausdrückt. Dieser symbolisiert nach außen Uniformierung, Kampfgemeinschaft, Männlichkeit und Gewalt1. In der inszenierten Gemeinschaft des „Schwarzen Blocks“ geht das einzelne Individuum unter und an seine Stelle tritt ein Kollektiv, das Stärke zeigt und zur gemeinsamen Tat drängt.

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Nazi-Deckert scheitert mit Klage

Der verurteilte Holocaustleugner und ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert ist am 15. April mit seiner Klage gegen einen Bescheid des Landratsamtes Mittelsachsen gescheitert. Das Chemnitzer Verwaltungsgericht konnte keinen Mangel am amtlichen Vorgehen des Landratsamtes feststellen. Durch den Bescheid wird Deckert untersagt, öffentliche Veranstaltungen auf dem Gelände des alten Gasthofes in Gränitz zu veranstalten. Deckert hatte den Gasthof 2001 für 20000 DM erworben und plante, dort ein nationales Zentrum zu errichten. Seitdem fanden am Haus zahlreiche Renovierungsarbeiten und des öfteren Nazitreffen statt, so zuletzt am 19. Dezember die Weihnachtsfeier und Mitgliederversammlung der regionalen NPD. Am 17. April trafen sich außerdem etwa 100 Nazis zu einem “Zeitzeugenvortrag” und anschließendem Liedermacherabend höchstwahrscheinlich auch im Gasthof in Gränitz. Der Gasthof ist damit Rückzugs- und Veranstaltungsraum für Nazis aus der Region und stellt trotz des Verbotes der öffentlichen Nutzung eine erhebliche Gefahr da. Weitere Ereignisse rund um Deckert und sein Nazizentrum sind auf dem Infoblog gegen das Nazizentrum in Gränitz dokumentiert.

Ausgabe #40 - September/Oktober 2004

Seite 1 von Ausgabe #40

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Themen
Alte Mensa
Neues aus Sauberberg
Juden in Sachsen
Amal-Bericht
Hartz IV und die SPD
Neonazis im Kreistag
Nazi Deckerts Geldgier
Freie Presse wirbt für die NPD
16. Buchenwald-Camp
LeserInnenpost
Tootsies & Boggle

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Ausgabe #39 - Juli/August 2004

Seite 1 von Ausgabe #39

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Themen
Neonazis im Parlament
Sauberberg
Hartz IV
Viva Cuba
Anti-Terrorgesetze
Fußball anders
Alltäglicher Rassismus
Deckert vor Gericht
SSS+Antifa in Pirna
Vavarin
Radio Darmstadt: Freiberg
Lesestoff
Tootsies & Boggle

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Ausgabe #38 - Mai/Juni 2004

Seite 1 von Ausgabe #38

Seite 1 von Ausgabe #38

Themen
Freiberg gegen Sozialabbau
Armut auf breiter Front
Zwangsumsiedlungen
Frische Nazis in Freiberg und vor Gericht
Radio Darmstadt: Ehrenwertes Freiberg
Frauen in die Parlamente
Leserbrief
Tootsies & Boggle

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Ausgabe #36 - Januar/Februar 2004

Seite 1 von Ausagbe #36

Seite 1 von Ausagbe #36

Themen
Genug-Geld
SWG-Monopoly
Alternative Liste
Fest der Kulturen
Demo gegen Sozialabbau
Antifa-Informationen
Lesung mit Gisela Karau
PDS-Chancen
Varvarin
Leserbrief
Die Tootsies und Boggle

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Ausgabe #28 - Juni/August 2002

Seite 1 von Ausgabe #28

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Themen
Weltoffenheit pur
Bündnis für mehr Menschlichkeit
Interview mit Konrad Heinze
Bewährungsstrafe für Kinderschläger
Überleben als Asylbewerber in Freiberg
Kurzprosa an einen Freund
“Kein Nazizentrum in Gränitz und auch nicht anderswo!”
wirtschaftsflüchtiges Volk
Leserbriefe
Lyrik & Rätsel

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